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Optimal ist, wenn sich Brustkorbkompressionen und Beatmung im Verhältnis 30 Kompressionen zu zwei Beatmungen abwechseln.

Erste Hilfe

„Falschmachen kann man nichts“

Der Notarzt Tobias Schröder möchte, dass schon junge Menschen die Herzdruckmassage lernen.

Herr Schröder, kann wirklich jeder nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand helfen?
Ja, es ist wirklich ganz einfach. Man muss nur die Mitte des Brustkorbs suchen und dann schnell und kräftig drücken.

Ist das nicht sehr anstrengend?
Das stimmt. Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass sich möglichst viele die Wiederbelebung zutrauen. Dann können sich die Helfer gegebenenfalls abwechseln.

Wie kommt es zu einem Herz-Kreislauf -Stillstand?
Bei Erwachsenen ist zu etwa 60 bis 80 Prozent ein Herzinfarkt die Ursache. Bei Kindern häufig eine plötzlich auftretende Atemnot, das Verschlucken eines Fremdkörpers oder ein Ertrinkungsunfall.

Woran erkennt man einen Herz-Kreislauf-Stillstand?
Die Person ist nicht ansprechbar und atmet nicht oder nicht normal.

Und was sollte man in diesem Fall tun?
Einen sogenannten Notruf absetzen, also über die 112 die Leitstelle informieren. Dort erhält der Anrufer auch Angaben, was er zu tun hat. Also den Patienten auf eine harte Unterlage legen, den Oberkörper freimachen und mit der Herzdruckmassage beginnen.

Geht in der Leitstelle nicht wertvolle Zeit verloren, um den Rettungswagen loszuschicken?
Nein, parallel werden der Rettungswagen und der Notarzt alarmiert, zum Beispiel durch einen weiteren Leitstellenmitarbeiter.

Bei der Wiederbelebung geht es also darum, die Zeit, bis der Rettungsdienst eintrifft, zu überbrücken?
Ja, es ist ganz wichtig, dass in den ersten zehn Minuten mit der Wiederbelebung begonnen wird. Die Überlebenschance sinkt pro Minute, in der keine Wiederbelebung vorgenommen wird, um zirka zehn Prozent. Wenn der Rettungsdienst nach zehn Minuten eintrifft, liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit ohne Wiederbelebung bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand bei nahezu null.

Welche Rolle spielt die Mund-zu-Mund-Beatmung? Bei fremden Personen wird sie oft als eklig empfunden.
Optimal ist tatsächlich, wenn sich Brustkorbkompressionen und Beatmung im Verhältnis 30 Kompressionen zu zwei Beatmungen abwechseln. Übrigens passieren die meisten Vorfälle im häuslichen Umfeld. Das heißt, es handelt sich zumeist um einen Angehörigen. Und das ist schon dramatisch, wenn man dann helfen möchte, aber nicht weiß, wie.

Ein Erste-Hilfe-Kurs ist für die Führerscheinprüfung obligatorisch. Und wie geht es danach weiter?
Das ist jedem selbst überlassen. Uns geht es darum, ein Bewusstsein zu schaffen, dass es selbstverständlich ist zu helfen. Es ist wichtig die Kenntnisse über eine Wiederbelebung immer wieder aufzufrischen, damit man sich in der Notfallsituation sicherer fühlt.

Tobias Schröder , Jahrgang 1981, ist Anästhesist und Notarzt am Klinikum Höchst. Das Reanimationstraining zählt zu seinen Tätigkeitsschwerpunkten.


In den Betrieben sind sogenannte Ersthelfer vorgeschrieben. Wie viele sollten das sein?
Die Berufsgenossenschaften schreiben vor, dass, je nach Branche, fünf bis zwanzig Prozent der Mitarbeiter geschult werden müssen.

Welche Rolle spielt der Defibrillator?
Eine ganz wichtige. Solche Geräte befinden sich ja inzwischen an vielen öffentlichen Orten wie U-Bahn-Stationen, im Flughafen und an den Polizeiwachen. Sie unterbrechen durch einen Stromstoß schwere Herzrhythmusstörungen, die ursächlich für den Herz-Kreislauf-Stillstand sind.

Ersetzt der Defibrillator die Brustkorbkompression?
Nein, die frühe Defibrillation ist lediglich ein weiterer Baustein, sie wird mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung kombiniert und beendet schwere Herzrhythmusstörungen, die das Herz weiter schädigen.

Rettungsmediziner gehen von jährlich 75 000 Herzstillständen in Deutschland aus. 5000 der betroffenen Menschen werden lebend aus der Klinik entlassen. Was müsste passieren, um diese Zahl zu erhöhen?
Bei der Wiederbelebung an sich gibt es nur noch wenige Stellschrauben, von denen man sich noch eine weitere Verbesserung verspricht. Der mit Abstand wichtigste Faktor ist, dass mit der Wiederbelebung frühzeitig begonnen wird. Hier spielt die telefonische Anleitung durch die Leitstelle zusammen mit einer flächendeckenden Ausbildung in Wiederbelebung eine große Rolle.

In Skandinavien wird Wiederbelebung in der Schule unterrichtet. Ist das sinnvoll?
Es ist wichtig, dass, so wie es im Moment zunehmend der Fall ist, schon in jungen Jahren etwa im Rahmen der schulischen Ausbildung die Wiederbelebung gelehrt wird.

Kann das Smartphone eine Hilfe sein?
Es ist vorgesehen und soll in Zukunft weiter verbreitet werden, über bestimmte Apps auf dem Smartphone freiwillige Helfer zu Personen mit Herz-Kreislauf-Stillstand zu lotsen, die dann früher beim Betroffenen eintreffen als der Rettungsdienst.

Welche Rolle spielen die Krankenhäuser?
Ganz wichtig ist, den Patienten nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand in ein geeignetes Krankenhaus, ein sogenanntes Cardiac Arrest Centre zu bringen. Dort ist man auf diese Patientengruppe spezialisiert. Kliniken mit einem Cardiac Arrest Centre verfügen zum Beispiel über eine 24-stündige Herzkatheter-Bereitschaft für die Behandlung von Herzinfarkten.

Viele Menschen scheuen sich vor einer Wiederbelebung. Woran liegt das.?
Ja, es gibt diese Hemmschwelle und die Angst, etwas falschzumachen. Aber die ist völlig unbegründet. Denn der einzige Fehler, den man machen kann, ist: nichts zu machen.

Interview: Friederike Tinnappel

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