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Damit junge Erwachsene nicht durch das Netz fallen

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© dpa / Symbolbild

Wer zu uns kommt, findet immer eine Anschlussmöglichkeit“, sagt der Leiter der Hofheimer Brühlwiesenschule (BWS), Jochen Niclaus. Junge Menschen, die ihren Hauptschulabschluss nicht geschafft haben,

Wer zu uns kommt, findet immer eine Anschlussmöglichkeit“, sagt der Leiter der Hofheimer Brühlwiesenschule (BWS), Jochen Niclaus. Junge Menschen, die ihren Hauptschulabschluss nicht geschafft haben, haben an der Beruflichen Schule die Möglichkeit, den einjährigen „Bildungsgang zur Berufsvorbereitung“ zu besuchen. Wer das Jahr geschafft hat, hält einen Abschluss in der Hand, der dem Hauptschulabschluss gleichgestellt ist.

Einer, der diese Chance genutzt hat, ist Maximilian Zimmer. Der 23-Jährige sagt frei heraus, dass er als Jugendlicher „nicht wirklich so die Motivation“ zum Lernen gehabt habe. Auf seine Bewerbung für ein Praktikum bei einer Schreinerei in Hattersheim erhielt der Hauptschüler wegen seiner schlechten Schulnoten eine Absage. „Dann habe ich gehört, dass man an der Brühlwiesenschule den Hauptschulabschluss mit Schwerpunkt Holztechnik machen kann.“

Der Wechsel dorthin brachte für Zimmer die Wende: „Wenn man immer schlechte Noten hat, zehrt es am Ego.“ Mit der für ihn neuen Erfahrung, Spaß an der Schule zu finden und Lob zu erhalten, änderte sich auch sein Lernverhalten. Und das eigene Selbstbewusstsein wuchs. Am Ende des Jahres hatte Zimmer nicht nur den Hauptschulabschluss, sondern auch einen Ausbildungsplatz in der Tasche – ausgerechnet in der Schreinerei, die ihm vorher wegen schlechter Noten keinen Praktikumsplatz anbieten wollte.

Schalter wird umgelegt

Nach drei Jahren hat der junge Mann nicht nur seine Ausbildung abgeschlossen, er ging anschließend sogar die Meisterschule an. Heute arbeitet er als Tischlermeister im Betrieb seines Vaters in Griesheim bei Darmstadt.

Eine Erfolgsgeschichte, sagt Klaus Kallenberg, der stellvertretende Schulleiter der BWS: „Wir sind der Bahnhof, an dem die Schüler ankommen“ – aber eben keine Endstation. „Wir öffnen die Schranke“, bleibt Kallenberg im Bild. Dann ergäben sich neue Weichenstellungen und es gehe weiter im Leben.

Die Erfahrung zeigt, dass es vielen Schülern geht wie Maximilian Zimmer. Vor allem der Praxis-Teil des Unterrichts verschafft den Teilnehmern neue Motivation und neues Selbstbewusstsein. Manchmal seien es auch positive Entwicklungen im Umfeld eines Schülers, die dazu führten, dass dieser irgendwann „den Schalter umlegt“.

15 Plätze hat eine Klasse des Bildungsgangs zur Berufsvorbereitung (BzB), in dem Lehrer Heiko Forstmann tätig ist. „Das klingt nicht viel“, sagt Forstmann, „aber im Prinzip habe ich es mit 15 Einzelfällen zu tun.“ Die Vorgeschichten der Schüler sind individuell. Neben denjenigen, die den einfachen Hauptschulabschluss aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht geschafft haben, sind immer auch Schüler darunter, die im BzB gezielt noch einen sogenannten qualifizierten Hauptschulabschluss anstreben. Das macht ein hohes Maß an Differenzierung nötig.

Erfolg der Schulsozialarbeit

Forstmann: „Unsere Zielsetzung ist, dass jeder Schüler einen Anschluss findet und nach dem Jahr einen Berufsbildenden Abschluss macht, der dem Hauptschulabschluss gleichgestellt ist.“ Im letzten Jahrgang hätten drei von 15 Schülern das geschafft oder sogar einen qualifizierten Abschluss erhalten.

Wer es nicht packt, werde aber nicht allein gelassen. „Wir versuchen immer, einen Anschluss zu finden“, sagt Forstmann. Das geht etwa, wenn ein Meister bereit ist, eine Ausbildung trotz fehlenden Abschlusses zu bieten. Das Gute: Ist die Ausbildung geschafft, ist damit auch der Hauptschulabschluss verbunden.

Für das Gelingen ist in jedem einzelnen Fall ein enger Austausch mit Ausbildungsbetrieben, Kreishandwerkerschaft und Industrie- und Handelskammer sowie Arbeitsamt oder Jugendmigrationsdienst wichtig. Eine entscheidende Rolle spielt für die Brühlwiesenschule aber auch der Einsatz der Schulsozialarbeiter, Christina Sause und Mehmet Cetingök. Die beiden arbeiten eng mit den Lehrern zusammen. „Der Main-Taunus-Kreis ist in Sachen Schulsozialarbeit vorbildlich“, sagt Schulleiter Niclaus. Denn hinter schulischen und sozialen Defiziten stehen häufig außerschulische Probleme, für die geeignete Lösungsansätze gefunden werden müssen. „Da braucht es Motivation und Begleitung“, sagt Christina Sause. Lehrer Forstmann ist froh, dass die Schulsozialarbeit sich einschaltet, wenn es klemmt. „Wenn das, was die Sozialarbeiter alles machen, bei mir aufliefe, käme ich gar nicht mehr zum Unterricht,“ ist für den Klassenlehrer klar.

Am besten wäre natürlich, wenn kein Schüler mehr die Schule vor dem Hauptschulabschluss abbrechen würde. Ob dies durch das Abschaffen von Noten und Abschlüssen noch besser gelingen könnte? Die Pädagogen der Brühlwiesenschule glauben das nicht. Ohne Abschlussprüfungen werde auch nichts mehr getan, ist Schulleiter Jochen Niclaus sich sicher. „Was gibt es für bessere Möglichkeiten?“, fragt Klaus Kallenberg. „Die Schüler selbst wollen sich vergleichen“, ist die Erfahrung von Heiko Forstmann. Das bestätigt der frühere BWS-Schüler Max Zimmer, der sagt: „Zeugnisse sind ein Ansporn. Es ist schon richtig, dass es sie gibt.“

dfg f dgh tg

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