Wissenschaftler behaupten, jeder Mensch sollte mindestens sieben Stunden Schlaf haben.
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Wissenschaftler behaupten, jeder Mensch sollte mindestens sieben Stunden Schlaf haben.

Schlafforschung

Feinde des gesunden Schlafs

  • vonGisela Kirschstein
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Dauerhafter Schlafmangel macht krank, dick und weniger produktiv, Langschläfer hingegen sind gesünder, produktiver und sogar netter – sagen Schlafforscher. Trotzdem hat unsere Gesellschaft die Bedeutung des langen Schlafs bisher verschlafen. Das muss sich ändern, sagen die Forscher auf einer Tagung in Mainz.

„Morgenstund’ hat Gold im Mund“, „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ – der Volksmund hat viele Sprichwörter, die das frühe Aufstehen preisen. „Schlafen ist in unserer Gesellschaft nicht hip“, sagt der Schlafforscher Hans-Günter Weeß, doch das sei eigentlich ein Riesenfehler: Schlafmangel macht krank, unproduktiv und gereizt. „Wenn man früh aufsteht, ist oft auch der Wurm drin“, sagt Weeß.

In Mainz treffen sich seit Donnerstag rund 2000 Schlafforscher zur Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Und die sind sich einig: Deutschland steht viel zu früh auf. „Die National Sleep Foundation in den USA fordert, jeder Mensch sollte mindestens sieben Stunden Schlaf haben“, berichtet Weeß, der Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums des Pfalzklinikums Klingenmünster ist. Doch in unserer Gesellschaft schliefen viele nur zwischen sechs und sieben Stunden.

Das betrifft vor allem auch die Führungselite: 61 Prozent der Politiker sind regelmäßig unausgeschlafen, bei Managern sogar jeder zweite. Bei einer Studie gaben 18 Prozent von Managern und 31 Prozent der Spitzenpolitiker an, regelmäßig weniger als fünf Stunden zu schlafen. Gerade aber die Nachtsitzungen der Politik sehen die Schlafforscher sehr kritisch: „Schläfrigkeit führt dazu, dass sie risikofreudiger werden, ihre Entscheidungen weitaus positiver sehen, aber ihre ethisch-moralischen Grundsätze eher vernachlässigen“, sagt Weeß.

Dauerhaften Schlafmangel aber sieht unser Biorhythmus nicht vor: „Schlafen ist eine ganz wichtige biologische Funktion“, betont Weeß, sie ist nötig zur Verarbeitung von Reizen und zum Auftanken des Immunsystems. Fünf Sechstel der Bevölkerung würden gerne später aufstehen, etwa zwischen 8 Uhr und 9.30 Uhr, sagt Weeß. Der frühe Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr oder 8 Uhr sei mit unserer inneren Uhr eigentlich gar nicht in Einklang – „wir haben sozialen Jetlag.“

Mit dramatischen Folgen: Rund eine Million Bundesbürger sind nach Angaben der Forscher abhängig von Schlafmitteln. Dauerhafter Schlafmangel führt zu Übergewicht, Burnout, Depressionen und sogar Diabetes. „Unser innere Uhr ist angeboren und die kann man nicht umerziehen“, betont Alfred Wiater, Chefarzt der Kinderklinik in Porz am Rhein und Präsident der DGSM. Unser persönlicher Biorhythmus gibt vor, wann wir schlafen wollen und ob wir Langschläfer oder Kurzschläfer sind. Dazu gibt es Lerchen und Eulen, extreme Frühtypen und extreme Spättypen, ihre Tagesrhythmen können bis zu zwölf Stunden auseinander liegen, sagen Chronobiologen, die Erforscher der biologischen Zeit.

Nur 16 Prozent, jeder Sechste also, ist ein Frühaufsteher, trotzdem orientiert sich die Gesellschaft an ihrem Rhythmus. Der Grund liegt in der Vergangenheit, als die Menschen noch kein elektrisches Licht hatten, die Arbeiten im Freien stattfanden. Heute aber sind wir „zu Beginn unseres Lebens bis zur Pubertät alle eher Lerchen“, erklärt Weeß, „dann mutieren wir bis zum 25. Lebensjahr alle eher zur Eule.“

Der frühe Schulanfang um 7.45 Uhr sei deshalb vor allem für Jugendliche „mitten in der Nacht.“ Das führe zu Konzentrationsschwierigkeiten und schlechteren Leistungen – gerecht wäre, sagen die Forscher, die Schule mindestens eine Stunde später anfangen zu lassen und Klassenarbeiten nicht vor 10 Uhr zu schreiben.

Wer im Betrieb ausgeschlafene und leistungsfähige Mitarbeiter wolle, die wenig Fehler machten, müsse seine Arbeitszeiten später beginnen lassen, sagt Weeß: „Optimal wäre zwischen 9 Uhr und 11 Uhr, noch besser flexible Arbeitszeiten, die individuell angepasst werden können.“ Langschläfer nämlich, sagen die Forscher, sind leistungsfähiger, gesünder, produktiver, machten weniger Fehler und seien sogar netter, weil ausgeglichener.

Ein wahrer Feind des guten Schlafes aber sind die neuen Medien: Ständige Erreichbarkeit für Freunde und die Arbeit, Chatten und Smsen bis in die Nacht führen zu Reizüberflutung. „Das führt zur Anspannung, und Anspannung ist der Feind des Schlafes“, warnt Weeß. Dazu fanden die Forscher heraus: Das blaue Licht der Displays behindert die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin – starren wir auf unsere Displays, bleiben wir wach.

„Medieneinflüsse haben in der letzten halben Stunde vor dem Bett nichts zu suchen“, betont Wiater deshalb. Müdigkeit führt nämlich auch zu mehr Unfällen: Jeder vierte Verkehrstote ist laut einer Studie der Deutschen Verkehrswacht auf Übermüdung am Steuer zurückzuführen.

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