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Mit einer Wiedehopfhaue - sie heißt so wegen ihres charakteristischen Kopfes - gräbt Landwirt Patrick Stappert ein Loch in seinen Weizenacker neben der Jahrhunderthalle - um zu zeigen, wie wenig Wasser die Erde bei den jüngsten Regenfällen aufgenommen hat. Foto: Leonhard Hamerski

Dürre und Trockenhet

Sahara-Sommer in Hessen: Dürre sorgt für Einbußen bei der Ernte

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Auch der zweite Sahara-Sommer in Folge treibt den Bauern der Region die Sorgenfalten ins Gesicht.

Patrick Stappert steigt von seinem grünen Traktor herab und geht mit seiner Wiedehopfhaue, einer Art Hacke, in der Hand über seinen Acker neben der Jahrhunderthalle. Knackten noch vor wenigen Tagen die trockenen Halme des gehäckselten Strohs bei jedem Schritt unter seinen Stiefeln, dämpft nun der feuchte Film der jüngsten Regenfälle die Geräusche.

Ein paar energische Hiebe mit der Wiedehopfhaue - und Stappert fühlt die Feuchtigkeit im frisch entstandenen Erdloch: "Der Regen ist gerade mal 18 Zentimeter tief eingezogen", demonstriert er den sprichwörtlichen "Tropfen auf den heißen Stein". Noch sei ungewiss, ob der Boden für die im Herbst geplante Raps-Aussaat nicht zu trocken ist, erklärt er. 20 bis 25 Zentimeter müsse man für die Saat pflügen. Im vergangenen Jahr scheiterte das Vorhaben: "Wir hatten das Saatgut schon gekauft und mussten es dann daheim in Fässer einlagern." Stattdessen habe man umgestellt und mehr Roggen und Wintergerste angebaut. Mit derlei Improvisation versucht Stappert, der einen Traditionshof mit Feldern in Unterliederbach, Okriftel, Zeilsheim und Hattersheim betreibt, dieFolgen des zweiten Dürresommers hintereinander zu mildern.

Dürre führt zu harten Einbußen bei der Kartoffelernte

Dennoch trifft es ihn hart: Im vergangenen Jahr fiel die Kartoffelernte um 30 bis 35 Prozent geringer aus. Dabei sind Kartoffeln für die Direktvermarktung das Haupt-Standbein. In diesem Jahr könnte die Einbuße ähnlich hoch ausfallen - "immerhin ist die Kartoffelgröße in Ordnung." Bitter sah es auch bei den Zuckerrüben aus: Hier gab es 40 Prozent weniger Ertrag. Erschwerend hinzu kam ein härterer Preiskampf auf dem Zuckermarkt.

Im Kampf gegen die Dürre setzt Stapperts Kollege Hans-Josef Schneider hauptsächlich auf seine Regenmaschinen. In Schwanheim und Sossenheim baut er auf einer Fläche von etwa 150 Hektar Getreide, Zuckerrüben, Mais und Kartoffeln an. Die künstliche Bewässerung funktioniere allerdings nur bei Feldern mit nahen Wasserquellen, wie er einschränkt. "Außerdem kosten die Regenmaschinen zusätzlich, und es braucht Personal, sie zu bedienen". Am Ende stimme dann zwar der Ertrag "noch halbwegs", aber der Preis, den für seine Feldfrüchte erzielt, rechtfertige nicht den großen Aufwand.

20 Prozent weniger Mais und Heu in Hessen

Etwa 20 Prozent weniger Mais werde er wohl in diesem Jahr einfahren, schätzt Schneider. Ähnlich hoch seien die Einbußen bei der Heuernte auf seinen Wiesen. Dass die Getreideernte noch recht zufriedenstellend ausgefallen sei, habe ihn und seine Kollegen überrascht: "Erstaunlich, dass die Pflanzen es mit so wenig Wasser überhaupt so weit geschafft haben".

Die Ernte von Mais, Rüben und Kartoffeln steht nun noch aus - machen ihm da die jüngsten Regenfälle ein wenig Mut? "Was da runterkam," erwidert Schneider, "waren vielleicht 25 Liter - uns fehlen aber etwa 200 Liter pro Quadratmeter für vernünftige Erträge." Bleibt es weiter regenarm, könne das auch für die Raps-Aussaat in vier Wochen zum Problem werden: "Gibt es zu wenig Wasser, können die Pflanzen erst gar nicht keimen", sagt er. Wenn er in die Zukunft blickt, plagt den Bauern neben der Sorge vor einem weiteren Dürre-Sommer im nächsten Jahr noch eine andere Angst: "Ich fürchte die heftigen Regenfälle, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben." Denn: "Bei Trockenheit kann man immer noch bewässern - bei zu viel Regen aber stehst du hilflos da."

Problem: Wetter-Extreme

Auch der Nieder-Erlenbacher Kreislandwirt Dr. Matthias Mehl bestätigt: "Das Problem für uns Landwirte sind die zunehmenden Wetter-Extreme. Wir könnten in Zukunft durchaus auch mal eine längere Regenperiode bekommen." Die würde dann wieder zu ganz anderen Problemen führen, "etwa, dass wir gar nicht ernten können."

Die Erträge der gerade beendeten Getreide-Ernte im Frankfurter Raum waren nach Mehls Worten "etwa auf Vorjahres-Niveau: unterdurchschnittlich, aber nicht katastrophal". Dies und die "noch gute Qualität" der Feldfrüchte führt er auf "unsere guten Böden zurück, die die Winterniederschläge speichern und bei Trockenheit an die Pflanzen weitergeben." Vor allem von den 100 Liter Regen pro Quadratmeter im vergangenen Dezember "haben wir noch lange gelebt." So erbrachte die Wintergerste noch ganz gute Erträge. Der Weizen als Hauptgetreidefrucht jedoch, der zu Beginn der trockenen Sommermonate noch am Wachsen gewesen sei, habe "schlechtere Erträge geliefert". Für die Region spricht er von etwa zehn Prozent unter dem langjährigen Schnitt. Die gute wirtschaftliche Nachricht für die lokalen Landwirte: "Im europäischen Ausland sind die Ernten recht gut gewesen, so dass der Preis nicht steigt."

Nun liege der Fokus auf den Kulturen, die noch auf den Äckern sind: Mais, Zuckerrüben, Kartoffeln. Probe-Ernten bei den Zuckerrüben deuten bereits auf einen gegenüber dem Vorjahr um zehn Prozent geringeren Ertrag hin - und 2018 waren es bereits zehn Prozent weniger als 2017. Insgesamt 23 Quadratmeter Liter pro Quadratmeter seien an zwei Tagen in diesem Monat gefallen. Doch noch viel mehr Regen sei in den nächsten Wochen vonnöten, denn der bisherige August-Niederschlag sei spätestens "in der nächsten Woche" wieder aufgebraucht.

"Noch im Spektrum"

Er beschreibt die Stimmungslage unter den Landwirten der Region so: "Wir sind in Sorge, bleiben aber gelassen, und verfallen nicht in Panik." Denn obwohl er die Folgen des Klimawandels ernst nimmt, rückt Mehl die gegenwärtige Dürre in geschichtliche Relationen. Die Lage sei für die Bauern im Jahr 1976 schlimmer gewesen: "Da fielen lediglich 400 Liter Regen pro Quadratmeter." Im vergangenen Jahr seien es immerhin über 500 gewesen - "gefühlt werden wir da in diesem Jahr auch wieder hinkommen." Der Schnitt der gefallenen Regenmenge liege seit Beginn der eigenen Aufzeichnungen im Jahr 1955 bei 650 Litern, die Schwankungen zwischen 400 und 900 Litern pro Quadratmeter. Insofern seien die Zahlen der jüngeren Vergangenheit "noch im Spektrum".

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