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Bauernverband warnt vor Folgen horrender Düngerpreise

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Landwirt fährt Gülle aus
Ein Landwirt bringt mit seinem Gespann Gülle auf einem Feld aus. © Philipp Schulze/dpa/Archivbild

Die explodierenden Erdgaskosten wirken sich auch auf die Preise und die Produktion chemischer Düngemittel aus. Viele Landwirte fahren das Düngen so weit wie möglich zurück. Das sorgt für sinkende Ernteerträge und steigende Lebensmittelpreise.

Kassel/Friedrichsdorf - Die steigenden Energiekosten treiben die Preise für Düngemittel schon seit Monaten in die Höhe. Der Krieg in der Ukraine hat die Situation erheblich verschärft. „Im Vergleich zum vergangenen Jahr haben sich die Preise für Mineraldünger verfünffacht“, sagt der Präsident des Hessischen Bauernverbands, Karsten Schmal. „Das ist wirtschaftlich für die Betriebe überhaupt nicht mehr darstellbar.“

Ursache für die Kostenexplosion sind vor allem die hohen Gaspreise, die etwa 80 Prozent der Kosten für die Produktion von Stickstoffdünger ausmachen. Wegen der horrenden Preise zögerten viele Landwirte beim Kauf in der Hoffnung auf sinkende Preise. Die Nachfrage ging zurück, Hersteller drosselten die Produktion, Düngemittel wurde knapp und die Preise stiegen weiter.

Preissprünge dieser Dimension habe er noch nicht erlebt, ebenso wenig die Sorge, ob überhaupt noch Dünger zu bekommen sei, sagt Schmal. „Unter diesen Bedingungen bringen die Landwirte natürlich so wenig Mineraldünger aus wie irgend möglich.“ Zwar sei die Ernährungsversorgung in Hessen und Deutschland aktuell noch sichergestellt, aber die Ernte werde zwangsläufig kleiner ausfallen und die Lebensmittelpreise würden steigen, warnt er.

Für das kommende Jahr wage er keine Prognose. „Alles hängt von der weiteren Entwicklung des Krieges in der Ukraine ab.“ Nicht zuletzt, weil die Ukraine selbst als Kornkammer Europas gilt. Schmal berichtet von Kontakten zu Landwirten vor Ort. Sie könnten wegen Treibstoffmangels oder Beschusses derzeit nicht aussäen. Die Folge: Getreideknappheit und steigende Preise. „Ein Land wie Deutschland kann sich das vielleicht noch leisten, aber Länder wie Afrika sicher nicht. Das kann zu einer extremen Hungersnot und einem Flüchtlingsstrom führen“, befürchtet er.

In Sachen Dünger spielt auch Russland eine wichtige Rolle - sowohl als Lieferant von Erdgas als auch von Stickstoff, Phosphat und Kali. Kali ist neben Stickstoff und Phosphor einer der Hauptnährstoffe für Pflanzen. Gemeinsam mit Belarus zählt Russland zu den größten Kaliproduzenten der Welt. „Wir reden über etwa ein Drittel der Weltproduktion von Kaliprodukten“, erläuterte kürzlich der Vorstandschef des Kasseler Kali- und Salz-Konzerns K+S, Burkhard Lohr.

Das Unternehmen gilt zwar als ein Profiteur der hohen Düngerpreise - die Aktie steigt seit Jahresbeginn und der Konzern erwartet für das laufende Jahr das beste Ergebnis in der Firmengeschichte. Dennoch warnte Lohr: Ausfälle aus Russland und Belarus wirkten sich nicht nur auf die Kalipreise aus, sondern auch auf die Mengen landwirtschaftlicher Produkte, die erzeugt werden können, und somit auf die Ernährung der Weltbevölkerung. K+S und die übrigen Kaliproduzenten seien weit davon entfernt, die Ausfälle ausgleichen zu können.

Was also könnte eine Alternative zu den teuren und knappen Mineraldüngern sein? Natürlicher Dünger könne wieder bedeutsamer werden, teilt der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) in Kassel mit. Denn Gülle, Mist und Co. sind günstiger als mineralische Dünger. Allerdings entsteht Ammoniak, wenn sich Harn und Kot von Nutztieren miteinander vermischen. In Form des Gases verflüchtigt sich in den Ställen und bei der Gülleausbringung gelangt jede Menge Stickstoff in die Luft.

Schon seit Jahren wird daher untersucht, wie verschiedene Zusatzstoffe diese Emissionen reduzieren können. Im Projekt EmiGüll, das durch das Hessische Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefördert wird, forscht Andreas Sünder vom LLH derzeit an alternativen Güllezuschlagstoffen, die auch für den ökologischen Landbau zugelassen werden können. „Eine Mischung aus Leonardit, Gesteinsmehl und Pflanzenkohle hat in Laborversuchen bereits vielversprechendes Ammoniak-Reduktionspotenzial gezeigt“, sagt der Agraringenieur.

Gesteinsmehl, ein mineralischer Bodenhilfsstoff, wird meistens aus Basalt oder Lavagestein gewonnen. Leonardit ist eine Vorstufe der Braunkohle und entsteht aus der Humifizierung von Pflanzen und anderen Stoffen. Pflanzenkohle entsteht aus pflanzlicher Biomasse. Ab Sommer soll der ammoniakmindernde Effekt der Mischung auch im Rinderstall und bei der Gülleausbringung auf dem Land untersucht werden.

Natürlicher Dünger sei sicher eine Alternative, sagt auch Karsten Schmal. Allerdings gebe es in Hessen selbst nicht genug Gülle, um die heimischen Betriebe zu versorgen. „Hessen hat einen vergleichsweise kleinen Tierbestand.“ Um die Landwirte zu entlasten, fordert er vor allem, die Energiesteuer auf Benzin, Diesel, Erdgas und Heizöl zu senken. Es sei wichtig, dass sie sich das Düngen wieder leisten können. Zwar könne man das Düngen auf gut versorgten Böden mal ein Jahr zurückfahren. „Aber die Qualität leidet sofort.“ Wenn längere Zeit nicht ausreichend gedüngt werde, sei der Nährstoffmangel nicht kurzfristig wieder zu beheben. dpa

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