Ehrenamtlicher Helfer prangert Missstände an

Wie ein Flüchtling die Not lindert

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Es gibt Klagen über die Unterbringung, die Unsicherheit und die Verpflegung in der Flüchtlingsunterkunft in Offenbach. Shams Ul–Haq versucht die Situation der Flüchtlinge zu verbessern. Er flüchtete selbst vor 25 Jahren aus Pakistan.

Schnellen Schrittes geht Shams Ul-Haq durch Offenbach. Eine Mütze auf dem Kopf, das Handy in der Hand. Er ist auf dem Weg in den Supermarkt. Sieben Fladenbrote nimmt er aus dem Regal. Während der 40-Jährige an der Kasse wartet, schüttet ein paar Kilometer weiter eine Offenbacherin mit pakistanischen Wurzeln eine frisch-gekochte Lamm-Kartoffelsuppe in einen riesigen Aluminiumtopf und wickelt selbst gebackene Fladen in ein Tuch. Der Duft orientalischer Kräuter zieht durch die Luft. Deckel drauf.

Ul-Haq beeilt sich. Die Suppe wird sonst kalt, und ein paar Straßen weiter warten sie auf ihn, 20, 30, manchmal 40 Flüchtlinge, überwiegend junge Männer aus Afghanistan, Pakistan, dem Irak – wie viele es genau sind, weiß man nie. Sie warten unter einem Zeltdach auf Bierbänken an Klapptischen in einem Hinterhof auf Ul-Haq. Zwei bis drei Mal pro Woche gibt es außerhalb des Heims in diesem Hof für Flüchtlinge etwas zu essen. Ul-Haq organisiert das. „Dieses Mal habe ich die Zutaten gespendet, Lammfleisch und Kartoffeln“, sagt er. Das Zubereiten übernehmen Bürger in Offenbach. Ul-Haq deutet zwei Männern an, sie sollen ihm beim Transport helfen. Im Auto schaltet Ul-Haq pakistanische Musik an. „Ich mache auch immer ein paar Witze, damit sie mal auf andere Gedanken kommen“, sagt der 40-Jährige. Er wisse, wie sich Flüchtlinge fühlten, den ganzen Tag wartend herumsitzend in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft, aber immer im Ungewissen.

Ul-Haq ist selbst vor 25 Jahren als Flüchtling aus Pakistan nach Deutschland gekommen und wolle deshalb nun helfen, sagt er. Darum habe er sich als ehrenamtlicher Helfer für das Flüchtlingslager zur Verfügung gestellt. Die Helfer und Mitarbeiter im Lager in der Gewerbehalle am Kaiserlei haben laut Ul-Haq alle unterschreiben müssen, dass sie nicht mit der Presse sprechen. Aber Ul-Haq ist das egal. Seitdem der ASB die Leitung des Lagers übernommen habe, sei alles sehr schlecht geworden, er wolle eine Katastrophe verhindern. „Sie können ruhig meinen Namen schreiben“, sagt er. Er stehe zu dem, was er tue und sage. Das sei wichtig. Denn das Lager sei ein Pulverfass. Die Missstände dort seien so groß, dass er befürchte, dass die Situation eskaliere, dass es zu Gewalt komme. An anderen Orten seien wegen solcher Probleme schon Lager angezündet worden, sagt er. „Es hat in Offenbach schon Schlägereien gegeben, eigentlich gibt es jeden Tag etwas“, berichtet er, während er in den Hinterhof der Köchin einbiegt. Die hat den großen Suppentopf und den Umzugskarton voll mit Fladen, Bechern und Plastiktellern schon vor das Haus gestellt. Kofferraumdeckel auf und eingeladen.

Ja, das Essen im Lager sei eines der schlimmen Probleme, erzählen Ul-Haqs Begleiter auf Englisch. Heute habe es im Lager gekochten Fisch und Karotten gegeben. „Die Leute können das nicht essen. Sie essen das nicht, weil es ihnen nicht schmeckt, und dann werden sie krank“, sagt Ul-Haq. Und dann sei es viel zu wenig, jeder dürfe nur maximal eine Portion nehmen. Den Menschen knurre der Magen. Deshalb organisiere er die Mahlzeiten zwei, drei Mal pro Woche, gekocht nach Rezepten aus der Heimat der Flüchtlinge. Klar wisse er, was manche Deutsche zu so etwas sagen würden: Dass man als Flüchtling ja wohl nicht erwarten könne, fürstlich verköstigt zu werden. „Aber stellen Sie sich mal vor, sie flüchten und müssen jeden Tag scharf essen... ?“

Nach ein paar Minuten ist das Essen am Zielort. Ul-Haq räumt den Biertisch für den Topf frei, während er weiter erzählt. Das Essen sei nicht das einzige Problem. Ul-Haq spricht von einer Ungleichbehandlung im Lager, von einer

Drei-Klassen-Gesellschaft

und die beiden jungen Männer pflichten ihm bei. Es gäbe drei Sorten Betten: Betten mit Matratzen, einsame Matratzen auf dem Betonboden und – am schlechtesten – harte Feldbetten. Die Syrer würden besser behandelt als andere Nationalitäten. „Sie haben den besseren Raum“, sagt Ul-Haq und zeigt Bilder aus der Lagerhalle. „Die Menschen dort haben überhaupt keine Privatsphäre“, schildert der 40-Jährige und zeigt Fotos, auf denen zu sehen ist, wie die Lagerbewohner versuchen, sich ein bisschen Intimsphäre zu schaffen: Über Straßenabsperrgitter, die der Halle eine Struktur geben sollen, haben sie Decken und Kleidungsstücke gehängt, um sich einen Sichtschutz zu schaffen. Ul-Haq zeigt auf die Handgelenke der Männer in der Essensschlange. Gelbe, fälschungssichere und reißfeste Armbänder hängen darum, wie man sie sonst als Eintrittskarte zu hochpreisigen Veranstaltungen erhält. Darauf stehen mit schwarzem Filzstift geschriebene Nummern. „Sie haben immer noch die Plastikarmbänder um und sind nicht registriert.“ Abgesehen davon, dass er sich frage, wie Deutschland Asylverfahren innerhalb von sechs Monaten durchbringen wolle, wenn es nicht einmal schaffe, innerhalb von zwei Monaten die Menschen zu registrieren, sei das eine unwürdige Situation: „Die Leute fühlen sich wie im Knast, sind nur eine Nummer. Warum kann man nicht so etwas wie einen Ausweis machen?“

An der Essensausgabe ist es ruhig. Ul-Haq schaufelt mit der Kelle immer ein paar Kartöffelchen, ein wenig Fleisch und etwas Sud auf die Plastikteller. Aber die Spannungen zwischen den 700 Flüchtlingen in der Halle seien spürbar geworden. „Warum gibt es kein Alkoholverbot in dem Lager“, fragt Ul-Haq. Wenn es zu einer Schlägerei komme, dann sei meist Alkohol im Spiel und manchmal auch Drogen – auch wenn die meisten Flüchtlinge Muslime seien, deren Religion ihnen den Konsum solcher Rauschmittel versage. Die Leute hätten nichts zu tun. Das trage zu Unruhen bei. „Es muss einen Gebetsraum geben, dann können sie wenigstens beten“, sagt Ul-Haq.

Nein, er wolle niemandem etwas Schlechtes. Aber es müsse doch gesagt werden, wenn es nicht gut laufe. „Die Menschen haben keine Wintersachen, dabei sind Sachen vorhanden, sie sind nur noch nicht verteilt“, sagt Ul-Haq. Wenn sich nicht bald etwas tue, dann würde es Ärger in dem Lager geben, wiederholt er und fügt an, „und dann heißt es wieder: Die bösen Flüchtlinge.“ Da spiele man Pegida in die Hände. Und umgekehrt spiele man den Islamisten in die Hände: die könnten schließlich auch Suppe kochen, Winterkleider verteilen... und dann? Davor habe er Angst.

„Es muss sich schnell etwas tun, bevor die Situation eskaliert“, sagt Ul-Haq. Warum man die Flüchtlinge nicht selbst kochen lasse? Dann würde es schmecken, und sie hätten etwas zu tun. Nein, mit dem Bürgermeister oder einer anderen offiziellen Stelle habe er nicht darüber gesprochen. Und die Flüchtlinge sagten auch nichts, aus Sorge, das könne ihnen Nachteile bringen.

Ul-Haq hat während seiner Schilderungen schon den Suppentopf halb geleert. Die Flüchtlinge stehen zum zweiten Mal brav in Schlange an. Viele haben ein Handy – wer weiß woher. „Solange sie nicht registriert sind, können sie eigentlich nichts machen. Sie bekommen kein Geld, keinen Kontakt zu ihren Familien und bekommen auch keinen Deutschunterricht“, erklärt Ul-Haq. Ein Junge, etwa zehn Jahre alt, balanciert die Suppe in dem wackeligen Teller zu einem ausrangierten Stuhl in dem Hinterhof. Der Stuhl wird für ihn und seine Mutter zum Tisch. Fotografiert werden wollen sie auf keinen Fall. Und der Ort der Speisung dürfe auch nicht konkret benannt werden. Ul-Haq sieht die Essensaktionen sonst in Gefahr.

Die Teller sind leergegessen, die Flüchtlinge schauen Ul-Haq zum Teil erwartungsvoll an. Was soll er sagen? „Kanzlerin Merkel sagt, wir schaffen das. Aber wie? Es heißt, wir hätten jetzt Probleme, die wir lösen müssen. Aber warten Sie mal die Probleme in sechs Monaten ab. Die Flüchtlinge, die jetzt hier sind, sind noch nicht einmal registriert, und das sind erst die ersten Flüchtlinge. Es kommen noch mehr“, so Ul-Haq. So könne es nicht weitergehen, sonst bekämen sich Flüchtlinge in die Wolle und bekämen noch mehr Probleme, gerieten in Misskredit.

„Verstehen Sie mich nicht falsch: Asylbewerber und Flüchtlinge, die kriminell sind, die den Staat betrügen und sich in Deutschland nicht gut benehmen, die muss man nach Hause schicken, keine Frage. Ich kann das sagen, ich bin selbst pakistanischer Flüchtling, aber wenn das ein Deutscher sagt...?“. Aber er lässt anklingen, dass man Menschen in einer solchen Situation doch wohl kaum verdenken könne, wenn sie durchdrehten.

Viele, die es gar nicht aushielten, flüchteten weiter. Einige Familien hätten sich gerade auf eigene Faust auf den Weg an andere Orte oder sogar in andere Länder gemacht, berichtet einer der Flüchtlinge auf Englisch. „Klar, sie sind noch nicht registriert, deshalb können sie hingehen, wo sie wollen“, kommentiert Ul-Haq, sammelt die Plastikteller ein und wirft sie in die leere Kiste. In drei Tagen kommt er vielleicht wieder mit Essen.

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