Spielzeugfiguren stehen um eine Corona-Impfstoff-Ampulle herum.
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Wer Spritzen hasst, wird es nicht gern hören, aber viele Experten gehen davon aus, dass es nötig wird, den Impfschutz gegen das Coronavirus aufzufrischen. (Symbolbild)

Pandemie

Mögliche Auffrischung der Corona-Impfung: Hessen verweist auf die Hausärzte

  • Alexander Gottschalk
    VonAlexander Gottschalk
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Was passiert in Hessen, wenn die Corona-Impfungen schon frühzeitig aufgefrischt werden müssen? Die Impfzentren wird es dann wahrscheinlich nicht mehr geben.

Wiesbaden – Wie lange hält der Impfschutz gegen das Coronavirus? Schon in wenigen Monaten könnte diese Frage für die Impfkampagne in Hessen essenziell werden. Führende Köpfe gehen davon aus, dass eine Auffrischung der Corona-Impfung nötig werden dürfte*, weil die Immunität gegen Sars-CoV-2 mit der Zeit nachlassen könnte (siehe Box). Ob Geimpfte sogar noch 2021 für eine dritte (oder im Falle des Johnson&Johnson-Vakzins zweite) Impfdosis beim Arzt antreten müssen, sei aber „gegenwärtig nicht absehbar“, heißt es dazu auf Anfrage am Donnerstag (17.06.2021) aus dem Hessischen Gesundheitsministerium. Eine Aussage des Robert Koch-Instituts (RKI) beziehungsweise des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) stehe weiterhin aus.

Trotz fehlender Langzeitstudien nimmt die Debatte um mögliche Auffrischungsimpfungen allerdings an Fahrt auf – und fordert auch der Hessischen Landesregierung Entscheidungen ab. Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO), glaubt an Nachimpfungen spätestens ab 2022. Großbritannien plant ab Herbst erste Drittimpfungen, auch Israel bereitet sich schon jetzt auf Auffrischungen vor. Und Virologe Christian Drosten sagte im April, eine einmalige Nachimpfung könne schon „zum Winter hin“ nötig werden – und zwar nicht nur für „eng umgrenzte Risikogruppen“. Stand jetzt wären die 28 hessischen Impfzentren zu diesem Zeitpunkt bereits geschlossen.

Nachimpfungen oder Auffrischungen bei Impfungen ganz normal

Von manchen Nicht-Corona-Impfstoffen ist bekannt, dass ihr Schutz mit der Zeit nachlässt, da die Antikörper im Blut zurückgehen. Wann und ob deshalb eine Nachimpfung fällig wird, variiert je nach Erkrankung. Die Grundimmunisierung gegen Masern hält etwa ein lebenslang. Die Grippe-Impfung muss hingegen jährlich erneuert werden, ist aber per Definition keine Auffrischung, weil der Virus turnusmäßig so mutiert, dass ältere Vakzine wirkungslos werden – und neue hermüssen.

Wie gegen Sars-CoV-2 nachgeimpft werden muss, ist noch nicht erforscht, weil der Erreger noch so jung ist. Impfstoffhersteller wie Biontech und Moderna verfolgen die Probanden der Zulassungsstudien weiter, um zu ermitteln, wie diese vor einer schweren Erkrankung geschützt sind. Beide Unternehmen melden nach sechs Monaten über 90 Prozent Wirksamkeit für Doppeltgeimpfte. Die Dringlichkeit einer Auffrischung könnte sich an verschiedenen Gesundheitsfaktoren bemessen. So ist es laut STIKO-Chef denkbar, dass der Impfschutz sich bei einzelnen Altersgruppen oder Menschen mit Vorerkrankungen früher abschwächt.

Auffrischungen der Corona-Impfung in Hessen: Wenn, dann per Hausarzt

Noch bis zum 30. September will Hessen die Impfzentren, in denen bis heute (18.06.2021) gut zwei Millionen Menschen mindestens einmal geimpft wurden, weiter betreiben. Danach sollen die Arztpraxen die Corona-Impfungen weiterführen. Selbst für den Fall, dass schon im Herbst Auffrischungsimpfungen nötig wären, soll sich dieser Plan nicht ändern, wie das Gesundheitsministerium auf Anfrage klarmacht. Basierend auf dem „gegenwärtigen Impftempo“ werde davon ausgegangen, dass „in der ärztlichen Regelversorgung die Kapazitäten vorhanden sind, um insbesondere Risikogruppen mit Drittimpfungen versorgen zu können“, schreibt die Behörde dazu. Die Vertreter der Ärzteschaft in Hessen hätten dies „ausdrücklich bekräftigt“. Der Deutsche Städtetag fordert hingegen den Weiterbetrieb der Impfzentren deutschlandweit und hat prominente Fürsprecher.

Sollten die Nachimpfungen im Herbst kommen, seien die laufenden Erst- und Zweitimpfungen in Hessen voraussichtlich „weitestgehend abgeschlossen“, glaubt das Ministerium. Aktuell sind 49,6 Prozent der hessischen Bevölkerung mindestens einmal geimpft, im Ländervergleich gibt’s dafür einen Mittelfeldplatz. Schlusslicht ist das Bundesland hingegen bei der Impfquote für die wichtige Zweitimpfung. Nur 27,4 Prozent der Hessen haben bereits einen vollständigen Immunschutz gegen das Coronavirus erhalten (Stand 18.07.2021). Rund 1,4 Millionen der insgesamt über vier Millionen Impfdosen wurden von Haus-, Fach-, Betriebs, und Privatärztinnen und -ärzten verimpft (Stand 15.06.2021).

Mögliche Auffrischungen der Corona-Impfung: Viele offene Fragen

Die Corona-Impfkampagne soll „fließend“ in die Strukturen der Regelversorgung der hessischen Haus- und Facharztpraxen übergehen. Die Hessen seien damit „in den besten Händen, egal, ob es sich um den Abschluss einer Impfung oder eine neue Impfung handelt“, erklärte zuletzt der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV). „Und natürlich gilt dies auch für die Auffrischungsimpfungen, die voraussichtlich zum Schutz gegen eine Infektion notwendig bleiben werden.“ Voraussetzung für dieses Versorgungsversprechen sei, dass vom Bund „mehr und verlässlich Impfstoffe“ geliefert werde. Landesministerium und KV Hessen wollen möglichst zeitnah über das weitere Vorgehen informieren.

Vorerst richtet sich der Blick nach Berlin. Denn neben der Ungewissheit, wer wann welche Auffrischungsimpfung benötigt, sind auch noch verwalterische und politische Fragen offen. So erklärt das Gesundheitsministerium, die Impfstoffhersteller müssten gegebenenfalls die Zulassungen für ihre Corona-Impfstoffe erweitern – oder komplett neu beantragen, wenn sie angepasste Varianten ihres Wirkstoffes an den Markt bringen wollten. Die Hersteller versuchen aktuell, ihre Vakzine so zu verändern, dass diese besser vor Virusmutanten schützen. Dass sich die gefährliche Delta-Variante ausbreitet*, ist beispielsweise ein Grund dafür, dass auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von Auffrischungsimpfungen insbesondere für die „ältere Generation“ ausgeht. Festlegen muss der Bund noch, wer für deren mögliche Kosten aufkommt. (ag) *fr.de und giessener-allgemeine.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA

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