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Vorsicht, Kriebelmücke! – Wie gefährlich sind die kleinen Beißer?

  • Pia Rolfs
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In Frankfurt schlägt immer öfter die Kriebelmücke zu. Doch wie gefährlich sind die kleinen Beißer wirklich?

  • Förster Philipp Gerhardt hat außergewöhnliche Insektenstiche, die plötzlich anschwellen - und entscheidet sich zum Arzt zu gehen.
  • Erwischt hat ihn vermutlich die Kriebelmücke, die ihr Unwesen in Deutschland treibt.
  • Der Biss der Kriebelmücke kann sogar zu einer Blutvergiftung führen und lebensbedrohlich werden.

Frankfurt - Als Förster ist Philipp Gerhardt Insektenstiche gewohnt. Doch was der 27-Jährige von der Revierförsterei Friedrichsdorf in den letzten Tagen erlebte, hat selbst ihn überrascht. „Im Freibad wurde ich fünf Mal gestochen, und über Nacht sind die Stiche dann sehr stark angeschwollen“, berichtet er. Die riesigen Quaddeln konnte er mit einem elektronischen Stichheiler reduzieren. Aber eine Schwellung am Knie, wo die Hose scheuerte, entzündete sich dann doch. Aus Angst vor einer Blutvergiftung ging Gerhardt zum ärztlichen Bereitschaftsdienst, bekam Antibiotika. Diese Vorsicht war berechtigt, denn erwischt hatte ihn offenbar die Kriebelmücke, deren Attacken lebensgefährlich sein können.

Das Insekt, das harmlos wie eine kleine Fliege aussieht, „sticht eigentlich nicht, sondern beißt“, erklärt Mark Harthun, Naturschutzbeauftragter beim Nabu Hessen. „Und man kann es nicht hören, das ist das Heimtückische.“

Beweise für das Unheil durch die Kriebelmücke gibt es nicht

Wer „lautlose Mücken“ im Internet eingibt, landet schnell bei dieser Art. „Die Kriebelmücke breitet sich aus“, berichtete auch der Hessische Rundfunk vor wenigen Tagen. „Unsere Ärzte haben berichtet, dass sie derzeit sehr viele Insektenstiche mit ausgeprägten Schwellungen sehen“, kann Petra-Fleischer, Sprecherin vom Klinikum Frankfurt Höchst, bestätigen. „Am vergangenen Wochenende waren es in einer Schicht drei, und es ist ja selten, dass solche Patienten gleich zum Notdienst gehen.“ Ob die Betroffenen aber von der Kriebelmücke gebissen wurden, sei unklar.

Beweise gegen den Übeltäter gibt es also nicht, höchstens Indizien. „Es kommen derzeit sehr viele Menschen mit Insektenstichen, die bei ihnen starke allergische Reaktionen hervorrufen“, erfuhr Annette Spiller aus Gießen, als sie dort zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst gehen musste, weil ein unbekanntes Tier sie gepiesackt hatte. Zwei Frauen aus Kassel sind sich da sicherer, was den Übeltäter angeht. Schildern sie doch in der „Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen“* (HNA) dramatische Verläufe nach Kriebelmücken-Bissen. Sind die Tiere also derzeit tatsächlich verstärkt in Hessen unterwegs?

Sie kriecht in Hosen und unter Röcke - Wie gefährlich ist die Kriebelmücke?

„Es würde passen, weil die Mücke von der warm-feuchten Witterung profitiert“, ist Harthuns Einschätzung. Mückenforscherin Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg, das im Mückenatlas viele Arten erfasst, schränkt allerdings ein: „Es gibt 28 Mückenfamilien, die Kriebelmücken sind nur eine davon.“ Nicht nur auf sie, sondern auch auf den Speichel sehr kleiner Stechmücken reagierten manche Menschen stark. Und eine Mückenplage kann sie in diesem Sommer nicht feststellen - das Vorkommen sei eher normal. Nur habe es in den vergangenen äußerst trockenen Jahren 2018 und 2019 eben sehr wenige Mücken gegeben, daran hätten sich die Leute vielleicht gewöhnt. Jetzt sei die Lage wegen regional heftiger Niederschläge anders.

Wenn es sich aber beim Peiniger tatsächlich um die Kriebelmücke handelt, wird es schnell ernst. Sie kriecht in Hosenbeine, unter Röcke oder hinters Ohr. Besonders dünne Hautstellen werden bevorzugt. Nach dem Biss schleust die Mücke gerinnungshemmende Substanzen in den Körper. Dadurch kann es zu allergischen Reaktionen und massivem Juckreiz kommen, Kratzen ist aber absolut verboten, können dann doch erst recht Keime in den Körper gelangen und zu Entzündungen führen. Manchmal schwellen etwa Knöchel oder Füße extrem an. „Wenn man einmal einen Kriebelmücken-Stich hatte, vergisst man den nie mehr“, betont Werner.

Die Kriebelmücke sieht harmlos aus. Doch wenn sie beißt, kann es gefährlich werden.

Eigentlich piesacken die Tiere vor allem Kühe oder Pferde, diese können durch viele Stiche sogar sterben. Weiden an fließenden Gewässern sind ihr bevorzugter Aufenthaltsort, doch die Weideflächen gehen zurück. Nun fliegen die Insekten, „mitunter auch mehrere Hundert Meter weit in den Garten der Menschen, um sich einen passendes Opfer zu suchen“, heißt es auf der Seite „kriebelmuecken.de“.

Vorsicht Kriebelmücke: "Eigentlich hilft nur Weglaufen"

Wie aber können diese sich schützen? „Normale Abwehrsprays wirken bei Kriebelmücken gar nicht“, macht Mückenforscherin Werner Illusionen zunichte. „Eigentlich hilft nur Weglaufen.“ Und auch wenn lange Kleidung derzeit für viele kaum vorstellbar ist - spätabends in Bachnähe ist sie laut Harthun auf jeden Fall ratsam. Nach drinnen kommen die Tiere, anders als Stechmücken, immerhin nicht. Und noch einen Trost für Mückenopfer hat der Naturschutzbeauftragte parat: „Die Flugzeit der Kriebelmücke dauert nur bis September, nicht so lange wie bei Stechmücken. Insofern haben wir es bald überstanden.“ Von Pia Rolfs (*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.)

Rubriklistenbild: © Friso Gentsch/dpa

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