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Corona-Krise: Handwerk kämpft um seine Zukunft

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Arbeiter auf einer Baustelle
Ein Arbeiter dirigiert auf einer Baustelle einen Kran. © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild

Zwei Jahre Corona-Krise haben ihre Spuren im Handwerk hinterlassen. Längst nicht alle Betriebe sind gut durch die Pandemie gekommen. Mit dem Ukraine-Krieg kommen weitere Probleme hinzu.

Wiesbaden - Dem Handwerk in Deutschland geht es nach zwei Jahren Corona-Krise gemischt. Auch die am Freitag vorgestellte Bundesstatistik zu Umsätzen und Beschäftigung in den zulassungspflichtigen Gewerken ergibt ein heterogenes Bild. Basierend auf dem bereits pandemiegeprägten Vergleichsjahr 2020 steigerten die Betriebe im vergangenen Jahr mit 1,3 Prozent weniger Beschäftigten den Umsatz um 1,7 Prozent. Die Aussichten sind aber trotz des Kriegs in der Ukraine und der galoppierenden Energiepreise grundsätzlich positiv, wie Studien und Umfragen ergeben.

Zu den positiven Beispielen gehört der Malerbetrieb Westphal aus Neu-Isenburg bei Frankfurt, der eine kleine Corona-Sonderkonjunktur erlebte, weil viele Industriekunden die Flaute für Renovierungsarbeiten nutzen wollten. „Wir hatten schon Kapazitätsengpässe“, sagt Geschäftsführer Frank Müller, der bei einem Umsatzzuwachs von 40 Prozent seine Stammmannschaft mit Zeitarbeitern und über eine Stellenbörse bei der Innung aufgestockt hat.

Die Pandemie hat die Konjunktur im Handwerk zweigeteilt: Während alle Gewerke rund um Bau und Haus zunächst einen Boom erlebten, hatten die personenbezogenen Dienstleister wie Friseurbetriebe große Probleme. Nach wie vor gebe es zwischen 20 und 40 Prozent Umsatzverlust, klagt Manuela Härtelt-Dören vom Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks über die Lage in den rund 80 000 Salons. Im zweiten Pandemie-Jahr hätten noch einmal viele Arbeitskräfte die Handwerke für den privaten Bedarf verlassen, berichtet das Statistische Bundesamt. Die Zahl sank um 8 Prozent im Vergleich zu 2020. Die Umsätze fielen um 3,1 Prozent.

Grundsätzlich sei das Handwerk besser durch die Krise gekommen als andere Wirtschaftszweige, schreibt das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI. Im ersten Corona-Jahr habe sich vor allem das Baugewerbe als weitgehend immun gegenüber den Auswirkungen der Pandemie erwiesen, während die Handwerke für den gewerblichen und privaten Bedarf durchweg Umsatzrückgänge verzeichneten. Im zweiten Corona-Jahr 2021 war es genau umgekehrt. Laut RWI war das Baugewerbe erstmals seit Jahren kein Wachstumstreiber, was auch die amtliche Statistik mit einem Umsatzrückgang von 3,2 Prozent bestätigt. Dafür legten die Handwerke für den gewerblichen Bedarf, das Kraftfahrzeuggewerbe und insbesondere das Gesundheitsgewerbe wieder deutlich zu. Vor allem Zahntechniker (+9,6 Prozent) und Augenoptiker (+8,6 Prozent) konnten ihre Geschäfte ausbauen.

Schon vor dem Ukraine-Krieg waren bestimmte Rohstoffe wie Baustahl, Holz oder Kupfer nur mit Verzögerungen und zu erhöhten Preisen zu bekommen. Die Situation hat sich der Handwerkskammer Frankfurt zufolge seit Kriegsbeginn nicht verbessert und wurde mit hohen Energiekosten verschärft. Der Großteil der Handwerkerflotte läuft mit Diesel, so dass Betriebe versuchen werden, auch diese Mehrkosten über die Preise an die Kunden weiterzugeben.

Das dürfte für bestimmte Sparten auch wegen vorheriger Preiserhöhungen nicht so einfach werden, befürchtet die Arbeitsgemeinschaft der Handwerkskammern in Rheinland-Pfalz. Verbandsfunktionär Dominik Ostendorf nennt Beispiele: „Wir haben zum Beispiel die Friseure, die viel warmes Wasser brauchen und mit erheblichen Stromkosten zu kämpfen haben.“ Bäcker und Metzger benötigten ebenfalls viel Energie für ihre Backöfen beziehungsweise Wurstmaschinen oder den Transport. Wegen der teils prekären Lage forderte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer kürzlich, bei der Rückzahlung der staatlichen Soforthilfen Ratenzahlungen zuzulassen.

Dazu kommt die Dauersorge, auch künftig genug qualifizierte Mitarbeiter zu haben. Jeder zehnte Betrieb im Rhein-Main-Gebiet etwa berichtete zum Jahresende 2021 von einer Überauslastung. Die Mitarbeiter mussten Überstunden leisten. Lehrstellen bleiben zunehmend unbesetzt. Ukrainische Kriegsflüchtlinge kämen da manchen Meistern sicher wie gerufen. „Die meisten sind noch in Berlin, so dass wir warten müssen, welche Menschen uns zugewiesen werden. Das Handwerk steht aber in jedem Fall bereit, sie auch in den Arbeitsmarkt zu integrieren“, sagt der Sprecher der Frankfurter Handwerkskammer, Oliver Dehn.

Die Malerfirma Westphal mit ihren 120 Beschäftigten findet immer noch ausreichend Auszubildende, wenngleich die Zeiten vorbei sind, in denen jedes Jahr bis zu 80 Bewerbungen ins Haus flatterten. „Man muss den Schreibtisch verlassen“, sagt Geschäftsführer Müller, der im Netz genauso unterwegs ist wie auf Jobmessen und bald auch wieder bei Infowochen in den Schulen. „Eines hat sich immerhin geändert: Wenn sich bei uns jemand bewirbt, hat er sich vorher deutlich besser informiert als früher und weiß, was ihn erwartet. Qualitativ sind die Bewerbungen daher deutlich besser geworden.“ dpa

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