Pandemie

Corona-Krise: Warum sich so viele Pflegekräfte nicht impfen lassen wollen

  • vonTobias Ketter
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Besonders viele Pflegekräfte in Deutschland stehen der Corona-Impfung skeptisch gegenüber. Das führt mitunter zu Diskussionen unter den Kolleginnen und Kollegen.

  • Nur rund die Hälfte aller Pflegekräfte will sich gegen das Coronavirus* impfen lassen.
  • Viele sind verunsichert wegen möglicher Langzeitfolgen.
  • Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht das mit Sorge.

Frankfurt/Kassel – Das Coronavirus wütet weiterhin in Deutschland. Viele Neuinfektionen und Todesfälle* sowie strenge Kontaktbeschränkungen drücken auf die Gemüter der Menschen. Doch es gibt auch Hoffnung: Seit Ende Dezember des vergangenen Jahres wird in der Bundesrepublik ein Impfstoff gegen Covid-19* verabreicht. Mittlerweile sind in der EU die Impfstoffe von Biontech/Pfizer* und Moderna* zugelassen.

Corona-Krise: Impfkampagne in Deutschland startet schleppend

Die Impfkampagne ist allerdings nur schleppend gestartet. Das liegt einerseits an zu wenigen vorhandenen Impfdosen. Anderseits ist aber auch die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger für die Schutzimpfung nicht sonderlich hoch. Immerhin geben laut dem aktuellen ARD-Deutschland-Trend mittlerweile 54 Prozent an, dass sie sich „auf jeden Fall“ gegen das Coronavirus impfen lassen wollen. Die Studie besagt, dass dieser Wert um 17 Prozentpunkte über dem vom November 2020 liegt. 21 Prozent wollen sich „wahrscheinlich“ impfen lassen.

Allerdings herrscht besonders beim Personal in Krankenhäusern und Pflegeheimen Skepsis. Obwohl die Angestellten der Einrichtungen in den vergangenen Monaten täglich die schlimmen Folgen der Corona-Pandemie erlebt haben, verzichten derzeit noch viele Beschäftigte auf die Spritze.

Corona-Pandemie: Nur die Hälfte des Pflegepersonals will sich impfen lassen

Das „Deutsche Ärzteblatt“ berichtet über eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für In­tensiv- und Notfallmedizin (DIVI). An der anonymen Online-Umfrage nahmen 2305 Ärzte und Ärztinnen sowie Pflegekräfte teil, von denen die meisten auf Intensivstationen arbeiten. Demnach wollen sich 73 Prozent der Ärzte und Ärztinnen gegen das Coronavirus impfen lassen. Beim Pflegepersonal sind es aber nur rund 50 Prozent.

Eine Krankenschwester impft eine Kollegin gegen das Coronavirus. Derzeit ist die Impfbereitschaft von dem Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtung allerdings noch nicht sonderlich hoch.

Doch woran liegt es, dass sich besonders viele Pflegekräfte derzeit nicht gegen das Coronavirus impfen lassen wollen, obwohl sie zu den ersten Menschen in Deutschland gehören, die diese Gelegenheit bekommen? „Trotz der Erkenntnis, dass es ohne eine Impfung nicht zum Verdrängen der Pandemie kommen kann, bestehen insbesondere unter Pflegenden erhebliche Bedenken bezüglich der Nebenwirkungen und der Langzeitfolgen einer Impfung“, sagt Christian Karagiannidis, Präsident der DGIIN, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Das Ergebnis der Umfrage drückt die Sorgen vor einem neuen Impfstoff aus, bei dem es noch keine Langzeiterfahrung gibt.“

Die Aussage des DGIIN-Präsidenten bestätigt auch ein Pfleger eines Krankenhauses in Kassel. „Viele entscheiden sich gegen eine Impfung, weil sie nicht wissen, ob es Langzeitfolgen gibt“, berichtet er gegenüber der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung (HNA). Deshalb gebe es unter den Kollegen und Kolleginnen immer wieder Diskussionen*. „Beide Lager, also die, die sich impfen lassen wollen, und die, die dagegen sind, geraten öfter aneinander“, sagt der Pfleger.

Corona: Einige Pflegekräfte sind wegen Impfstoff skeptisch

Auch Professor Martin Höher, Chefarzt der Kardiologie und Inneren Medizin am Elisabeth-Krankenhaus in Kassel, hat die mangelnde Impfbereitschaft an seinem Arbeitsplatz erlebt. „Am Anfang herrscht immer Skepsis, wenn etwas neu ist“, erklärt der Arzt. Das erzeuge unter dem Pflegepersonal das Gefühl, Versuchspersonen zu sein. „Ich beobachte aber, dass sich das langsam ändert. Die Kollegen müssen sich nur erst mal mit dem Gedanken befassen“, so der Mediziner. Höher ist davon überzeugt, dass die Corona-Impfung sicher ist. „Wir wissen natürlich nicht alles, aber die Testung ist nicht schlechter als bei anderen Impfungen, auch wenn die Entwicklung schneller war“, sagt der Chefarzt gegenüber der HNA.

Bodo Ramelow (Linke), Ministerpräsident von Thüringen, zeigte sich kürzlich besorgt darüber, dass in einigen Krankenhäusern in seinem Bundesland bislang nur etwa ein Drittel des Personals gegen das Coronavirus geimpft wurde. Wenn das so weitergehe, „dann haben wir ein Problem, und zwar ein handfestes, weil wir dann nämlich an die Grenzen dessen kommen, was wir im Gesundheitswesen noch leisten können“, so Ramelow dem „Deutschlandfunk“.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft blickt mit Sorge auf die mangelnde Bereitschaft für die Schutzimpfung. Man höre aber auch von Kliniken, in denen die Bereitschaft bei 70 Prozent und höher liege, sagt Hauptgeschäftsführer Georg Baum, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) berichtet. Dennoch sei es nötig, sehr eindringlich an die Mitarbeitenden in den Einrichtungen zu appellieren, sich die Spritze zum Schutz vor dem Coronavirus geben zu lassen. „Die Impfbereitschaft steigt mit jeder erfolgten und erfolgreichen Impfung“, so Baum.

Corona in Deutschland: Keine Impfpflicht und Hoffnung auf höhere Bereitschaft

„Die bisher sehr niedrige Bereitschaft von Pflegekräften, sich impfen zu lassen, ist ausgesprochen bedenklich“, sagt Gesundheitsexperte Karl Lauterbach laut FAZ-Bericht. Der SPD-Politiker fordert von der Regierung eine Informationskampagne für Pflegekräfte sowie Ärzte und Ärztinnen. „Eine Impfpflicht gegen das Coronavirus wird es nicht geben“, erklärt Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU. Damit teilt sie die Meinung von Karl Lauterbach. Maag geht davon aus, dass sobald das Impfen in den Zentren regelmäßig stattfindet, es nach und nach noch mehr Pflegekräfte geben wird, die bereit sind, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. (Tobias Ketter) *fr.de und hna.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Valentin Bianchi/dpa

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