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Asadullah K. (Mitte), hier beim Prozessauftakt in Darmstadt, muss sich wegen gemeinschaftlichen Mordes an seiner Tochter verantworten.

Mord an Lareeb K.

Ehrenmord-Prozess: Vater beschreibt, wie der Streit eskalierte

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Im „Ehrenmord-Prozess“ am Darmstädter Landgericht hat sich am Montag erstmals der Angeklagte Asadullah K. zu Wort gemeldet. Der 51-Jährige hatte bereits kurz nach seiner Festnahme zugegeben, seine 19-jährige Tochter Lareeb K. getötet zu haben.

Zusammengesunken sitzt Asadullah K. auf seinem Platz im großen Gerichtsaal 3, als sein Anwalt die Erklärung für ihn verliest. Ja, er allein habe die Entscheidungen getroffen, die zum Tod seiner Tochter geführt haben, seine rheumakranke Frau sei nur ausführende Person seiner Anweisungen gewesen. Einige Zeugen, allen voran die jüngere Schwester und der Verlobte der Getöteten, hatten die Mutter in der Vergangenheit mit der Aussage belastet, sie sei die tonangebende Person in der Familie gewesen und damit treibende Kraft hinter dem Verbrechen.

Sein muslimischer Glaube und die traditionellen Werte seiner Heimat seien der Maßstab für seine Entscheidungen gewesen, lässt Asadullah K. mitteilen. Dort, in Pakistan, hat Asadullah K. die ersten 25 Jahre seines Lebens verbracht, als Landwirt arbeitete er auf den Feldern. Die Heirat mit seiner jetzigen Frau, der Mitangeklagten Shazia K., war keine Liebeshochzeit, sondern wurde von den Eltern arrangiert.

Religion, Tradition: Es sind konservative Werte, die Asadullah K. im Gepäck hat, als er Anfang der 90er Jahre nach Deutschland kommt. Auch die beiden Töchter, Lareeb und die fünf Jahre jüngere Neda, werden religiös erzogen. Die Familie engagiert sich in der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde.

Doch Anfang 2014 gerät Asadullahs Welt ins Wanken. Es stellt sich heraus, dass sich die ältere Tochter Lareeb hinter seinem Rücken mit Raheel T. trifft, dem späteren Verlobten. Die Eltern sind strikt gegen die Beziehung, erst recht als Lareeb und Raheel Heiratspläne schmieden. In den Augen der Eltern ist es ihre Sache, einen Ehemann für die Tochter zu finden.

Als der Vater jedoch merkt, dass er nichts ausrichten kann, tritt er im Sommer 2014 die Flucht nach vorne an. Seine Tochter soll nun heiraten, und zwar möglichst schnell. Die Bedingung: Eine Kontaktsperre bis zur Eheschließung – doch daran halten sich Lareeb und ihr Freund nicht. Die Situation zwischen Eltern und Tochter wird immer angespannter. Lareeb zieht sich zurück, spricht kaum noch mit der Familie. Der nächste Affront: Als die Großmutter Anfang 2015 aus England anreist, erscheint Lareeb nicht zum Familientreffen. Für den Vater „ein unbeschreibliches Ereignis, das ihm den Verstand raubt“, wie sein Anwalt Ulrich Schmid erklärt. Wenige Wochen später stellt sich heraus: Lareeb hat Kondome gestohlen, die Mutter findet die Anzeige der Polizei im Briefkasten. Am Abend des 27. Januar stellt der Vater die Tochter zur Rede.

Der Streit eskaliert, dann schlägt die 19-Jährige sogar nach ihrem Vater. Wütend geht dieser auf sie los, drückt mit beiden Händen ihren Hals zu, danach verblassen seine Erinnerungen. Seine Frau muss ihm in der Nacht helfen, die Leiche zu einem Waldstück zu transportieren, wo sie die Böschung herunterrollt und unnatürlich verdreht liegen bleibt. „Ein Versehen“, wie der Vater durch den Anwalt beteuern lässt. Die ganze Tat würde er am liebsten rückgängig machen. Er liebe seine Familie, explizit die von ihm getötete Tochter und deren Schwester. Die 14-Jährige Neda K., die den Prozesstag von den Zuschauerplätzen aus verfolgt und als Nebenklägerin auftritt, wischt sich Tränen aus dem Gesicht. Auch Asadullah K. bricht in Tränen aus; die Frage des Richters, ob die vom Anwalt verlesene Einlassung stimmig sei, bejaht Asadullah K. schluchzend. Rückfragen des Richters lässt der Angeklagte nicht zu, obwohl die aktuelle Einlassung teilweise von seiner ersten Aussage nach der Festnahme abweicht.

Doch ein Urteil wird an diesem Tag noch nicht gesprochen. Axel Kollbach, Anwalt von Shazia K., beantragt, den Dolmetscher im Zeugenstand zu vernehmen, der für den Angeklagten in der ersten polizeilichen Vernehmung übersetzt hat.

„Fehlerhaft und voller Missverständnisse“, wie er vermutet, was seiner Mandantin von großem Nachteil sein könnte. Da der Dolmetscher derzeit allerdings in Pakistan weilt, ist mit einem Urteilsspruch nicht vor Ende November zu rechnen.

Nach dem Prozess spricht eine gute Freundin Lareebs vor Fernsehkameras auf einer Wiese über den letzten gemeinsamen Tag. „Wir waren von morgens bis abends zusammen“, sagt Sarah F. „Sie hatte Angst vor ihren Eltern. Aber ich habe gesagt, die werden doch nichts tun.“ Wenige Stunden später ist Lareeb tot. „Ich hätte mir vorgestellt, dass sie ins Ausland verschleppt wird, dort verheiratet wird. Aber niemals, dass sie von ihren Eltern umgebracht wird“, berichtet die 19-Jährige. „Sie hat nie ein schlechtes Wort über ihren Vater gesagt. Zu ihm hatte sie ein viel besseres Verhältnis als zu ihrer Mutter.“ Die Ausführungen vor Gericht seien für sie kaum zu ertragen.

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