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Dutzende Angriffe auf Pferde in den vergangenen Jahren

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Pferde auf der Koppel
Ein Islandpferd steht auf einer Weide im Taunus. © Niels Babbel/dpa/Symbolbild

Auf der Weide gehaltene Pferde sind in der Vergangenheit mehrfach von Unbekannten attackiert worden. Die Motive hinter solchen Taten sind vielfältig, die Aufklärung schwierig.

Gießen/Wiesbaden - Mutmaßliche Tierquäler haben es in Hessen immer wieder auf Pferde abgesehen. Die Polizei registrierte in den vergangenen Jahren Dutzende Angriffe auf die Tiere, bei denen diese verletzt oder sogar getötet wurden. „Solche Fälle tauchen stetig auf und das ist extrem bedenklich“, sagt Hessens Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Gerade auf Koppeln seien Pferde ein leichtes Ziel für Täter - was besonders traurig sei, denn aus Tierschutzgründen „freuen wir uns, wenn Pferde möglichst viel draußen sind“.

Laut der aktuellsten Polizeilichen Kriminalstatistik kam es im Jahr 2020 in Hessen zu elf aktenkundigen Attacken auf Pferde. Die Zahlen schwanken: 2017 wurden 29 Fälle bekannt, 2015 waren es 19. Im Jahr 2013 - seit dieser Zeit lässt sich dem hessischen Landeskriminalamt (LKA) zufolge das Phänomen in der Statistik auswerten - wurden 32 Fälle registriert.

Zuletzt berichtete die Polizei über mutmaßliche Angriffe in Mittelhessen: Ende Dezember 2021 verendete dort ein Pferd, nachdem es sich an einem hölzernen Stallgestell schwer verletzt hatte. Die Polizei geht davon aus, dass Unbefugte auf der Koppel gewesen waren - denn einem der fünf Tiere seien Dreadlocks in die Mähne geflochten worden. Was weiter geschah, sei aber unklar: Aus „irgendeinem Grund“ seien die Tiere wild über die Weide gelaufen, wobei sich das eine Pferd die schweren Verletzungen zugezogen habe.

Ebenfalls Ende Dezember und in Bad Endbach fanden Pferdebesitzer ein Küchenmesser auf ihrer Weide uns sahen einen Zusammenhang mit einer zuvor entdeckten Verletzung eines ihrer Tiere. Knapp eine Woche zuvor waren in Dautphetal Pferde von ihrer Weide entlaufen - offenbar hatten Unbekannte den Zaun geöffnet und die elektrische Sicherung ausgeschaltet. Es kam zu einer Kollision mit einem Auto, bei dem ein Pferd schwere Verletzungen erlitt. Einem anderen wurden, so der Verdacht der Polizei, mutwillig Schnittwunden zugefügt.

Ein Wallach mit einer etwa zehn Zentimeter langen Wunde im Brustbereich beschäftigte die Polizei im Kreis Kassel. Auch in diesem im vergangenen September bekannt gewordenen Fall vermuten die Ermittler Vorsatz. Im März 2021 wurde auf einer Weide in Bad Schwalbach ein Pferd tot aufgefunden - nachdem offenbar aus einer Schreckschusspistole geschossen worden war. Ermittler fanden vor Ort entsprechende Hülsen. Die genaue Todesursache sei aber unklar.

Der Blick in die Kriminalstatistik zeigt, dass die Polizei in der Vergangenheit nur selten Täter ausmachen konnte. 2017 etwa klärten die Ermittler zwei Taten auf, 2020 keine. „Man muss sehen, dass es sich um schwierige Tatorte handelt“, erläutert Alexandra Stupperich vom Expertenteam des Zentrums für Kriminologie und Polizeiforschung. „Die Tiere werden auf einer Weide angegriffen. Die Wahrscheinlichkeit, dass man da nachts Zeugen hat, die den Täter zufällig beobachten, ist nicht sehr groß.“ Zudem werde das Delikt von der Polizei auch ins Verhältnis zu anderen Delikten gesetzt, so dass der Umfang der Ermittlungen geringer ausfallen könnte als bei anderen Taten, sagt Stupperich weiter, die bis zu ihrem Ruhestand Professorin für Kriminaltechnik war.

Die Motive hinter den Taten sind der Expertin zufolge sehr vielfältig. „Das fängt bei Neid an, Neid zwischen Reiterinnen und Reitern oder zwischen Züchtern. Oder es gibt Fälle von Nachbarschaftsstreitigkeiten, bei denen die Täter generell etwas gegen Pferde oder den Reitstall haben.“ Ein großer Bereich betreffe auch Jugendliche und Gruppendelikte, bei denen es dann häufig um Mutproben gehe. „Schließlich liegt bei manchen Tätern auch eine psycho-pathologische Veranlagung vor. Bei diesen unterscheidet man zwischen jenen, die eine sexuelle Neigung in Bezug auf Pferde haben, und solchen, die Spaß am Quälen und Töten haben“, so Stupperich.

„Das Thema "Pferderipper" beschäftigt uns schon seit Ende der 1990er Jahre und ist leider immer wieder präsent“, sagt Thomas Ungruhe, Leiter der Abteilung Vereine, Umwelt, Breitensport und Betriebe der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. „Für Pferdebesitzer ist eine der schlimmsten Vorstellungen, morgens auf die Weide zu kommen und sein Pferd verletzt vorzufinden. Beim Bekanntwerden solcher Fälle, meist sind es ja keine Einzelfälle, sollten Pferdehalter in der betroffenen Region entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Weiden ergreifen, das Weidecontrolling verschärfen und wachsam zu bleiben, eventuell auch die Nachbarschaft mit einzubinden.“

Auch Expertin Stupperich und die Polizei raten zu Prävention. Die Tiere rund um die Uhr personell zu bewachen, sei häufig nicht möglich, so eine Sprecherin des LKA. Doch es gebe Möglichkeiten, wie die Halter „zumindest zeitweise eine Überwachung gewährleisten und damit mögliche Taten erschweren und das Entdeckungsrisiko für Täter erhöhen können“: Kontrollgänge zu unterschiedlichen Zeiten zum Beispiel, mit geparkten Autos Anwesenheit simulieren, Nachbarn oder Spaziergänger sensibilisieren, Auffälligkeiten melden - oder auch Gänse, Esel oder Ziegen als „natürliche Alarmanlagen“ halten. dpa

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