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Einen Taser feuert Denis Altvater vom Überfallkommando der Frankfurter Polizei auf sein Ziel ab. Nach einer Testphase sollen die Elektroschocker in diesem Jahr zur Standardausrüstung der Beamten gehören.

Sicherheit

Elektroschocker für die Polizei: Taser sollen zur Standardausrüstung im hessischen Streifendienst gehören

Nach einer Testphase sollen Elektroschocker dieses Jahr landesweit zur Polizeiausrüstung in Hessen gehören. Für manche eine überfällige, für andere eine besorgniserregende Entwicklung.

„Taser, Taser, Taser!“, ruft der Polizist des Überfallkommandos der hessischen Polizei. Breitbeinig steht er da, die Hände am Abzug. Er hält keine übliche Schusswaffe, sondern ein knallgelbes Gerät. Spannung liegt in der Luft – wortwörtlich. Ein Lichtbogen zieht sich an der Mündung des pistolenähnlichen Gegenstandes zuckend von rechts nach links, es erklingt ein lautes Zurren.

Hergestellt von der Firma Axon Public Safety Germany SE, mit Sitz in Frankfurt, ist der Elektroschocker als sogenannter Taser bekannt. Neben der leuchtend gelben Variante ist er auch in Schwarz erhältlich. Die hessische Polizei habe sich bewusst für Gelb entschieden, erklärt André Winkel vom Überfallkommando. Sehe man Gelb, sei klar: „Ich werde hier jetzt nicht mit einer Schusswaffe bedroht.“

Die Polizei spricht von einem Distanzelektroimpulsgerät, kurz „DEIG“. Bei den DEIG handelt es sich um Waffen im Sinne des hessischen Polizeigesetzes. Dazu gehören auch die Maschinenpistole HK MP5, die Pistole P30 und Pfefferspray.

Aktuell sind in Hessen neben den Spezialeinheiten jeweils eine Dienststelle in Frankfurt und in Offenbach mit Tasern ausgestattet. Bald schon soll die Polizei landesweit über DEIG verfügen.

Punktuell verteilt

Es werde allerdings nicht für jeden Streifenwagen einen Taser geben, erklärt Oliver Wittmann, Fachlehrer an der Polizeiakademie Hessen. Die Geräte sollen punktuell in Hessen verteilt werden – erwartungsgemäß in den „Ballungsgebieten“.

„Es gibt einmal die Kollegen, die den Taser tatsächlich einsetzen können, sollen, dürfen. Die kriegen eine zweitägige Ausbildung“, sagt Wittmann. Wichtig sei aber, „dass auch alle anderen Kollegen wissen, was macht der Taser, wie funktioniert er“.

Mathias John von Amnesty International (AI) sieht das kritisch. „Für uns ist ganz klar: Elektroschockwaffen können nicht in den allgemeinen Streifendienst gehen, dafür sollten diese nicht eingeführt werden“, sagt der AI-Rüstungsexperte. „Wenn es denn unbedingt sein muss, dann tatsächlich weiter bei Spezialeinheiten.“ Die hätten eine ganz besondere Ausbildung, würden ständig trainiert und wüssten ganz genau, wann sie Elektroschockwaffen ausnahmsweise einsetzen könnten. Alles, was darüber hinausgehe, sei fragwürdig.

Die Polizisten André Winkel und Denis Altvater gehören zum Team des Überfallkommandos, wo das Taser-Pilotprojekt 2017 in Hessen startete. „Wir haben das Gerät sehr zu schätzen gelernt“, sagt Winkler. Sowohl der Einsatz von Pfefferspray als auch der von Hunden und Schlagstöcken sei oft mit durchaus schwerwiegenden Verletzungen verbunden. Das DEIG hinterlasse keine bleibenden Schäden, erklärt Winkler. „Derjenige hat danach zwar zwei kleine Einstiche, er bedarf vielleicht einer gewissen Betreuung. Aber die Langzeitfolgen sind doch weit geringer.“

Dreimal hat das Überfallkommando seit Beginn des Jahres das Elektroimpulsgerät verwendet, elfmal wurde es in Hessen seit Beginn des Pilotprojekts ausgelöst. Wird das DEIG angewandt, schießen zwei Pfeil-Elektroden mit einer elektrischen Spannung von 50 000 Volt aus einer der zwei Kartuschen, die vorne, wo bei einer Pistole der Lauf ist, integriert liegen. Im Gegensatz zur hohen Spannung ist die Stromstärke der Taser allerdings gering – gerade einmal 1,3 Milliampere (mA). Zum Vergleich: Strom aus der Steckdose hat in Deutschland eine Stärke von maximal 16 Ampere.

„Schmerz ist Beiwerk“

Haken die Pfeile sich in die Haut oder Kleidung der verfolgten Person und versetzen ihr elektrische Schläge, tut es trotzdem weh. „Der Schmerz ist Beiwerk“, erklärt Polizeihauptkommissar Winkler. Wehtun wolle man keinem. „Das Ziel ist die absolute Bewegungsunfähigkeit für die Zeit des Stromflusses“, sagt Winkler. Danach sei die Handlungsfähigkeit wieder voll gegeben.

AI-Vertreter John entgegnet: „Ein elektrischer Schock bringt die normalen Abläufe im Körper durcheinander, paralysiert die Personen – kann aber im schlimmsten Fall auch zum Herzstillstand führen.“

„Mit der Etikettierung als ,nicht-tödlich‘ sinkt bei der Anwendung im täglichen Einsatz die Hemmschwelle“, gibt John zu Bedenken. Das erhöhe auch das Risiko, „dass diese Elektroschocks unverhältnismäßig angewendet werden, dass dann die Menschen mit den Elektroschocks misshandelt werden“. Ein Taser dürfe nur als letztes Mittel bei lebensbedrohlichen Situationen und um den Einsatz einer Schusswaffe zu vermeiden, verwendet werden, fordert er.

Angesichts der gestiegenen Zahl der Angriffe auf Polizisten begrüßt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) dagegen die Einführung. Laut Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr 3967 Mal Polizisten angegriffen. „So hoch war diese Zahl noch nie“, betont der hessische GdP-Landesvorsitzende Andreas Grün. Ein Teil dieser Übergriffe lasse sich „mit Hilfe moderner Distanzmittel wie etwa dem Taser vermeiden“. Auch Innenminister Peter Beuth (CDU) sieht das so: „Der Taser hat sich bewährt. Er soll die Schusswaffe bei der Polizei nicht ersetzen, wird aber als taktisches Einsatzmittel eine sinnvolle Ergänzung der Ausrüstung sein.“

von MONIA MERSNI

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