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Fehlende Ärzte: Drohendes Aus für Geburtsstation?

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Ein Arzt trägt ein Stethoskop um den Hals. © Rolf Vennenbernd/dpa/Illustration

Die Wehen sind da, die Aufregung ist groß - und der Anfahrtsweg in die nächste Geburtsklinik lang. Das könnte künftig mehr werdende Mütter in Hessen betreffen.

Dillenburg/Fritzlar - Die vergebliche Suche nach Ärztinnen und Ärzten oder auch eine mangelnde finanzielle Unterstützung könnte zur Schließung weiterer Geburtsstationen in Hessen führen. Seit mehreren Wochen versuchen die Dill-Kliniken, drei leitende Mediziner für die Geburtshilfe am Standort Dillenburg zu finden, damit die Abteilung weiterbetrieben werden kann. Im Hospital zum Heiligen Geist im nordhessischen Fritzlar muss die Geburtsklinik aus den eigenen Finanztöpfen querfinanziert werden, weil es hier, anders als in anderen Krankenhäusern, keine pauschale Förderung dafür gibt.

Hintergrund für das drohende Aus in Dillenburg ist einer Klinik-Sprecherin zufolge, dass eine Ärztin gekündigt hat und zwei weitere Mediziner vor der Rente stehen. Die Geburtsstation ist demnach aktuell eine reine Belegabteilung, für die das so genannte kooperative Belegarztsystem gilt. „Das bedeutet, dass rechtlich geregelt ist, dass mindestens drei Fachärzte belegärztlich tätig sein müssen.“ Die Klinik schöpfe alle Möglichkeiten aus, um die ausgeschriebenen Stellen zu besetzen. Leider seien alle Maßnahmen bisher nicht sehr erfolgversprechend gewesen. „Diese Entwicklung entspricht einem bundesweiten Trend. In den vergangenen Jahren mussten deutschlandweit geburtshilfliche Klinken schließen, da der ärztliche Nachwuchs fehlt.“

In Hessen gingen in den zurückliegenden zehn Jahren die Lichter in 13 Geburtshilfestationen von Kliniken aus. Aktuell gibt es nach Angaben des Sozialministeriums 43 Krankenhäuser, in denen Hessinnen ihre Kinder zur Welt bringen können. Das Ministerium führt als Gründe für die Schließungen an, dass zum einen das pauschale Abrechnungssystem für Krankenhäuser eine möglichst hohe Zahl von Geburten erfordere, um die Stationen wirtschaftlich betreiben zu können. „Dies stellt besonders Kliniken im ländlichen Raum vor wirtschaftliche Herausforderungen. Zum anderen führt der Mangel an Personal zu Schließungen von Geburtshilfen.“

Ob und wann es in Dillenburg soweit sein könnte, ist der Klinik-Sprecherin zufolge noch offen. Alternativen zum drohenden Aus seien in Prüfung. Kommt es zur Schließung, müssten die werdenden Mütter deutlich weitere Wege in ein Krankenhaus zurücklegen: nach Siegen etwa, nach Marburg, Wetzlar oder Gießen. Das würde Fahrtzeiten von mindestens 30 Minuten bedeuten.

In Fritzlar wird bislang quersubventioniert. „Wir sind unabhängig des drohenden Energiekollapses nicht mehr länger in der Lage, Geburtshilfe innerhalb des Hospitals quer zu subventionieren“, heißt es in einem Brief des Klinik-Geschäftsführers Carsten Bismarck an die Landesregierung, das Regierungspräsidium, Landrat und Bürgermeister.

„Die geburtshilfliche Landschaft in Nordhessen und angrenzender Regionen hat sich innerhalb der letzten 15 Jahre deutlich verändert, die Anzahl der aktiven klinischen Geburtshilfen ist auf weniger als die Hälfte geschrumpft“, sagte Bismarck auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. Die Nichtgewährung der pauschalen Förderung in Höhe von 400 000 Euro im Jahr führe zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung im nordhessischen Raum. Mit 60 Prozent der Entbindungen im Schwalm-Eder-Kreis trage die Klinik die Hauptlast.

Die Förderung ist an Bedingungen geknüpft, die von dem Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegt wurden, dem die großen Organisationen des Gesundheitssystems angehören. Eines der Kriterien ist Bismarck zufolge eine Anfahrtszeit nicht über 40 Minuten zur nächsten Geburtshilfe.

Nach einer Kleinen Anfrage aus dem Jahr 2019, basierend auf Daten des Statistischen Landesamtes aus dem Zensus 2011, gab es schon vor der Schließung mehrerer Geburtshilfen 0,3 Prozent hessischer Orte mit einer Fahrzeit von mehr als 40 Minuten und knapp sechs Prozent mit einer Fahrzeit zwischen 31 und 40 Minuten. Bismarck: „Unsere Patientinnen hätten realistisch deutlich längere Anfahrten als 40 Minuten in andere geburtshilfliche Klinken, würde die Fritzlarer Geburtsklinik nicht zur Verfügung stehen.“

Aus Sicht des Landes ist die Versorgung von Schwangeren in Hessen gesichert. Um im ländlichen Raum künftig mehr Auswahlmöglichkeiten zu schaffen, folge das Sozialministerium einer der Handlungsempfehlungen, die mit dem „Runden Tisch Hebammen“ erarbeitet worden sei, und prüfe derzeit das Konzept des „Hebammengeleiteten Kreißsaals“. Diese werden allein von Hebammen geführt.

Die Opposition im Landtag sieht raschen Handlungsbedarf. Die Linke-Fraktion hatte in dieser Woche eine Sondersitzung des Sozial- und Integrationspolitischen Ausschusses zu dem Thema beantragt. Seit 2008 seien ein Drittel der Geburtsstationen in hessischen Krankenhäusern geschlossen worden, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin Petra Heimer. Was bringe ein Runder Tisch „mit vielen guten Ideen im Ministerium, wenn kaum etwas davon umgesetzt und im ländlichen Raum weiter die medizinische Versorgung zusammengestrichen wird?“, so Heimer. Die Landesregierung müsse „mit allen Mitteln dafür Sorge tragen, dass ein wohnortnahes Angebot der Geburtshilfe in allen hessischen Regionen unter Wahrung der Rettungsfristen bestehen bleibt“. dpa

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