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Besuch in einem Dorf, das sehenden Auges seinem Ende entgegengeht

Ein Dorf stirbt. Oder: Gute Reise, Wünschen-Moos

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Groß war Wünschen-Moos noch nie. Heute zählt das idyllisch gelegene Dorf im Vogelsbergkreis nur noch 32 Einwohner. Was bedeutet es für die verbliebenen Einwohner, ihre Heimat sterben zu sehen?

Wenn die alte Glocke in Wünschen-Moos läutet, dann gibt es dafür nur vier mögliche Gründe: Es ist 6 Uhr. Es ist 12 Uhr. Es ist 18 Uhr. Oder es ist jemand gestorben. Irgendwann wird der letzte Glockenschlag verkünden, dass alles Leben aus dem kleinen Wünschen-Moos gewichen ist. Noch ist es zwar nicht so weit. Aber der Tag, an dem die Geschichte des Dorfes zu Ende erzählt sein wird, rückt unaufhaltsam näher – und die Dorfbewohner wissen um dieses Schicksal.  

Gefühlte Ewigkeiten schlängelt sich die Landstraße durch den malerischen Vogelsbergkreis. Hinter dem Autofenster werden die Wiesen grüner, die Dörfer kleiner und die Kühe fröhlicher. Schließlich: Stille. Ruhe. Wünschen-Moos.

Am Moosbach hinter dem Dorf tanzen die Schmetterlinge über dem Wasser. Auf den Feldern hocken die Krähen. Und über alldem thront die Kastanie in der Dorfmitte. Im Schatten des Baumes leben heute 32 Menschen – vor sieben Jahren waren es noch 40. Ein Drittel der Menschen hier ist älter als 80 Jahre.

„Ich glaube, dass Wünschen-Moos nicht mehr zu retten ist“, sagt Ortsvorsteher Bernhard Simon. Seine Stimme zittert.

Simon, Mitte 50, lacht gern und erzählt viel. Vor neun Jahren haben ihn die drei Dörfer des Steigertals – Wünschen-Moos, Zahmen und Heisters – zum gemeinsamen Ortsvorsteher gewählt. Für die Menschen hier ist er „der Bernhard“. Seit jeher begrüßt er alle Neuen im Dorf persönlich. Viele sind es nicht.

 

Über seine Heimat will Simon eigentlich sagen, dass das Glas halb voll ist. Aber er sieht auch, was in Wünschen-Moos passiert.

Die einzige Straße hier hat tiefe Löcher. Linienbusse fahren nicht: Wer kein Auto hat, muss auf den Schulbus warten oder das Bus-Unternehmen anrufen, um abgeholt zu werden. Selbst für kleine Einkäufe müssen die Dörfler mindestens eine Ortschaft weiter fahren. Eine Antennenverbindung soll Internet bringen, das funktioniert aber nur selten. Bei Regen und Sturm bricht das Telefonnetz regelmäßig zusammen. Am schwersten wiegt aber, dass es rund um Wünschen-Moos kaum Arbeit gibt. Die wenigen jungen Menschen flüchten aus dem Dorf, zurück bleiben die alten.

Bernhard Simon parkt vor einem Haus mit weißer Schindelfassade. Blumenkästen hängen vor den niedrigen Fenstern. Im Vorgarten steht eine Holzbank. Simon klingelt. Langsam geht die Tür auf. „Ach, Bernhard.“ Dora Sill bittet herein.  „Als junges Mädchen hat man mir gesagt, von Dirlammen nach Wünschen-Moos würde man nicht heiraten, weil es hier so einsam ist“, erzählt Dora Sill. Sie spricht leise, mit breitem Dialekt. Damals folgte die junge Sill dem Rat nicht. Für ihren Zukünftigen verließ sie das 400-Seelen-Dorf Dirlammen und zog ins 50-Seelen-Dorf Wünschen-Moos. In den ersten Monaten habe sie noch das Glockenläuten vermisst. Bald war auch das vergessen: Die „alte“ Wünschen-Mooser Glocke erklang zum ersten Mal.

Sill stellt ihren Rollator neben der Treppe im Flur ab. Links von ihr geht es ins Wohnzimmer, wo das Pflegebett der 87-Jährigen steht. Rechts liegt die Küche. Simon zieht reflexartig den Kopf ein, als er Sill dorthin folgt. Das Haus mit den niedrigen Decken ist inzwischen seit weit mehr als einem halben Jahrhundert Sills Zuhause.

Die Seniorin sitzt am Küchentisch und blättert in einem holzbeschlagenen Album. Klatschblätter und Puzzles hat sie zur Seite geräumt. Mit Bernhard Simon spricht sie wie mit einem Vertrauten. Wenn ihr Dialekt zum Hindernis wird, übersetzt er.

Stolz präsentiert Sill einen vergilbten Zeitungsartikel – eine Kurzchronik von über 1000 Jahren Dorfgeschichte. Der Spottvers „Wünschen-Moos, die kleine Stadt, die nur sieben Häuser hat“ ist darin zu lesen. Dora Sill kann sich noch gut an eine Zeit erinnern, als diese paar Häuser vor Leben überquollen.

Früher lebten die meisten Familien in Wünschen-Moos von der Landwirtschaft – wenn nicht im Hauptgewerbe, dann nebenbei. In den Anwesen wohnten sechs oder sieben Menschen. Zu seinen Hochzeiten hatte das Dorf mehr als 80 Bewohner – jung und alt gleichermaßen. Mindestens einmal in der Woche kam ein umherziehender Lebensmittelhändler ins Dorf gefahren, im Backhaus backte das ganze Dorf das Brot aus eigener Ernte und im gemeinsamen Gefrierhaus besaß jede Familie ein eigenes Gefrierfach.

Sills verstorbener Ehemann betrieb zu dieser Zeit schon die Drechslerei, die ihr Sohn heute weiterführt. Dora Sill hofft, dass er das noch lange tun wird, sicher ist sie aber nicht. Die Drechslerei ist das letzte Gewerbe, das in Wünschen-Moos übrig geblieben ist. Die Landwirtschaft hat auch Familie Sill längst aufgegeben – wie es alle hier, spätestens mit Beginn der 90er Jahre, getan haben.

Dora Sill geht es wie ihren greisen Nachbarn: Altersbedingt kommt sie immer seltener vor die Tür. Sie ist auf Hilfe angewiesen. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter leben bei ihr. Wenn sie in die Stadt zum Arzt muss, können die beiden sie mit dem Auto fahren. Bis vor einigen Jahren konnte sie das noch selbst.

Wie die Zukunft von Wünschen-Moos aussieht, mag und kann sich Dora Sill nicht vorstellen „Ich weiß nicht, wie es mal wird“, sagt sie, während sie an der Ecke einer Buchseite nestelt.

Die alten Wünschen-Mooser merken, dass ihr Zuhause mit ihnen stirbt. „Für sie ist das schlimm“, sagt Bernhard Simon. Wie Dora Sill schwelgen sie gern in Erinnerungen daran, wie sie bei Dorffesten bis in die Morgenstunden getrunken haben. Wie sie später ihren Eltern auf den Feldern helfen mussten. Wie lebendig Wünschen-Moos war. Aber sie klagen nicht. Auch Dora Sill sagt zum Abschied nüchtern: „Die Jugend hat hier keine Zukunft. Die müssen ja fortgehen.“ Nur der Mario sei wieder zurückgekommen.

Ein Rauchfaden windet sich gen Himmel. Mario Blum wiegt seine Kippe zwischen Zeige- und Mittelfinger hin und her. Er sitzt auf der Parkbank am verlassenen Wünschen-Mooser Spielplatz mitten im Dorf. Blum überlegt. Die große Stadt ist hier sehr weit weg – dort zieht es ihn auch nicht hin. „Ich werde aber wahrscheinlich nicht für immer hier bleiben“, sagt er und bläst den Rauch aus. Seine Freundin kommt aus Fulda, das mehr als 20 Kilometer Fahrt über verschlungene Landstraßen entfernt liegt. Ihr gefällt es zwar in Wünschen-Moos, aber ob sie hier leben will, weiß Blum nicht. 

Das Leben in der Stadt hat der 27 Jahre alte Blum ausprobiert. Im Dezember verließ er Wünschen-Moos in Richtung Aschaffenburg. Weg vom Elternhaus, weg von der Heimat, hin zu einem neuen Job. Er hielt es nicht lange aus: Schon nach ein paar Wochen zog es ihn zurück ins Dorf. Seine alte Stelle als Dachdecker hat er wiederbekommen.

Warum er zurückgekommen ist? Blum macht eine ausholende Geste. „Hier geht es mir besser“, sagt er. Er lebt gern hier, mit Eltern und Großmutter, schätzt die Natur, die Ruhe und die Gemeinschaft.

Blums Mutter stammt aus einer der örtlichen Bauernfamilien, der Vater aus dem Nachbarort. Als Kind in Wünschen-Moos aufzuwachsen, sei schön gewesen. Der Fußballverein eine Fahrradfahrt entfernt, die Freiheit in den Feldern und die besten Kumpel wohnten direkt nebenan. „Was soll ich vermisst haben?“

Zu wissen, dass seine Heimat stirbt, sei ein komisches Gefühl, gibt Blum zu: „Aber ich bin da realistisch. Das ist der Lauf des Lebens.“

Blums Freunde sind seit Langem fort. Heute ist Mario Blum in Wünschen-Moos  der viert-jüngste Bewohner. Eine junge Frau, Anfang 20, wohnt noch hier. Vor drei Jahren ist zwar eine junge Familie an den Rand des Dorfes gezogen, zu den Alteingesessenen haben sie aber kaum Kontakt. Den Spielplatz in der Dorfmitte könnten ihre beiden Kindern für sich allein haben. Stattdessen wuchert dort das Unkraut.

Als Bernhard Simon wieder auf die Straße tritt, tippeln zwei kleine Hunde um die Ecke. Ihnen folgt ein Mann in kurzer Sporthose, der die Stirn in tiefe Falten gelegt hat. Ein alter Bekannter von Simon. Kurz angebunden grüßt er den Ortsvorsteher und verkündet sogleich, er habe vorhin eine Mail geschrieben, um sich zu beschweren. Für irgendwelche Großprojekte habe die Stadt immer Geld übrig – aber um Wünschen-Moos kümmere sich die Politik nicht. Simon lehnt sich an einen steinernen Pfosten, hört zu.

Der Mann in Sporthose deutet in Richtung Feld, das nur ein paar Schritte hinter seinem Haus beginnt. „Da ist so ein großes Schlagloch auf der Gasse. Wenn es richtig regnet, haben wir hier sieben Meter See“, brummt er. Beschwert habe er sich schon mal, passiert sei nichts. Er ist frustriert.

Wünschen-Moos ist der kleinste Ortsteil der Gemeinde Grebenhain. Das Rathaus ist rund zehn Kilometer entfernt von hier. Die Abgeschiedenheit sorgt dafür, dass in Wünschen-Moos wenig passiert.

Ortsvorsteher Simon hat sich mit diesem Umstand arrangiert: „Wenn ein Feldweg kaputt ist, muss man den Bürgermeister holen. Der sagt dann: ‚Wir haben kein Geld, aber das Material bekommt ihr.“ Und dann machen es die Dörfler selbst. Nach dieser Formel haben die 250 Menschen im Steigertal, zu dem Wünschen-Moos gehört, schon viele Projekte bewältigt. Zuletzt bauten sie sich ein neues Bürgerhaus am Ortseingang von Zahmen.

Einst halfen die Bauern sich gegenseitig, wenn die Kühe mitten in der Nacht ihre Kälber zur Welt brachten. Heute fahren die jüngeren Nachbarn mit den alten zum Einkaufen. Oder klingeln an der Haustür, wenn nicht, wie sonst, im Nachbarhaus pünktlich um neun Uhr der Rollladen aufgeht. „So einen Gemeinschaftssinn gibt es in der Stadt nicht“, sagt Simon.

Die berühmteste Person in Wünschen-Moos ist Helmut Rauber. Auf einem Schrank in seinem Keller stapeln sich Pokale. Mehrmals hat der heute 68-Jährige die Europameisterschaft im Truck-Trial gewonnen –  im Lkw-Geschicklichkeitsfahren durch unwegsames Gelände. Und immer ist er gefragt worden, wo denn die Stadt Wünschen-Moos liege.

Im Fernseher hinter Rauber flimmern Aufnahmen aus dieser Zeit. Seine Frau Inge hat sie herausgesucht. Aber Helmut Rauber will eine andere Geschichte erzählen. Er tätschelt die Hand seiner Frau. Ein kurzer Blick. Was er sich mit ihr hier in Wünschen-Moos aufgebaut hat, das ist sein Lebenswerk. Die Geschichte des sterbenden Dorfes und seine eigene Geschichte sind untrennbar verwoben.

Ende der 60er Jahre lernen Inge und Helmut Rauber sich beim Jugendabend im Nachbarort Zahmen kennen. Sie ist damals 15, er ist 17, sie heiraten jung, werden jung Eltern. Helmut arbeitet erst als Schlosser, später als Kfz-Meister. Er verdient genug, um seine Frau und die drei Töchter durchzubringen – aber nicht mehr. Die Familie wohnt zur Miete, fernab von Inges Heimat Wünschen-Moos. Das belastet Helmut Rauber. Er will seiner Familie ein richtiges Zuhause geben.

Als Inges Bruder die Landwirtschaft und das inzwischen verfallene Anwesen aufgibt, siedelt die junge Familie um. „Egal wie alt das Haus ist, Hauptsache, das gehört irgendwann dir, habe ich gedacht“, sagt Helmut Rauber. Und wirklich: Der Umzug nach Wünschen-Moos erweist sich als Wendepunkt in seinem Leben.

Neben seinem normalen Job arbeitet Rauber damals auf Feldern rund um Wünschen-Moos, renoviert das alte Anwesen und kümmert sich um die Schwiegereltern. Ein Zuhause hat die Familie jetzt, trotzdem ist Rauber nicht zufrieden. Das Geld bleibt knapp.

Irgendwann wird im Nachbarort ein Holzrücker gesucht, also jemand, der geschlagene Bäume von Steilhängen oder aus matschigen Wäldern auf die sichere Straße schafft. Rauber steigt ein, macht sich selbstständig. Aus einem alten Anhänger und einer Dreschmaschine bastelt er einen improvisierten Kranwagen. Von Holzrücken und Lkw-Fahren hat er damals keine Ahnung – trotzdem gelingt es ihm, sich im Laufe der Jahre einen bescheidenen Wohlstand zu erarbeiten.

Inge und Helmut Rauber fühlen sich in Wünschen-Moos immer noch wohl, mit ihrem Terrassenblick ins Grün. Sie haben neu gebaut, hinter dem alten Anwesen. Wie alle Häuser in Wünschen-Moos trägt auch ihres einen Namen: „Raubersch“ steht auf einem Schild neben der Tür. Helmut Raubers lächelt versonnen, als er erzählt, dass er einmal ein Reh erwischt hat, wie es an einem Sonntagmorgen den Busch an seiner Türschwelle abgefressen hat. In zwei Jahren will das Ehepaar goldene Hochzeit feiern. Aber sie machen sich Gedanken.

Ihre Töchter sind „fortgeheiratet“. Nach der Generation um Dora Sill sind sie die Ältesten in Wünschen-Moos. „Vielleicht müssen wir irgendwann ins Altenheim“, sagt Inge Rauber. Was dann mit ihrem Haus wird? Das alte Anwesen steht jetzt schon leer. Helmut Rauber ist realistisch: „Wir erhoffen uns nicht, dass unsere Töchter das Haus übernehmen. Die sind weg und kommen auch nicht wieder.“

Bernhard Simon fährt nach Hause. Wollte er denn nie fort? Auf diese Frage zuckt er nur mit den Schultern. „Dann hätte ich das alles ja nicht erlebt“, sagt er. Er könne nicht verstehen, dass die Leute aus Wünschen-Moos weggehen. Fehlende Arbeit, schlechte Infrastruktur, wenig Perspektive – ja, das sieht er auch. Aber wirklich verstehen kann er es nicht.  

Text: Alexander Gottschalk, Bilder: Dominik Rinkart

Dieser Text wurde erstmals am 28. Juni 2017 in der Online-Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse veröffentlicht.

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