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Johannes (links) und Joseph Schreiter in ihrer Küche, in Offenbach.

Gründerszene

"Frankfurter Brett": Offenbach als Heimat kreativer Startups

Offenbach gilt in der Rhein-Main-Region noch als vergleichsweise billig. Das macht sich die Kreativ-Szene zu Nutzen - unterstützt von der Kunsthochschule. Die IHK sieht die Stadt an der Spitze der Gründerszene in Hessen.

Im Hinterhof der alten Hassia-Fabrik wurden in Offenbach einst Schuhe für ganz Deutschland gefertigt. Heute ist hinter verfallen-pittoresken Backsteinmauern auf engstem Raum eine höchst schillernde Welt entstanden. Angesiedelt haben sich dort ein Boxclub, ein Waffengeschäft, ein Escortservice, eine Tanzschule, eine afrikanische Evangelisten-Gemeinde - und aufstrebende Startup-Firmen.

In einem Loft auf dem Fabrikgelände haben die beiden 37 Jahre alten Zwillingsbrüder Johannes und Joseph Schreiter ihre Zentrale aufgebaut. Von dort aus beglücken sie die ganze Welt mit dem "Frankfurter Brett". Der kreative Gedanke dahinter ist eigentlich recht simpel: An einem hölzernen Schneidebrett sind an ausfahrbaren Bügeln noch spezielle Behälter für das Schnittgut installiert. Zwiebeln, Gemüse oder Obst können dann in der Küche flugs in spezielle kleine Container befördert werden - inklusive des Abfalls.

Die Idee dazu hatte Johannes Schreiter, der auch mal Koch war. An seinem Arbeitsplatz hatte er vor sechs Jahren gesehen, wie sich seine Kollegen in der Küche nach dem schnellen Schnippeln mit der Ablage des Materials schwer taten. "Gemüseschneiden ist immer das totale Chaos", sagt Schreiter.

Drei Jahre tüftelte er an seiner neuen Werkbank, für den sich die aus Frankfurt stammenden Zwillingsbrüder einen cleveren Namen einfallen ließen. Das "Frankfurter Brett" soll nicht nur an die Würstchen aus der Finanzmetropole erinnern, sondern vor allem an die berühmte im Jahr 1926 entwickelte "Frankfurter Küche". Sie gilt als Prototyp aller Einbauküchen.

Für das Design des Produkts war Joseph Schreiter mitzuständig, der an der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach studiert hat. Deren Werkstatt konnte für die Herstellung der ersten Prototypen genutzt werden. Die Brüder haben es schließlich geschafft, vor Beginn der eigentlichen Bretter-Produktion über das Internet 900 000 Euro von weltweit 3500 Interessenten einzusammeln.

"Crowdfunding" heißt auf Neudeutsch diese Art der Geldbeschaffung. Im Erfolgsfall sind dann - die oft nicht einfachen - Verhandlungen mit den Banken zur Kreditvergabe überflüssig. Startups entspringen heute fast traditionell aus Hochschulen - ob in der deutschen Gründermetropole Berlin oder in Offenbach. Absolventen der HfG haben schon einiges an Ideen zur kommerziellen Verwertung entwickelt - zum Beispiel Trinkflaschen oder Schwimmhilfen.

Zwei Studenten an der Kunsthochschule haben ein maßgefertigtes Fahrrad von der Stange ("Frame One") mit einem teilweise 3D-gedruckten Rahmen hergestellt. Es ging aus einem Semesterprojekt hervor. "Die HfG ist so etwas wie ein kreativer Nukleus", sagt Hochschulsprecher Jens Balkenborg. Für die Beratung der Absolventen nach dem Ende des Studiums sind die Professoren zuständig. Außerdem wurde ein "Büro für Wissenstransfer" eingerichtet.

Potenzielle Startups profitieren in Offenbach auch von den billigen Mieten. Räumlichkeiten kosten oft nur ein Bruchteil im Vergleich zu Frankfurt, sagt Klaus Linke von der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Offenbach. Die Stadt habe umgerechnet auf die Einwohner die meisten Existenzgründungen im gesamten Bundesland. Wieviele davon Startups im Bereich der Zukunftstechnologien sind, kann die IHK aber nicht beziffern.

Insgesamt steht Hessen in dem vor wenigen Tagen in Berlin veröffentlichten "Startup-Monitor" nicht sehr gut da. Berlin, Hamburg, Baden-Württemberg, Bayern und NRW sind bei Existenzgründungen deutlich voraus. Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir will Frankfurt künftig zu einem "Hotspot der globalen Startup-Szene" machen - vor allem in der Finanztechnik. Der Grünen-Politiker bemängelt, dass es in der Region kaum Berührungspunkte zwischen den über 50 Hochschulen und den rund 230 000 Studierenden gebe. "Hier können und wollen wir unbedingt besser werden", sagte Al-Wazir dazu im Juni.

Die kleine HfG scheint da zumindest weiter zu sein. Auch das "Frankfurter Brett" macht seinen Erfindern inzwischen Freude. Es heimste einen renommierten Designpreis ein. Finanziell läuft es auch, wie die Brüder verraten. Die Bretter an die 3500 Erstbesteller sind schon längst verschickt. Der Betrieb hat sich bereits diversifiziert. Das einfachste der vier Holzbretter wird in Estland produziert, die teuren Ausführungen mit dem fast 600 Euro teuren Flaggschiff kommen aus der Region.

Die Brüder vertreiben derweil über das Internet auch andere Utensilien wie handgeschmiedete Messer. In ihrem Loft haben sie zwischen Palmen und einer Sofalandschaft eine "Showküche" eingerichtet. Sie denken derzeit darüber nach, dort vielleicht ein Restaurant zu eröffnen.

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