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In der Akut-Psychiatrie des Universitätsklinikums in Frankfurt sollen künftig Überbelegungen vermieden werden.

Nach Medienbericht

Nach Psychiatrie-Skandal: Landtag diskutiert Gebäude-Sanierung

Nach dem Psychiatrie-Skandal in der Frankfurter Uniklinik entkräftet der Landtag in Wiesbaden einen Teil der Vorwürfe.

Wiesbaden - Die psychiatrischen Kliniken in Hessen stehen weiter im Brennpunkt, doch nicht hinter jedem Vorwurf steckt auch wirklich ein Skandal. Das jedenfalls geht aus den Antworten hervor, die Sozialminister Kai Klose und Wissenschaftsministerin Angela Dorn (beide Grüne) am Montag im Sozialausschuss des hessischen Landtags zu einem Bericht des HR-Fernsehmagazins "defacto" über Missstände in der Psychiatrie der Frankfurter Universitätsklinik gaben. 

Klose berief sich auf einen Besuch der Fachleute seines Hauses vor Ort und ein fachaufsichtliches Gespräch in seinem Wiesbadener Ministerium wenige Tage nach dem TV-Beitrag am 7. Juni.

Frankfurter Uniklinik: Keine Leiharbeiter betreuen fixierte Patienten

Dabei habe die Klinikleitung glaubhaft versichert, dass keine Leiharbeiter für die Betreuung fixierter Patienten eingesetzt werden. Und gezeigte bauliche Mängel bezögen sich auf Räumlichkeiten, die Patienten gar nicht zugänglich sind, und seien zum Teil schon vor Ausstrahlung der Sendung beseitigt worden. So befinde sich ein gezeigtes Waschbecken mit brauner Brühe in einem nicht mehr genutzten Abstellraum, zu dem nur Pflegekräfte mit Schlüssel Zugang hätten. 

Auch der Raum mit einem verschimmelten Fensterrahmen liege außerhalb des Patienten-Bereichs und sei bereits 2017 saniert worden, so dass die Aufnahmen mehr als zwei Jahre alt sein müssten. Schließlich liege die mit Graffiti beschmierte Toilette im öffentlich zugänglichen Besucherbereich und werde im Winter häufig von Obdachlosen aufgesucht, aber ebenfalls nicht von Patienten genutzt. Die Frankfurter Psychiatrie sei Anfang 2019 überbelegt gewesen, aktuell sei sie es nicht und auch hessenweit gebe es keine dauerhafte Überbelegung, so Klose.

Angela Dorn: Zustand der Psychiatrie-Klinik nicht mehr zeitgemäß

Wissenschaftsministerin Dorn räumte aber ein, dass der bauliche Zustand der Psychiatrie-Klinik nicht mehr zeitgemäß sei. Da die gesamte Uniklinik für rund eine Milliarde Euro saniert werde und die Patienten möglichst wenig beeinträchtigt werden sollten, sei eine Neuerung aber nur schrittweise möglich. Auf dem Gelände der Uniklinik ist ein "Psychiatriecampus" geplant, der laut Dorn "bei der Projektierung neuer Maßnahmen die höchste Priorität genießt".

Der erste Bauabschnitt der Psychiatrie solle 2022 in Angriff genommen und 2024 abgeschlossen werden. Es geht um die Sanierung der alten Gebäude und einen Erweiterungs-Neubau für insgesamt 140 Millionen Euro. Bereits im Herbst plane die Klinik aber die Mitnutzung zweier Räume in der benachbarten Orthopädie.

Klose sprach von landesweiten Bemühungen, die Fixierung von Patienten ans Krankenbett weiter einzuschränken. In der Uniklinik werde die vorgeschriebene 1:1-Begleitung dieser Menschen aber fast ausschließlich von examinierten Fachkräften übernommen. Ein bei großem Andrang miteingesetzter Reservepool bestehe aus zwei beim Klinikum angestellten Pflegekräften und eigens dafür geschulten Medizinstudenten. Zu einer mehrwöchigen Überbelegung der Akutpsychiatrie im Frankfurter Uniklinikum mit Überstunden von Teilzeitkräften sei es im März und April gekommen. So etwas könne aber wegen des Versorgungsauftrags für Patienten in akuten Krisen vorkommen, derzeit gebe es keine Überbelegung mehr, versicherte Klose.

Kai Klose kämpft gegen Generalverdacht gegen psychiatrische Kliniken

Der Sozialminister mit seiner Fachaufsicht über die psychiatrischen Kliniken beschwor Politiker und Medien, keinen Generalverdacht gegen psychiatrische Kliniken zu nähren. Es dürfe nicht dazu kommen, dass Patienten zu Unrecht Angst vor einer notwendigen Behandlung hätten. Die Linken-Abgeordnete Christiane Böhm lobte ausdrücklich die Arbeit der Beschäftigten in den Kliniken, mahnte aber, es dürfe nichts unter den Teppich gekehrt werden. Für sie sind beide Fälle "symptomatisch für die immer wiederkehrende Kritik an Arbeitsbedingungen und Behandlungssituationen in vielen stationären Einrichtungen."

Einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" zufolge steigt die Zahl der Menschen, die sich in Hessen in stationäre psychiatrische Behandlung begeben, kontinuierlich an. Zwischen 2000 und 2017 sei die Zahl laut Hessen Agentur von gut 47 000 auf knapp 58 000 gestiegen, private Kliniken nicht eingerechnet. (red)

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