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Ein Verkehrsschild weist eine Hol- und Bringzone nahe der Degerfeldschule in Butzbach aus.

Ohne Verbot und Strafe

Bringzonen: Neue Strategien gegen Elterntaxis

Immer mehr Eltern fahren in Hessen ihre Kinder direkt vor das Schultor und gefährden damit andere. Neue Strategien gegen Elterntaxis kommen ohne Verbote und Strafen aus. Ein Ideal ist aber nicht mehr umzusetzen.

In kleinen Gruppen laufen Grundschüler an einem frühen Herbstmorgen die Astrid-Lindgren-Straße in Butzbach hinunter. Viele Kleine noch an der Hand eines Elternteils. Nur vereinzelt fährt ein Auto in die Sackgasse hinein, an deren Ende die Degerfeldschule liegt. „Früher war das hier echt heftig, da stand alles mit Autos zu und die Kinder kamen kaum durch“, erzählt Mutter Sarah Pellny. Mit ihrer elfjährigen Tochter hat sie miterlebt, welches Chaos Elterntaxis vor Schulen anrichten können. Seit der Einschulung ihres Sohnes im Sommer sei alles anders.

Seit Jahren beklagen Pädagogen, Ärzte, Polizei und Politik nicht nur in Hessen, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Der Helikopter-Papa oder die Mama, die ihren Nachwuchs mit dem geländegängigen Wagen ohne Rücksicht auf andere bis fast auf den Schulhof fahren und gleichzeitig im Bio-Markt einkaufen, sind zum Sinnbild geworden für einen egoistischen und heuchlerischen Umgang mit Umwelt und Gesellschaft. Doch so einfach ist es aus Expertensicht nicht: Um nachhaltige Lösungen zu finden, müsse man das Problem der Elterntaxis differenziert und ohne erhobenen Zeigefinger betrachten.

„Wir beobachten, dass immer mehr Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen“, sagt ein Sprecher des hessischen Kultusministeriums. Das Land plädiere dafür, dass bereits Erstklässler möglichst eigenständig zur Schule gehen. „Das Thema Elterntaxis wird uns noch viele Jahre erhalten bleiben“, sagt der Leiter der Geschäftsstelle der Landesverkehrswacht in Hessen, Thomas Conrad.

„Es gibt keinen einzigen Vorteil von Elterntaxis“, sagt auch die Sprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Hessen, Barbara Mühlfeld. Jede Art von Bewegung im Alltag sei für Kinder wichtig, auch für die Sozialkompetenz und das Selbstbewusstsein. „Kinder brauchen Freiräume, in denen sie die Erfahrung machen, dass sie sich selbstständig bewegen können.“ Durch den wachsenden Autoverkehr nähmen Atemwegsinfekte bei Kindern zu, so die Ärztin.

Doch Ansätze wie Strafzettel oder Aufklärungskampagnen für Eltern bringen aus Expertensicht wenig. Das Ideal, dass Kinder wie früher zur Schule laufen, sei heute nicht mehr umzusetzen, sagt Conrad. „Es geht einfach in vielen Fällen nicht mehr anders, als zu fahren.“ Als Beispiele nennt er lange Wege, gefährliche Kreuzungen oder berufstätige Eltern unter Zeitdruck.

Dazu gehören auch Jenny Mott und ihre Tochter Zoe. „Sie hätte einen zwei Kilometer langen Schulweg und müsste am Gefängnis vorbei, das möchte ich in der ersten Klasse nicht“, sagt die Mutter. Da sie kurz nach Schulbeginn bei der Arbeit sein müsse, würde sie es nicht schaffen, mit Tochter hin- und allein zurückzulaufen. Auch Sarah Pellny hat ihren Sohn den größten Teil des Schulwegs gefahren. Doch statt direkt vor dem Schultor parken beide in einer extra eingerichteten Hol- und Bringzone mehrere hundert Meter von der Schule entfernt – Teil des neuen Konzeptes der Schule.

Urheber ist der Verkehrswissenschaftler Jens Leven aus Wuppertal, der ein Drei-Säulen-Modell entwickelt hat. Nach seiner Forschung wird jedes dritte Kind mit dem Auto zur Schule gefahren: „Die Situation wird eher schlimmer als besser.“ Doch statt sich mit repressiven Maßnahmen nur an die Eltern zu wenden, will er möglichst viele Beteiligte an einen Tisch holen.

Nach seiner Erfahrung fahren viele Eltern ihre Kinder nicht aus Faulheit zur Schule, sondern weil sie um die Sicherheit ihrer Kinder fürchten. Erst wenn Sicherheitsmängel in Zusammenarbeit mit Ämtern und Polizei behoben seien, steige die Bereitschaft, zu Fuß zu gehen. Die zweite Säule sind in Levens Modell die Hol- und Bringzonen. Diese können Eltern ohne schlechtes Gewissen ansteuern – und die Kleinen laufen immerhin einen kurzen Weg. Als dritte Säule will Leven die Kinder mit verschiedenen Aktionen motivieren, nicht ins Auto zu steigen. „Dann gibt es vom Nachwuchs Ärger, wenn Mama oder Papa vor die Schule fahren. Das funktioniert besser, als wenn das Ordnungsamt schimpft.“

„Elterntaxis gibt es nach wie vor. Der Verkehr verlagert sich jedoch ein Stück von der Schule weg. Es herrscht keine so konzentrierte, chaotische Situation in Schulnähe mehr“, fasst die Schulleiterin der Degerfeldschule, Cornelia Jüttner-Tunkowski, ihre Erfahrungen zusammen. Sie begann Anfang 2018 mit der Planung, ab den Sommerferien starteten zwei Hol- und Bringzonen. Rote Fußstapfen auf dem Gehweg zeigen nun den Kindern den Weg zur Schule, Eltern haben eine „Parkkarte“ bekommen, und Kinder können über ein Belohnungssystem Punkte sammeln.

„Es war entscheidend, alle mit einzubeziehen“, sagt die Schulleiterin. Glücklicherweise habe sie weder beim Kollegium noch bei Ämtern oder dem Bürgermeister Überzeugungsarbeit leisten müssen. Laufen sei plötzlich cool: „Alles mit dem Auto zu machen – das ist inzwischen gesellschaftlich angekratzt, da tut sich was.“

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