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Viele frühere Liegestellen sind heute nicht mehr nutzbar, weil sie den Anforderungen der Binnenschiffe im Hinblick auf Abmessungen und Wassertiefen nicht mehr genügen.

Binnenschiffern fehlen Liegeplätze

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Nicht nur Lastwagenfahrern auf den Autobahnen fehlen Stell- und Rastplätze. Auch auf den Bundeswasserstraßen geraten die Binnenschiffer bisweilen in Nöte.

Sie gehören zum Bild des Rheines, werden fotografiert und bestaunt – nur anlegen, das können sie immer weniger: Den Binnenschiffern auf dem Rhein fehlen die Liegeplätze. „Die Plätze sind für uns extrem wichtig“, sagt Marcus Schneidler, gerade kommt er mit seiner MS Calypso von Holland aus den Rhein hinauf. Seit 33 Jahren fährt der gebürtige Gernsheimer mit dem Schiff auf Rhein, Main und Donau, transportiert Tierfutter, Getreide, Aluminium oder Stahl. Sein Problem: Entlang des Rheins gibt es kaum noch Liegeplätze für sein Schiff, Schneidler kommt kaum noch an Land.

„Auf dem Rhein können wir so gut wie nicht mehr anlegen“, berichtet Schneidler am Telefon, „es gibt einen extremen Liegeplatzmangel, das ist noch schlimmer als die Rastplätze bei Lkws.“ Spätestens alle zwei Wochen muss Schneidler sein Schiff am Ufer festmachen und sein Auto absetzen, er muss einkaufen gehen, Besorgungen erledigen und neues Personal an Bord nehmen. „Ich würde gerne meine Familie entgegennehmen“, sagt der Schiffer, „das ist auf dem Rhein momentan nicht möglich.“

Zwar können Binnenschiffer überall dort Anker werfen, wo sie anhalten wollen, doch Liegeplätze an Ufern oder Kaimauern seien noch einmal etwas anderes, erklärt Michael Jeske vom Binnenschifferforum hilft e.V. aus Lampertheim: Wer nachts in Ruhe schlafen wolle, müsse an Land festmachen, beim Ankern hingegen müsse immer eine Bordwache abgestellt werden. Auch um zum Arzt zu kommen oder einfach mal was essen zu gehen, brauche es „in vernünftigen Abständen Anlegestellen und Absetzplätze für Kraftfahrzeuge“, sagt Jeske.

Und genau diese Anlegeplätze seien in den vergangenen Jahren immer weniger geworden, sagt auch Schneidler: Ludwigshafen, Speyer überall fielen Plätze weg. Bingen strich vor zehn Jahren wegen der Landesgartenschau die Liegeplätze am Rheinufer. In Köln gab es im Frühjahr massiven Ärger, weil die Stadt Liegeplätze an der Kaimauer nach Beschädigungen sperrte, da veranstalteten die Binnenschiffer gar eine Demonstration mit lautem Hupen auf dem Rhein.

Gerade tobt in Mainz ein Streit um Liegeplätze am ehemaligen Mainzer Zollhafen: Dort sollen neue Anlandestellen mit sieben Stegen und Landstrom entstehen – genau vor den Fenstern einer neu gebauten Luxuswohnanlage. Direkt daneben ist ein neuer Autoabladeplatz für die Schiffer geplant, genau vor der Rheinpromenade mit Liegewiesen und Spielplatz. Mehr als 200 Bewohner der Mainzer Neustadt protestierten am Montagabend dagegen. Viele von ihnen wohnen seit Jahrzehnten hier, nun fürchten sie dicke Rußwolken, Lärm und Ankerrasseln vor der Haustür.

Die Binnenschiffer würden „aus den Städten vertrieben“, klagt hingegen Jeske, die Anzahl der Liegeplätze am Rhein befinde sich inzwischen „auf einem historisch niedrigen Niveau“, gerade entlang des Mittelrheins. Doch Abhilfe ist bereits in Sicht: „Wir planen weitere Schiffsliegestellen“, kündigt Florian Krekel von der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) des Bundes an: Eine Liegestelle in Niederlahnstein sei geplant, eine weitere im St. Goarer Stadtteil Fellen.

Auch die Reede in Koblenz werde ertüchtigt, ebenso die in Bad Salzig, bei Mülheim-Kärlich sowie im Hafen von Brohl sollen weitere Stellen entstehen. Noch in diesem Jahr sollen drei Liegeplätze in Bingen samt Autoabsetzplatz fertig werden, weitere Plätze sind in Wiesbaden-Schierstein geplant.

„Unser Ziel ist es, im Abstand von etwa 35 Kilometern Liegeplätze anzubieten“, betont Krekel, „wir haben das schon vor Jahren für notwendig gehalten.“ Mangels personeller Kapazitäten sei die WSV aber „bisher nur sehr langsam voran gekommen“, räumt er ein. Der Rhein sei eine Binnenwasserstraße mit hoher wirtschaftlicher Bedeutung, „eine Hauptverkehrsstraße“, betont Schneidler. Man müsse den Menschen, die auf ihm arbeiteten „die gleichen Rechte zugestehen, wie denen an Land“, fordert Jeske: „Wir können den Rhein nicht allein als Naherholungsgebiet und Fotokulisse sehen.“

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