Soma Raschid aus der Unterkunft für Geflüchtete Bonames in Frankfurt macht sich Sorgen, was es für die Kinder bedeutet, die unter den schwierigen Bedingungen eines Flüchtlingsheims aufwachsen.
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Soma Raschid aus der Unterkunft für Geflüchtete Bonames in Frankfurt macht sich Sorgen, was es für die Kinder bedeutet, die unter den schwierigen Bedingungen eines Flüchtlingsheims aufwachsen.

Protest von Geflüchteten

Mindestens 45 Flüchtlinge an Krätze erkrankt – Jetzt zieht die Diakonie Konsequenzen

Geflüchtete in Frankfurt klagen über Krankheiten, zu enge Wohnverhältnisse und respektlose Mitarbeiter des Diakonischen Werks. Nun reagiert die Stadt.

  • 333 Menschen leben in der Flüchtlingsunterkunft Bonames in Frankfurt
  • Frankfurt-Bonames: Bewohner klagen über Krankheiten, schlechte Wohnverhältnisse und Betreuung
  • Corona verschlechterte die Lage noch weiter – das Gesundheitsamt schaltete sich nun ein

Update vom Freitag, 19.06.2020, 11.11 Uhr: Nach den Protesten in der Flüchtlingsunterkunft Alter Flugplatz in Frankfurt schaltete das Sozialdezernat das Gesundheitsamt ein. Bei Kontrollen wurden mindestens 45 Erkrankungen mit der ansteckenden Hautkrankheit Krätze festgestellt. Bei drei weiteren Familien besteht der Verdacht einer Infektion. 

Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) forderte darauf hin „personelle Konsequenzen“ vom Diakonischen Werk, das die Flüchtlingsunterkunft betreibt. Die Diakonie reagierte umgehend und kündigte an, ab Juli eine neue Leitung einzusetzen.      

Frankfurt-Bonames: Unterkunft für Geflüchtete – Krankheiten und Kakerlaken 

Erstmeldung vom Dienstag, 16.06.2020, 10.00 Uhr: Frankfurt – Für viele Bewohner der Flüchtlingsunterkunft auf dem Alten Flugplatz beginnt die Aussprache mit der Stadt Frankfurt am Montagmorgen (15.06.2020) mit einer Enttäuschung. Über hundert Bewohner sitzen im Innenhof auf Stuhlreihen, um über die Zustände zu sprechen, für die sich ihrer Auffassung nach monatelang niemand interessierte. Von Krankheiten wollen sie erzählen, fehlendem warmen Wasser, beengten Wohnverhältnissen und respektlosen Mitarbeitern des Diakonischen Werks. Kaum einer wird sprechen können.

Frankfurt: In der Flüchtlingsunterkunft Bonames leben 333 Menschen

Das Gespräch mit Vertretern der Stabsstelle Flüchtlingsmanagement, der Diakonie und der Stadt wird in das Restaurant nebenan verlegt und im kleinen Kreis mit fünf Bewohnern geführt. 333 Menschen wohnen in der einstigen Vorzeigeunterkunft, 189 davon sind Kinder.

„Man kann mit 300 Personen nicht gleichzeitig sprechen“, wird Manuela Skotnik, Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) nach dem Gespräch erklären. „Zumindest ,Guten Tag‘ hätten sie sagen können“, meint Omid Yousefi durch den Zaun der Unterkunft. Um ihn bildet sich eine Menschentraube. Und die Bewohner erzählen.

Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt: Krankheiten und Kakerlaken

Der 19 Jahre alte Ahmad Agdah sagt, dass er sich mit seinen drei Geschwistern ein Schlafzimmer teilen muss. 17, 15 und 8 Jahre alt seien sie. In Zwei-Zimmer-Wohnungen leben die Familien, teils seit vier Jahren. Viele Familien bestehen aus sieben oder acht Personen. In einige Wohnmodule regnet es rein. Eine Frau zeigt auf ihrem Handy ein Foto von einer Kakerlake. Die gebe es hier überall. Eine andere hält ihren Säugling auf dem Arm und legt dessen Brust frei. Rote Pusteln überziehen den Oberkörper. Ausschlag hätten viele, berichten mehrere Bewohner.

In der Unterkunft für Geflüchtete Bonames in Frankfurt leiden mehrere Bewohner an Ausschlag und anderen Krankheiten

Krätze verbreitet sich mindestens seit Oktober 2019 in der Flüchtlingsunterkunft. Das zeigt das Protokoll einer Arztvisite, bei der ein sieben Monate altes Kind untersucht wurde. Wie viele heute unter der ansteckenden Hautkrankheit leiden, wird am Zaun nicht klar. Eine schätzt, es seien sieben Personen, ein anderer meint, es seien fünf Familien mit jeweils sieben oder acht Personen betroffen.

Flüchtlingsunterkunft in Frankfurt: Es ist zu laut zum Schlafen und Lernen

Viele berichten von Schlafproblemen. „Wenn meine kleine Tochter schreit, können die anderen Kinder nicht schlafen“, sagt Zadran Ahmadsaha. „Aber sie müssen in die Schule.“ Die 14-jährige Lavin erzählt: „Während Corona mussten wir Zuhause lernen.“ In der Unterkunft gebe es aber kaum Internet. Dafür müsse sie nach Kalbach fahren. Und: „Wenn ich hier lernen möchte, ist es einfach zu laut.“

Entzündet hatte sich der Protest der Bewohner an Heizplatten. Die Unterkunft wurde in den Grüngürtel gebaut. Die Stromversorgung reicht nicht aus, wenn zu viele Bewohner Heizplatten oder andere technische Geräte anschließen. Das könnte einen Brand auslösen. Darum sollen die Heizplatten raus. Aber ohne könne man für keine achtköpfige Familie kochen, sagt Soma Raschid. „Und unsere Kinder wollen essen.“ Die 34-Jahre alte Mutter von vier Kindern ist eine der Sprecherinnen für die Bewohner bei dem Gespräch im Restaurant. Nach der Diskussion sieht sie keinerlei Fortschritte. „Alle waren wütend darüber, wie das Gespräch ausgegangen ist.“

Frankfurt: Geflüchtete könnten Unterkunft wechseln

Manuela Skotnik, die Sprecherin der Sozialdezernentin, empfand das Gespräch produktiver. An der Lösung einiger Probleme arbeite die Stadt bereits. Die Dächer der Module sollen repariert werden. Damit sei der Hersteller bereits beauftragt worden. Geprüft werden soll zudem, wie sich die Stromleistung und das WLAN verbessern ließe. Den Bewohnern werde auch angeboten, die Einrichtung zu wechseln. „Allerdings haben alle Unterkünfte ihre Vor- und Nachteile“, sagt Skotnik.

Nächsten Montag wolle die Stadt und die Diakonie das Gespräch fortführen. Man wolle so die aufgeheizte Stimmung zwischen Bewohnern und Mitarbeitern der Diakonie beruhigen.

Frankfurt: Es gab Mord- und Gewaltandrohungen

Es habe Mord- und Gewaltandrohungen seitens der Bewohner gegeben, sagt Skotnik. Am Zaun klagen Bewohner dagegen über den respektlosen Umgang einiger Mitarbeiter. „Sie lachen uns aus“, sagt einer, „Sie sagen uns, wir sollen zurück in unsere Heimat gehen“, erzählt Ahmadsaha. „Und wir haben keine Privatsphäre“, ruft die 17-jährige Mahasa. Regelmäßig würden Mitarbeiter die Wohnungen kontrollieren.

Vorwürfen gegen Mitarbeiter in Frankfurt wird nachgegangen

„Dazu sind wir verpflichtet“, erklärt Sabine Kalinock, Leiterin des Arbeitsbereichs Flucht und Integration bei der Diakonie. Bei den Kontrollen werde sichergestellt, dass Rauchmelder oder die Elektrik noch funktioniere. Den Vorwürfen gegen die Mitarbeiter werde die Diakonie nachgehen.

Langfristig sieht Kalinock einen Lösungsansatz darin, größere Familien in Einrichtungen zu verlegen mit mehr Platz. Nur wollen die Familien nach Jahren in einer Flüchtlingsunterkunft nicht in die nächste verlegt werden. Sie wollen eine eigene Wohnung. Das sagen viele am Zaun. „Aber eine Vier-Zimmer-Wohnung in Frankfurt zu finden“, erläutert Kalinock, „ist nahezu unmöglich.“

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