Die Corona-Inzidenz soll nicht mehr der Maßstab für Einschränkungen sein.
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Neues Corona-Konzept in Hessen: Die Corona-Inzidenz soll nicht mehr der Maßstab für Einschränkungen sein. (Symbolbild)

Neue Faktoren statt Inzidenz

Corona in Hessen: Rheinland-Pfalz als Vorbild für neues Regel-Konzept?

  • Julian Dorn
    VonJulian Dorn
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In die Beurteilung der Corona-Lage in Hessen sollen mehr Faktoren einfließen als nur die Inzidenz. So wie in Rheinland-Pfalz. Eine Blaupause für Hessen?

Wiesbaden – Wenn das hessische Corona-Kabinett in der nächsten Woche wieder zusammenkommt, dürften vor Ministerpräsident Volker Bouffier und seinen Ministern noch einige Herausforderungen liegen. Denn dann gilt es, den neuen Corona-Maßstab, den die Bundesregierung beschlossen hat, konkret in Hessen* umzusetzen und neue Corona-Regeln zu erlassen.

Die Landespolitik darf nun nicht mehr nur die 7-Tage-Inzidenz in Hessen für weitere Corona-Maßnahmen zugrundelegen. Sie muss stattdessen weitere Faktoren berücksichtigen und Schwellenwerte für die neuen Indikatoren festlegen. Und vor allem: sie sinnvoll kombinieren und unter einen Nenner bringen, um daraus ein Eskalationskonzept abzuleiten. „Das wird nicht einfach“, prognostizierte bereits Professor Jürgen Graf*, Ärztlicher Direktor des Frankfurter Universitätsklinikums und Leiter des Planungsstabs zur klinischen Versorgung der Covid-19-Patienten.

Corona-Lage in Hessen: Blick in die Krankenhäuser statt auf die Inzidenz

Lange Zeit hat sich die Politik vor allem an der 7-Tage-Inzidenz und dem Schwellenwert von 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner orientiert. Diesen Wert strich der Bundestag nun aus dem Infektionsschutzgesetz, weil sich durch die Impfungen die Lage verbessert hat. Zwar steigt die Zahl der Neuinfektionen, durch die Impfungen sind jedoch weniger schwere Verläufe und oft nur milde Symptome* zu befürchten. Entsprechend weniger Patientinnen und Patienten müssen stationär aufgenommen oder gar intensivmedizinisch behandelt werden.

Welche neuen Indikatoren müssen nun in das Konzept einfließen? Um die Lage in Hessen zukünftig besser beurteilen zu können, will das Kabinett statt auf die Inzidenz mehr auf die Krankenhäuser schauen. Dabei soll besonders die sogenannte „Hospitalisierungsinzidenz“ betrachtet werden. Sie gibt an, wie viele Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen.

Gesundheitsminister Jens Spahn: „Inzidenz hat ausgedient“ bei Corona-Bewertung

Der Schwellenwert, ab dem Gegenmaßnahmen greifen, sei „jeweils unter Berücksichtigung der regionalen stationären Versorgungskapazitäten festzusetzen mit dem Ziel, eine drohende Überlastung der regionalen stationären Versorgung zu vermeiden“, heißt es allgemein in einem Entwurf des Bundesgesundheitsministeriums. Einbezogen werden könnten etwa auch die Infektionsdynamik und die Zahl geimpfter Personen.

Gesundheitsminister Spahn (CDU) sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Die Inzidenz hat ausgedient. Um die Pandemielage zu beurteilen, ist die Hospitalisierungsrate sehr viel aussagekräftiger.“ Sie zeige, ob die Pandemie trotz hoher Impfquote noch gefährlich werde. „Entscheiden müssen dann die Länder. Sie behalten auch alle anderen Pandemie-Kriterien im Blick und können damit die Lage in ihrer Region am besten beurteilen“, so der Minister weiter.

Corona-Pandemie: Viele Experten begrüßen Abkehr von Inzidenz

Ärzte- und Klinikvertreter zeigen sich zufrieden mit dem Kurswechsel der Bundespolitik. Sie begrüßen die Abkehr von der 50er-Inzidenz als Richtwert für Corona-Maßnahmen und den stärkeren Fokus auf die Zahl der Klinikeinweisungen. Die Ankündigung der Regierung gehe in die richtige Richtung, meinte etwa der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, zur Rheinischen Post.

Ähnlich äußerten sich der Deutsche Hausärzteverband und die Deutsche Krankenhausgesellschaft. Für die Beurteilung der Gefahrenlage seien vor allem die Hospitalisierungsrate auf den Normal- sowie Intensivstationen entscheidend, dann die Test*-Positivrate, die Impfquote und die Altersstruktur der Infizierten.

Und was ist mit der Sieben-Tage-Inzidenz? Geht es nach den Intensivmedizinern, sollte auch dieser Parameter nicht völlig außer Acht gelassen werden. Man begrüße den Fokus auf neue Indikatoren, sagte der Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung DIVI, Gernot Marx, im ZDF. Das heiße aber nicht, dass man die Inzidenz nicht mehr als relevant betrachte. „Sie ist natürlich sehr relevant“. Es bestehe nach wie vor ein Zusammenhang zwischen Hospitalisierung und Inzidenz. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte davor, sich von dem Wert ganz zu verabschieden.

Corona in Hessen: Neues Warnsystem in Rheinland-Pfalz als Vorbild?

Doch wie soll die hessische Landesregierung all diese Aspekte in Einklang bringen? Welche Zahlen sollen konkret welche Maßnahmen nach sich ziehen? Das sei eine Herkulesaufgabe für die Verantwortlichen, die nächste Woche zusammentreffen werden, so Experten. Mit einem Mix aus verschiedenen Indikatoren könne man die Pandemie „besser lesen“, sagte Krankenhausgesellschafts-Direktor Gramminger, „aber wie verzahnt man die und welche Konsequenzen folgen daraus?“

Orientieren könnte sich Hessen am neuen Warnsystem in Rheinland-Pfalz. Dort gilt ab Sonntag eine Corona-Ampel mit drei Warnstufen und drei Indikatoren: die Infektionsinzidenz, die Hospitalisierungsinzidenz und die Belegung der Intensivstationen. Für jeden der drei Leitindikatoren gibt es Schwellenwerte.

So gelten zum Beispiel bei der Hospitalisierungsinzidenz folgende Richtwerte:

Warnstufe 1weniger als 5 Krankenhausfälle pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen
Warnstufe 25 bis 10 Covid-Krankenhauseinweisungen
Warnstufe 3über 10 Klinikeinweisungen

Entsprechende Schwellenwerte für die drei Warnstufen gelten dann auch für den Leitindikator Inzidenz:

Warnstufe 1bis 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner
Warnstufe 2100 bis 200 Neuinfektionen
Warnstufe 3über 200 Neuinfektionen

Bei der Belegung der Intensivbetten sind folgende Werte gesetzt:

Warnstufe 1bis zu sechs Prozent der verfügbaren Intensivbetten von Corona-Patienten belegt
Warnstufe 2mehr als 6 bis 12 Prozent
Warnstufe 3mehr als 12 Prozent

Warnstufen mit neuen Corona-Regeln in Rheinland-Pfalz

Die Warnstufe 1 gilt bei niedrigen Werten automatisch. Überschreiten an drei aufeinanderfolgenden Tagen jeweils zwei der drei Leitindikatoren eine bestimmte Grenze, so wird die entsprechende Warnstufe (siehe unten) ausgerufen.

Folgende Maßnahmen treten dann in Kraft; die Zahlen beziehen sich immer auf ungeimpfte Personen ab 12 Jahren:

Warnstufe 1Aufenthalt im öffentlichen Raum mit maximal 25 ungeimpften Personen ab zwölf Jahren. Weil Veranstaltungen im öffentlichen Raum strenge Hygiene-Konzepte zugrundeliegen müssen, sind dort 250 Personen erlaubt.
Warnstufe 2Höchstens zehn Personen im öffentlichen Raum, 100 in geschlossenen Räumen
Warnstufe 3Maximal fünf Personen im öffentlichen Raum, 50 in geschlossenen Räumen

Diese Corona-Ampel reguliert dann auch die Maskenpflicht an den Schulen in Rheinland-Pfalz. In Hessen sind derzeit vor allem Schulkinder von Corona betroffen.

Corona: So unterschiedlich setzen die Bundesländer die Leitindikatoren ein

Auch in anderen Bundesländern gilt eine solche Ampel, die vor allem die Situation in den Krankenhäusern in den Blick nimmt, etwa in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Berlin. In Bayern hat man sich von der Sieben-Tage-Inzidenz komplett verabschiedet und schaut nur noch auf die hospitalisierten Fälle und die Kapazität auf den Intensivstationen. In Brandenburg ist die Sieben-Tage-Inzidenz weiterhin der Maßstab.

Wird sich die Landesregierung um Ministerpräsident Bouffier an dem Warnsystem in Rheinland-Pfalz orientieren? Das zeichnet sich nun bereits ab: So kündigte Volker Bouffier an, zukünftig die Indikatoren Hospitalisierungsrate, Inzidenz und die Auslastung der Intensivstationen berücksichtigen zu wollen, möglicherweise ergänzt um den Faktor Impfquote in Hessen.

Experte: Neue Corona-Regeln in Hessen müssen für Bürger „verständlich bleiben“

So oder so: Wichtig ist etwa der Krankenhausgesellschaft, dass die Menschen das neue, kompliziertere System nachvollziehen können: „Es muss für die Bevölkerung verständlich bleiben, sonst werden die daraus folgenden Maßnahmen nicht akzeptiert“, so der Direktor der Krankenhausgesellschaft, Steffen Gramminger.

Hessen ist einer der Inzidenz-Spitzenreiter unter den Bundesländern. Es hat seit Montag (06.09.2021) in seinem täglichen Corona-Bulletin aufgeschlüsselt, wie sich die Inzidenzwerte unter Geimpften und Ungeimpften unterscheiden. Demnach liegt die Inzidenz in Hessen bei den Ungeimpften über 12 Jahren aktuell bei 291,7, unter Geimpften beträgt sie 12,4 (Stand 08.09.2021). Viel Arbeit wartet nun also nächste Woche auf Bouffier und sein Kabinett. (Julian Dorn) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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