Selbstversuch

Eine Nacht unter Baumbesetzern: Zu Besuch im Camp der Flughafengegner

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Ein Wald soll für den Ausbau des Frankfurter Flughafens weichen. Aktivisten haben ihn besetzt. Unser Reporter hat eine Nacht in ihrem Lager verbracht – vor Kälte aber kaum ein Auge zugetan.

Es ist eisig. Vielleicht haben mir Tofu und Reis deshalb noch nie so gut geschmeckt. Vielleicht liegt es aber auch an der Chili-Sauce, die beides bedeckt. Scharf ist immer gut. Gegen die Kälte schafft eine Tasse Tee zusätzliche Abhilfe. Die Wanderstiefel lehnen vor einer Tonne, aus der ein Feuer lodert. So ist der Abend vorerst gerettet. Dank der Gastfreundschaft der Umweltaktivisten, die in einem Waldstück am Flughafen gegen dessen Ausbau protestieren. Dass es die bis dahin kälteste Nacht des Jahres ist, wird später aber noch deutlicher.

Das Protest-Camp befindet sich im Wald zwischen Mörfelden-Walldorf und Zeppelinheim. Umgeben ist es von einer Bahntrasse auf der einen und Autobahn und Flughafen auf der anderen Seite. Seit Anfang des Jahres harren die Aktivisten dort aus. Um sie zu besuchen, geht es an der Walldorfer Nordendstraße an den Gleisen entlang, über einen Bahnübergang, unter einer Brücke her, an der nächsten Gabelung rechts und noch ein paar Hundert Meter durch den Wald. Ein Wildschwein huscht in der Dämmerung noch über den Feldweg, Transparente, die zwischen den Bäumen hängen, zeugen dann von der Ankunft im Wald-Camp. „Wir nehmen Ihrer Zukunft das Zuhause – Ihr Flughafen“ wird auf einem Banner der Werbeslogan einer Bausparkasse verballhornt, auf einem anderen steht schlicht „Hände weg vom Treburer Wald“.

Eigentümer des Forsts ist noch die Gemeinde Trebur, daher der Name. Ein Verkauf an Flughafenbetreiber Fraport ist zwar weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. Der Wald spielt beim Terminal 3 eine Schlüsselrolle, das am Flughafen in den nächsten Jahren entstehen soll. Damit das Terminal einen Anschluss an die A 5 erhält, soll der Wald gerodet werden. Doch daraus wird erst einmal nichts. Denn morgen beginnt im Wald eine Schonzeit, die bis Ende September gilt. Dafür hat Fraport bereits damit begonnen, dass Gelände zu untersuchen – etwa auf Bomben im Boden. Das Unternehmen darf das, weil ihm eine sogenannte vorzeitige Besitzeinweisung gewährt wurde.

Wem der Wald gehört, ist für die Menschen im Protest-Camp zweitrangig. Wichtig ist für die Besetzer vor allem, dass die Bäume langfristig stehen und am Leben bleiben. Auf ihnen haben sie Protestplattformen aufgebaut. So hoch in den Wipfeln liegen die selbst gezimmerten Bretterkonstruktionen, dass sie in der einsetzenden Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen sind.

Die Plattformen seien so an den Bäumen angebracht, dass diese nicht beschädigt werden, versichert Leonhard Bauer. Der gelernte Tischler aus Unterfranken trägt einen stattlichen Vollbart, die braunen Haare hat er zu einem Dutt gebunden. Eingepackt in dicke Winterkleidung sitzt er am Feuer. Um darauf nicht als einzige Lichtquelle angewiesen zu sein, hat er sich eine kleine Lampe um die Stirn gebunden. Sein Leben hat er ganz dem Umweltschutz verschrieben. Vor etwa einem Jahrzehnt war er schon bei einer Waldbesetzung in Kelsterbach dabei, die sich gegen den Bau der Nordwest-Landebahn richtete. Die Arbeit als Tischler hat er aufgegeben, weil er nicht länger mit totem Holz arbeiten, sondern lieber lebendes Holz schützen wollte – im Extremfall mit dem eigenen Leben. „Ein Baum, den ich besetze kann nicht ohne Weiteres gefällt werden. Denn dann würde auch ein Mensch getötet“, sagt er. Falls die Polizei das Lager und damit die Plattformen räumen sollte, will er friedlich oben im Baum ausharren, bis er dort mit Spezialgerät weggetragen wird. So will Bauer gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens ein Zeichen setzen. Denn mit dem Bau des Terminal 3 werde künstlich eine Nachfrage nach Flugreisen stimuliert, die es sonst gar nicht geben würde – insbesondere, was die Nutzung von Billigfliegern angeht.

Das sieht Wiki, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, ähnlich. Auch der Student aus dem Rhein-Main-Gebiet, der mit Skikleidung, Stirnlampe und angefrorenem Schnäuzer vor dem Feuer sitzt, verfügt bereits über Erfahrungen mit Waldbesetzungen. So campierte er schon im Hambacher Forst, in dem ein Energiekonzern Kohle abbauen will. „Für mich geht es um Klima-Gerechtigkeit“, begründet er sein Engagement. Der Airport-Ausbau ist ihm deshalb wegen der zunehmenden Flugbewegungen ein Dorn im Auge. Als Wiki sich zum Schlafen verabschiedet, legt er plötzlich einen Klettergurt an. Trotz der Dunkelheit will er die Nacht auf einer der Baum-Plattformen verbringen. Wenn diese nachts im Wind wiegt, helfe ihm das beim Einschlafen. Auch tue es gut, sich bei der Kälte mit dem Klettern aufzuwärmen. Sicherheitshalber will er aber noch eine Wärmflasche mit in den Schlafsack nehmen.

Die fehlt, als ich mein Nachtlager in einem der freien Zelte aufschlage. Dabei wäre sie bei minus acht Grad mehr als nützlich. So puste ich die Isomatte auf, schäle mich aus einem halben Dutzend Kleidungsschichten, schlüpfe in den Schlafsack und stopfe dort noch zwei Decken rein. Trotzdem: An Schlaf ist bei der Kälte kaum zu denken, zumal der Lärm von Autos, Zügen und Fliegern durch die Ohrenschützer dringt. Immerhin ist auf den Smartphone-Akku verlass. So kann wenigstens ein Hörbuch als Einschlafhilfe herhalten. Das klappt allerdings nur bedingt. Als ich aufwache, ist es gerade einmal 3 Uhr morgens. Besonders die Füße sind eiskalt. Hätte die Körperwärme den Schlafsack nicht aufwärmen sollen? Egal. Mit dem Sonnenaufgang stehe ich auf und mache mich auf den Weg zur Feuerstelle. Mit Leonhard Bauer trinke ich noch einen Tee, schultere meinen Rucksack und marschiere zum Wagen. Noch nie habe ich mich über die Autoheizung mehr gefreut, denke ich, als meine Gliedmaßen langsam auftauen. Als ich auf die Autobahn abbiege, beginnt es zu schneien.

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