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Flüchtlinge in einer Erstaufnahmeeinrichtung: Experten rechnen mit schweren Traumatisierungen bei Syrern.

Flüchtlinge in Darmstadt

Ein „Dorf“ für Flüchtlinge

Viele Flüchtlinge haben beim Verlassen ihrer Heimat und auf dem Weg nach Europa Schreckliches erlebt. Speziell für traumatisierte Frauen und Kinder gibt es in Hessen ein neues Modellprojekt, in dem ein „Dorf“ eine wichtige Rolle spielt.

Ein Modellprojekt zur Betreuung von traumatisierten Frauen und Kindern unter den ankommenden Flüchtlingen hat das Land Hessen in Darmstadt gestartet. Das zusammen mit dem Sigmund-Freud-Institut erarbeitete „Step-by-Step“-Angebot sei „bundesweit einmalig“, sagte Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) am Donnerstag.

In einer Unterkunft in Darmstadt sollen Flüchtlinge in stabilen Alltagsstrukturen ähnlich einer dörflichen Gemeinschaft die Möglichkeit haben, über schreckliche Erlebnisse zu reden. Dies sei auch ein Beitrag zur Integration, meinte Grüttner. Auch in anderen Unterkünften in Hessen gebe es Hilfe für Traumatisierte. In Darmstadt sei aber mit dem „Dorf“-Konzept ein besonderer Weg gewählt worden.

„Ein Trauma zerstört innere wie äußere Strukturen“, sagte die geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Professorin Marianne Leuzinger-Bohleber. Ohne Hilfe könnten die Verletzungen noch in der zweiten und dritten Generation zu spüren sein. Laut dem Institut rechnen Experten damit, dass ein Großteil der Flüchtlinge aus Syrien und Afrika schwere Traumatisierungen erlebt hat. Sprachen seien bei einer Hilfe keine wirkliche Hürde, meinte Prof. Leuzinger-Bohleber.

Ein Kern des Darmstädter Projekts sei ein „Geben“ und „Nehmen“, sagte Grüttner. „Ziel ist, jedem Flüchtling pro Tag ein Angebot zu geben, in dem er aktiv gefördert wird, also etwas bekommt und dann zwei Stunden eine Eigenaktivität entfalten kann, in dem er eine Tätigkeit für das Dorf ausführt, also etwas gibt.“ Das könne eine handwerkliche Hilfe sein. In der Darmstädter Unterkunft sind rund 460 Menschen untergebracht, davon rund 110 Frauen und etwa 115 Kinder bis 14 Jahre. Es gibt dort auch einen Bereich extra für Frauen.

Die meisten Flüchtlinge kommen aus Afghanistan und Syrien. In den Erstaufnahmeeinrichtungen, deren Außenstellen und Notunterkünften des Landes leben rund 21 000 Asylsuchende.

Die Grünen-Landtagsfraktion begrüßte das Projekt. „Wir sind gespannt auf diese Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung, sie wird wichtige Anhaltspunkte geben, welche Bedarfe und Angebote zukünftig genau bei Trauma-Hilfen gebraucht werden“, sagte der flüchtlings- und integrationspolitische Sprecher Marcus Bocklet.

(lhe)

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