Hohe Nachfrage durch Banker

Brexit steigert Wohnungsnot

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Wohnungsbauministerin Hinz hatte jüngst einen jährlichen Bedarf von 20 000 Wohnungen in Hessen vorhergesagt. Die vielen Flüchtlinge waren in diesem Nachfrageszenario eingeplant – nicht aber die Banker, die nach dem Brexit nach Frankfurt kommen könnten.

Es gibt zu wenig Bauland in Hessen – vor allem im Ballungsgebiet Rhein-Main – und die Baukosten steigen kontinuierlich. Für die Immobilienbranche in Hessen also kein Wunder, dass der Wohnungsbau in Hessen nicht in Fahrt kommt.

Dabei ist der Bedarf groß. Wohnungsbauministerin Priska Hinz (Grüne) hatte jüngst die lang erwartete „Wohnungsbedarfsprognose“ für Hessen vorgestellt. Demnach fehlen bis 2040 insgesamt 517 000 Wohnungen in Hessen. Jährlich müssten bis zu diesem Zeitpunkt fast 20 000 Wohnungen gebaut werden, um den Bedarf zu decken. Wobei die Not bis 2020 zunächst noch größer ist, bis dahin seien sogar 37 000 neue Wohnungen pro Jahr notwendig, danach reichten dann jährlich weitere 10 000.

Den Zuzug an Flüchtlingen nach Hessen – 80 000 im vergangenen, kaum kalkulierbar im laufenden Jahr – hat die Prognose berücksichtigt. Nicht allerdings den Brexit, der vor allem in Frankfurt nach Expertenmeinung die Wohnungsnot verschärfen wird. Viele Banken werden Niederlassungen und Mitarbeiter nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU von London nach Frankfurt verlagern, so die allgemeine Erwartung. Die vorsichtigsten Schätzungen gehen dabei von mindestens 10 000 Bankern aus, die in den nächsten drei, vier Jahren nach Frankfurt kommen werden. „Finanzkräftige Menschen, die den Nachfragedruck weiter steigen lassen werden“, glaubt Gerald Lipka, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Wohnungs- und Immobilienverbände Hessen (AWI).

Dabei ist der Wohnungsmarkt in der Mainmetropole ohnehin schon leergefegt. In Frankfurt fehlen laut Lipka derzeit rund 22 700 Wohnungen. Die Immobilienbranche rechnet stets mit einer „gesunden Leerstandsquote“ von drei Prozent, um Zuzug und Umzug ermöglichen zu können – in Frankfurt betrage die Leerstandsquote allerdings nur 0,6 Prozent wie Werner Merkel vom Verband der Immobilienverwalter Hessen berichtet.

Steigende Preise durch steigende Nachfrage würde die zuziehenden Banker nicht stören, glaubt AWI-Sprecher Lipka: Die Bankhäuser würden ihren Mitarbeitern meist die Unterkunft zahlen und dabei „jeden Preis akzeptieren, die stechen jeden aus“. Zumal aus der Metropole London kommend die Preise im Rhein-Main-Gebiet vergleichsweise niedrig seien, so Lipka.

Umso schwerer wiegt nach Ansicht der Branchenexperten, dass der „Wohnungsbau in Hessen hinterher humpelt“. Mit 6552 neuen Genehmigungen für Wohngebäude sei 2015 erneut ein niedrigerer Wert als im Vorjahr erreicht worden. Ob wohl die Zinsen auf Rekordtief lägen und die Bauwirtschaft Kapazitäten habe, Wohnraum zu bauen, komme der Neubau nicht in Fahrt, sagt Stephan Gerwing vom Verband der Südwestdeutschen Wohnungswirtschaft. Dies liege zum einen an fehlenden Grundstücken im Ballungsraum, aber auch an der Verwaltung: „Die Baugenehmigungsverfahren sind in Hessen extrem langwierig, schwierig und überhaupt nicht planbar.“

Die Ende vorigen Jahres verhängte Mietpreisbremse in einem guten Dutzend hessischer Städte hat nach Ansicht der Branchenvertreter keine Auswirkung gezeigt. Das sei in vorweggenommenen Erhöhungen eingepreist gewesen, so Immobilienverwalter Merkel. „Und sie hat keinen Quadratmeter mehr Wohnraum gebracht“, sagt Thorsten Stock vom Maklerverband IVD Region Mitte.

Die Steigerung der Nettomieten sei im vergangenen Jahr mit 1,8 Prozent ohnehin nicht so hoch ausgefallen, dass die Bremse seitens der Politik notwendig gewesen sei, meint Merkel. Auch die Nebenkosten seien lediglich um 1,7 Prozent gestiegen. Kräftig nach oben geklettert sei allerdings vielerorts die Grundsteuer – doch die werde von den Kommunen erhoben.

Ein weiteres Hemmnis für neue Wohnungen seien die gestiegenen Baukosten (2015 plus 1,6 Prozent). Die höchsten Steigerungen sei dabei in den Gewerken festzustellen, die von der Verschärfung der Energieeinsparverordnung betroffen sind, sagt Lipka. So seien beispielsweise Dämm- und Brandschutzarbeiten um fünf Prozent teurer geworden.

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