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Der Hells Angel Aygün Mucuk, President des Charter Gießen G-Town am 26.02.2016 bei einer Boxveranstaltung in der Stadthalle von Offenbach (Hessen). Foto: Boris Roessler/dpa (zu dpa "Toter in Vereinsheim der Hells Angels gefunden" vom 07.10.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Ermittlungen und Spekulationen

Wer erschoss Aygün Mucuk?

Rund zwei Wochen nach der tödlichen Bluttat gegen den Gießener Hells-Angels-Boss Aygün Mucuk stehen die Ermittler weiterhin vor vielen Fragezeichen. Wer ist der Täter? Was war das Motiv? Hier lesen Sie die wichtigsten Fagen und Antworten.

Rund zwei Wochen nach den tödlichen Schüssen auf den Gießener Hells-Angels-Boss Aygün Mucuk suchen die Ermittler weiterhin nach dem Täter. Das Motiv liegt auch noch im Dunklen. Wer könnte hinter den mindestens 16 Schüssen stecken? Selbst Rocker-Experten sind sich in ihrer Einschätzung nicht ganz einig. Die wichtigsten Fagen und Antworten. 

Wer hat Aygün Mucuk erschossen?

Das wissen die Ermittler noch nicht. Die Suche geht "in alle Richtungen". Geforscht wird nach Angaben der Gießener Staatsanwaltschaft innerhalb, aber auch außerhalb der Rocker-Szene. Zahlreiche Zeugen wurden befragt. Die Untersuchungen sind umfangreich und schwierig. Vor allem auch, weil es um ein Milieu gehe, "wo die Kooperationsbereitschaft mit den Ermittlern gering" sei, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Wer steht hinter Mucuk?

Szene-Kenner Stefan Schubert sagt: "Mucuk hat das Gießener Charter der Hells Angels entgegen den Frankfurter und deutschen Hells Angels eröffnet - mit Unterstützung der sehr mächtigen skandinavischen Hells Angels-Clubs." Strippenzieher sei ein ehemaliger aus Köln abgeschobener Rotlicht-Pate, "der jetzt aus Izmir die Fäden zieht". Mucuk sei einer seiner größten Statthalter in Deutschland gewesen. "Den jetzt zu erschießen. Das kann man nur als direkte Kriegserklärung gegen die türkischen Hells Angels und den Hintermann in der Türkei werten." Der Mörder sei vermutlich ein Auftragskiller gewesen.

Die jungen wilden Hells Angels aus Gießen lagen mit den alteingesessenen Frankfurtern im Clinch. Könnte das der Hintergrund sein?

Buchautor Schubert ("Wie die Hells Angels Deutschlands Unterwelt eroberten"), hält das durchaus für möglich. "Da ist sehr viel Feindschaft", stellt er fest. "Das ist ein knallharter Verdrängungswettbewerb um die Profite der riesigen Frankfurter Rotlichtszene." Die Frankfurter Hells Angels seien nach Hannover die mächtigsten in Deutschland. "Da gibt es viel Geld zu verdienen, Millionensummen." Und: "Die Osmanen Germania haben gemeinsame Sache mit Mucuk gemacht. Das hat den Graben vertieft."

Die Hells Angels hätten zwar zunächst versucht, dies mit Gesprächen zu bereinigen. Eines dieser Gespräche sei aber ausgeartet: Einer von Mucuks Leuten habe dabei einem bekannten Frankfurter Hells Angel in einem Hotel die Nase gebrochen. Diese Auseinandersetzung gilt bei Ermittlern als Hintergrund der Schießerei am Himmelfahrtstag in der Frankfurter Innenstadt, bei der zwei Rocker verletzt wurden.

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Was spricht dagegen, dass es bei den Schüssen um den Machtkampf mit den Frankfurter Hells Angels ging?

Das Landeskriminalamt ermittelt "in alle Richtungen". Der Frankfurter Rocker-Fachmann Jürgen Roth sieht keine Hinweise auf einen "Rockerkrieg" mit den alteingesessenen Hells Angels. "Das hat damit sicher gar nichts zu tun." Mucuk habe "Hunderte von Feinden" gehabt. Der Täter werde vermutlich in seinem Umfeld zu finden sein; jemand, mit dem sich der 45-Jährige mal wegen Geld oder Frauen angelegt habe. Ein Rocker "schießt nicht zigmal auf ihn, sondern höchstens ein oder zwei Mal". Roth hält einen Auftragsmörder für die falsche Spur. "Ein bezahlter Killer macht nicht so ein Massaker." "Das muss schon einer gewesen sein, der sich dort (auf dem Gießener Clubgelände) auskennt und Einlass gefunden hat."

Droht ein Racheakt der Gießener Hells Angels?

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Andreas Grün, hält das für durchaus möglich. Rocker-Experte Roth dagegen sieht kein Indiz dafür. Schubert schon: "Wenn diese türkische Gruppierung innerhalb der Hells Angels noch Macht ausüben will, ist sie fast dazu verpflichtet, Vergeltung zu üben", erklärt er. In dieser harten kriminellen Rockerszene verliert man sonst jede Glaubwürdigkeit." "Diese Eskalation kann in Frankfurt passieren, aber auch in anderen Städten", sagt Schubert. "Denn es gab schon in anderen Städten, im Ruhrgebiet, im Kölner Raum, in Hamburg und in Berlin Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Gruppierungen der Hells Angels."

Wie geht es mit dem Gießener Charter weiter?

Mucuks Chefs sitzen Roth und Schubert zufolge im türkischen Izmir. "Sie werden ganz sicher einen neuen Fürsten hervorzaubern", sagt Roth. Ein großes Machtvakuum sei eher unwahrscheinlich.

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