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Marie-Luise Tröbs, Präsidentin vom Bund der in der DDR Zwangsausgesiedelten, zeigt in ihrem ehemaligen Wohnort in Geisa ein Puppenkleid und eine Spielzeugkaffeemühle. Die beiden Gegenstände sind Exponate aus einer Dauerausstellung der Grenzgedenkstätte Point Alpha.

Geschichte einer Zwangsumgesiedelten

Entwurzelt und enteignet

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Sie sind Opfer des DDR-Regimes, doch nur wenige kennen ihr Schicksal: 12 000 Menschen wurden von der DDR 1952 und 1961 aus den Regionen an der innerdeutschen Grenze zwangsumgesiedelt. Ein Unrecht, das bis heute nicht gesühnt ist.

Es war der 3. Oktober 1961, als sie Marie-Luise Tröbs ihre Heimat nahmen. „Ich war zehn Jahre alt, wir kamen aus der Kirche, da haben wir den Lkw gesehen“, berichtet die heute 64-Jährige. Was dann kam, war ein einziger Alptraum: Fremde Leute, DDR-Polizisten, bevölkerten das Haus, packten Habseligkeiten, scheuchten die Familie aus dem Haus. „Wir mussten Geisa verlassen, ohne jede Ankündigung“, berichtet Tröbs. Nur ein Puppenkleid blieb ihr, und eine alte Kaffeemühle. Erst Jahre später sah sie Haus und Ort wieder.

Marie-Luise Tröbs ist Opfer einer besonderen Zwangsumsiedlung. Ihre Heimat Geisa lag einmal in der Grenzzone zwischen DDR und Bundesrepublik Deutschland, ein kleiner Grenzort in Thüringen, an der Grenze zu Hessen. Im Schatten der Abriegelung dieser innerdeutschen Grenze und des Mauerbaus 1961 siedelte die DDR hier rund 12 000 Menschen um, völlig willkürlich.

„Zwangsausgesiedelte“ nennen sie sich, Tröbs ist heute Präsidentin ihres Bundes. Zwei Aktionen gab es, die eine im Juni 1952, die zweite am 3. Oktober 1961. „Die Aktionen dienten zur Einschüchterung der Bewohner in den Grenzregionen“, weiß Tröbs heute. Nach der Teilung Deutschlands 1949 setzte in den 1950er Jahren eine enorme

Fluchtwelle

ein. Der Mauerbau im August 1961 sorgte für eine zweite große Ausreisewelle, davon wollte die DDR abschrecken.

„Keiner sollte auf die Idee kommen, Widerspruch zu wagen“, berichtet Tröbs, doch weil die DDR nicht die ganze Grenzregion umsiedeln konnte, wurden Einzelne herausgepickt. So auch die Familie Weber, wie Tröbs damals hieß. Ihr Vater war selbstständiger Fuhrunternehmer gewesen, die Mutter Hausfrau, zwei kleinere Brüder hatte Tröbs noch.

An einem Dienstag kamen die DDR-Polizisten, holten den Vater von der Arbeit, sperrten die Kinder nach ihrem Kirchgang ins Haus ein. „Meine Mutter war völlig kopflos, traumatisiert, unter Schock, sie hat nur noch geweint“, erinnert sich Tröbs. Mitnehmen durften sie nur, was auf einen Lkw passte.

Dazu musste die schwer kranke und bettlägerige Oma zurückgelassen werden. Und die Familie wurde getrennt, der Vater in seinem Pkw mit Handschellen ans Lenkrad gekettet. Marie-Luise und ihre Mutter mussten mit dem Lastwagen fahren, erst nach mehr als sechs Stunden kamen sie in Ilmenau an, einem 100 Kilometer entfernten Ort.

„Die fuhren Nebenstraßen, wir sollten im Dunkeln ankommen“, sagt Tröbs, „es sollte alles nach außen wie ein normaler Umzug aussehen.“ Als besonders perfide empfindet Tröbs bis heute die Begründung des DDR-Regimes: Der Umzug diene „zur eigenen Sicherheit“, weil in den Grenzorten „westdeutsche Provokateure oder faschistische Agenten Unruhe stiften“ – so nannte die DDR die bundesdeutschen Nachbarn.

In Ilmenau galten die Webers als Schwerverbrecher von der Grenze, Isolation und jahrelange

Bespitzelung

folgten. „Ich fühlte mich jahrelang schuldig“, sagt Tröbs, „und meine Eltern kenne ich nur grübelnd.“ Entwurzelt, enteignet, gewaltsam von Heimat und Verwandten getrennt, „das vergisst man nicht“, sagt Tröbs: „Man hat uns alles genommen, doch entschädigt wurden wir nie.“

Nach der Wende mussten die Zwangsumgesiedelten hart für ihre Anerkennung als SED-Opfer kämpfen, Entschädigungen aber gab es für sie nicht. Am heutigen 2. Oktober wird Tröbs den thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke) treffen, ihn wird sie dann fragen, warum die Bundesrepublik bisher so wenig für die Zwangsausgesiedelten getan hat. „Es ist an der Zeit, die biologische Uhr tickt“, mahnt Tröbs, viele sind schon gestorben. In der Gedenkstätte Point Alpha erinnert seit Frühjahr 2014 eine Ausstellung an ihr Schicksal, zu sehen ist auch das Puppenkleid der kleinen Marie-Luise.

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