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Politik

Bildung: 30 Schulen pro Jahr dürfen auf Noten verzichten

Die Grünen haben ihren Stimmenanteil bei der letzten Landtagswahl verdoppelt, die CDU erlitt Verluste. Die größer gewordene Bedeutung des kleineren Koalitionspartners zeigt sich auch in der Schulpolitik.

Wiesbaden - Viele hessische Schulen sollen künftig selbst entscheiden können, ob sie ihre Schüler benoten oder ihnen stattdessen schriftliche Bewertungen ausstellen. Stefan Löwer, Sprecher des hessischen Kultusministers Alexander Lorz (CDU), bestätigte gestern einen entsprechenden Vorabbericht der FAZ.

Löwer legte aber gegenüber dieser Zeitung Wert auf die Feststellung, dass pro Jahr nur 30 der insgesamt 1800 hessischen Schulen diese Maßnahme ergreifen können. Bis Ende der Legislatur dürften also insgesamt nur 150 Schulen ihr Beurteilungssystem umstellen. Außerdem, so hebt Löwer hervor, müsse bei einem Schulabschlusszeugnis (Haupt- oder Realschulabschluss) ein „Zeugnis mit Ziffernnoten“ erstellt werden. Wenn ein Schüler die Schule wechsle, werde er auf jeden Fall auch weiterhin ein Zeugnis mit den klassischen Noten erhalten, so Löwer.

Die Regelung ist vor allem für Gesamtschulen gedacht, es ist aber keine Einschränkung auf eine Schulform vorgesehen. Sie ist damit theoretisch auch für Grundschulen und Gymnasien offen. Das gilt aber nicht für die gymnasiale Oberstufe. Insgesamt handele es sich bei dem Plan noch um eine „Absichtserklärung“, die noch mit Leben gefüllt werden müsse, hieß es aus dem Kultusministerium.

Das Vorhaben geht auf eine Wahlkampf-Forderung der Grünen zurück. Ziel sei es, den Schulen mit der Regelung zu einer freien Entscheidung über eine mögliche Benotung „endlich einen Aufbruch“ zu ermöglichen, sagte deren Fraktionschef Mathias Wagner der FAZ. Es gehe nicht um weniger Leistung. Vielmehr seien im Gegenteil „die Bildungsziele mit einer anderen Pädagogik teilweise besser zu erreichen“. Die Regelung sei zudem „ein Angebot und keine Pflicht“, sagte Wagner. Im Wahlprogramm der Grünen für die Landtagswahl hieß es, Schulen solle es ermöglicht werden, dass sie „freiwillig schriftliche Bewertungen als Ergänzung oder anstelle von Ziffernnoten bis Jahrgangsstufe 8 einführen können“.

Bildungspolitik: Erstarkte Grüne

Die CDU hatte bei der Landtagswahl deutliche Verluste erlitten und war geschwächt in eine Fortsetzung der Koalition mit erstarkten Grünen gegangen, deren Handschrift im Koalitionsvertrag nun deutlicher zu erkennen ist als zuvor. Doch in der CDU gibt es laut FAZ-Bericht große Vorbehalte gegen die Reform der Bildungspolitik, von „Sprengkraft“ spricht ein Parteimitglied bei dem Thema.

Schulpolitik war in Hessen jahrzehntelang ein ideologisch aufgeladenes Kampfthema vor allem zwischen CDU und SPD. Deren Kultusminister Ludwig von Friedeburg (von 1969 bis 1974), der von der linksgerichteten Frankfurter Schule geprägt war, wollte die Schule reformieren und die Gesamtschule als Regelschule einführen. Er stieß dabei auf den erbitterten Widerstand der Konservativen. Heute haben sich die Lager angenähert.

Denn im Koalitionsvertrag zwischen CDU und Grünen heißt es fast im Schulreform-Deutsch von damals: „Wir wollen Schulen die Möglichkeit geben, pädagogisch neue Wege bei der Erreichung der Bildungsziele zu gehen. An Schulen, die diese Möglichkeit nutzen, sollen Abweichungen bei der Unterrichtsorganisation und -gestaltung zulässig sein.“ Aber es wird betont, dass die Standards der Bildungsgänge eingehalten werden müssen.

Verzicht auf Noten: Alle müssen zustimmen

Schulen, die an dem Programm teilnähmen, könnten, so der Koalitionsvertrag weiter, „Unterricht fächerübergreifend erteilen, jahrgangsübergreifende Lerngruppen bilden, Konzepte zur stärkeren Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern in die Gestaltung des Unterrichts umsetzen oder Rückmeldungen über den Lernfortschritt und den Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler in Form einer schriftlichen Bewertung geben“. Es wird ausdrücklich betont, dass der Aussetzung der Benotung neben Schulkonferenz auch Schulelternbeirat und Schülervertretung zustimmen müssten.

Kommentar pro Noten von Dieter Sattler: 

Noten sind wichtig - Ohne Leistungsprinzip schwindet der Wohlstand

Das 50-Jahre-Jubiläum der 1968er-Bewegung ist jetzt auch schon wieder vorbei. Aber es gibt eine Partei, die immer noch für die Ideale jener Bewegung kämpft. Es sind die Grünen. Und die haben in Hessen bei der Landtagswahl ihren Stimmenanteil so erhöht, dass sie jetzt sogar die DNA ihres geschwächten Koalitionspartners CDU angreifen können. Anders kann man die partielle Abschaffung der Noten nicht nennen.

Das Leistungsprinzip in der Schule war bei der Union immer hochgehalten worden. Es wird aber jetzt verwässert. Natürlich ist es nicht schön, das ganze Leben unter Leistungsdruck zu stehen („von der Empfängnis bis zum Begräbnis nur Bedrängnis“, klagte schon Erich Kästner). Aber es nutzt auch nichts, wenn man versucht, den Nachwuchs immer länger vor dem Ernst des Lebens zu bewahren. Aber der Tag, an dem er mit der Realität konfrontiert wird, kommt. Und dann sind Überbehütete oft schlecht vorbereitet.

Die Grünen vergessen auf ihrem Weg zur Wohlfühl-Partei (siehe Robert Habecks Forderung nach Abschaffung der Sanktionen für junge Arbeitsverweigerer), dass unser aller Wohlstand sich dem Leistungsprinzip verdankt. Durch ihre Arbeit und Kenntnisse schaffen die Deutschen Produkte, die sich in alle Welt verkaufen. Und die Basis zu jenen Fähigkeiten legt nunmal die Schule. Natürlich sollte man dort und auch später versuchen, jedem Einzelnen gerecht zu werden und wenn nötig eine zweite und dritte Chance zu geben. Man könnte auch erwägen, das starre Notensystem flexibler zu gestalten, indem zum Beispiel die 15-Punkte-Regel schon ab der 5. Klasse eingeführt wird. Aber das alles hat seine Grenzen. Irgendwann müssen wir doch alle Farbe bekennen, ob das schon in der Grundschule, im Sportverein, beim Abitur, im Studium oder spätestens am Arbeitsplatz passiert.

Es ist kein Zufall, dass Bayern und Baden-Württemberg mit ihren leistungsorientierten Schulen bei Tests lange besser abschnitten als andere. Halt: Aus Baden-Württemberg kommen, seit die Grünen dort mitregieren, schon schlechtere Nachrichten.

Kommentar Contra Noten von Melanie Bäder:

Noten abschaffen - Einigen Schülern würde es gut tun

Das ist wirklich eine Überraschung. Im hessischen Koalitionsvertrag ist ein Passus zu finden, bei dem sich wohl viele ungläubig die Augen reiben werden. Statt Schulnoten soll es an 30 Schulen pro Jahr möglich sein, den Schülern schriftliche Beurteilungen zu geben. In der gerade begonnenen Legislaturperiode wären das also rund 150 Schulen – das sind unter zehn Prozent der Schulen in Hessen.

Kritiker werden trotzdem den Kopf schütteln, denn es werden sowieso immer wieder Stimmen laut, die anprangern, dass die Schülerschaft immer mehr verweichlicht. Auf der anderen Seite beklagen Schüler den gestiegenen Leistungsdruck, der sicher auch was mit der Jagd auf gute Noten zu tun hat.

Die schriftliche Beurteilung könnte aber ein Pilotprojekt sein, das zukunftsfähig ist. Denn seien wir doch mal ehrlich: Ein „stets bemüht“ fühlt sich für die Schüler wahrscheinlich besser an, als eine 5 auf dem Zeugnis zu sehen. Nicht immer die Noten im Blick haben zu müssen, könnte einigen Schülern wirklich gut tun. Sie müssten nicht ständig Angst davor haben, Fehler zu machen, die sich negativ auf ihre Noten auswirken. Bis zur achten Klasse könnte das der Entfaltung enorm weiterhelfen.

Die Lehrer müssten sich auf der anderen Seite mehr Gedanken über ihre Schüler machen, bevor sie eine schriftliche Beurteilung abgeben. Denn ganz provokativ gesagt ist eine Note schnell eingetragen, während eine schriftliche Beurteilung voraussetzt, sich intensiv Gedanken über den Schüler gemacht zu haben – und vielleicht zu einem positiveren Ergebnis zu kommen als bei einer schlichten Notenvergabe.

Zu guter Letzt läuft es im Arbeitsleben auch ausschließlich über schriftliche Beurteilungen. Zwar wird dort auch auf ganz unterschiedliche Formulierungen zurückgegriffen, die Sätze klingen aber stets positiv. Da fühlen sich negative Beurteilungen nicht ganz so schlimm an wie ein „mangelhaft“.

Alternative Beurteilungen an Schulen auszuprobieren ist ein mutiger Schritt der hessischen Landesregierung. Wie so viele Dinge muss auch das Schulsystem stetig weiterentwickelt werden. Bei den Schulnoten anzusetzen ist ein guter Anfang.

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