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RMV-Geschäftsführer Knut Ringat steht im Hofheimer Bahnhof an einem neuen Fahrkartenautomaten, der auf einem Display die nächsten Zugverbindungen anzeigt und kontaktlose Zahlung ermöglicht.

Interview

Digitalisierung: RMV-Chef Knut Ringat über das neue Projekt "Mobility inside"

WLAN in Bussen und S-Bahnen, Ticketverkauf über das Handy und ein Versuchstarif namens "RMV": Der Rhein-Main-Verkehrsverbund arbeitet an der Digitalisierung des Nahverkehrs. Redakteur Sebastian Schilling hat mit RMV-Chef Knut Ringat über das neue Projekt "Mobility inside", die nächste Stufe der Vernetzung, gesprochen.

Was verbirgt sich hinter Mobility inside?

KNUT RINGAT: Mobility inside wird DIE Plattform des Öffentlichen Personenverkehrs in Deutschland. Sie beinhaltet am Ende den gesamten Öffentlichen Personennahverkehr, den Fernverkehr der DB sowie weitere Mobilitätsformen, vor allem in der sogenannten „Last Mile“: das Car- und Bike-Sharing. Damit kann man mit seiner ÖPNV-App, in unserem Fall der RMV-App, überall in Deutschland und später vielleicht auch Europa fahren, wo Mobility inside angewendet wird.

Wie ist der Stand der Entwicklung?

RINGAT: Nach umfangreichen Vorarbeiten – schließlich müssen dazu die Daten hunderter Verkehrsunternehmen und Verkehrsverbünde zusammengeführt werden – wird das Jahr 2019 für Mobility inside das bislang wichtigste werden: Erstens startet im Sommer zwischen neun Partnern aus der gesamten Bundesrepublik ein Pilotbetrieb, der später sukzessive mit allen Unternehmen und Verbünden ausgebaut wird. Zweitens gründen wir eine Gesellschaft für den Betrieb und den weiteren Ausbau. Damit gehen wir aus der bisherigen Planungsphase in die Realisierung über.

Welche Rolle spielt der RMV bei Mobility inside?

RINGAT: Die hinter Mobility inside stehenden Fahrplandaten werden federführend von der RMV-Tochtergesellschaft rms gepflegt. Auch das Vertriebs- und Kundenverwaltungssystem für den Start der ersten neun Regionen in Deutschland stammt vom RMV. Darauf bin ich besonders stolz. Überspitzt gesagt ist Mobility inside die Fortführung der RMV-Plattform, die mehr als 160 Verkehrsunternehmen und 23 lokale Nahverkehrsgesellschaften miteinander verbindet. „Made in Hessen“ sozusagen.

Wir brauchen also in zwei bis drei Jahren nur noch eine App, um in allen Verkehrsverbünden sämtliche Mobilitätsangebote – von Bus über Bahn bis hin zu Car- und Bike-Sharing – buchen zu können?

RINGAT: Die Partner, die wir in den ersten zwei Jahren integrieren, decken rund 80 Prozent aller Bus- und Bahnfahrten ab. Die flächendeckende Vernetzung ist aufgrund der Kleinteiligkeit im deutschen ÖPNV und der Vielseitigkeit der Regionen hochkomplex. Dafür benötigen alle Verkehrsunternehmen und -verbünde Tarif und Online-Fahrplandaten in einer elektronisch verwertbaren Form, um die übergreifende Verbindung herstellen zu können, die es überwiegend noch nicht gibt. Dort, wo sich die Tarifdaten noch auf einer von Hand korrigierten Excel-Tabelle befinden, muss Mobility inside nicht nur Plattform und Router stellen, sondern den Unternehmen und Verbünden auch die Chance geben, ihre Datenformate entsprechend zu entwickeln.

Ziehen alle Verkehrsverbünde mit?

RINGAT: Wir alle in der Branche wissen, welche Chance uns Mobility inside bietet. So haben schon jetzt mehr als 100 Unternehmen und Verkehrsverbünde die konkrete Absicht erklärt, bei Mobility inside mitzumachen. Bereits in dem für Sommer geplanten Pilotversuch werden wir den DB-Schienenfernverkehr sowie Car- und Bikesharer einbeziehen. Zudem liegen uns Anfragen von Unternehmen vor, die im weiteren Sinne mit Mobilität zu tun haben, sowie welche aus dem angrenzenden Ausland.

Dem Vernehmen nach wird das Handyticket von den Kunden gut angenommen. Welchen prozentualen Anteil haben Ticketverkäufe über das Handy am Gesamtticketabsatz?

RINGAT: Seitdem wir im Juni 2018 über die RMV-App DB-Fahrkarten verkaufen und die DB über ihre App RMV-Fahrkarten, hat der Vertriebsweg nochmals spürbar an Bedeutung gewonnen. Aktuell werden über das Handy pro Monat Fahrkarten für rund zwei Millionen Euro vertrieben. Das sind über 12 Prozent aller Einzel- und Tageskarten. Das ist deutschlandweit spitze. In diesem Jahr starten wir den Verkauf von Wochen- und Monatskarten über das Handy. Wir gehen davon aus, dass es dann gerade beim Umsatz noch mal einen Sprung nach oben gibt.

Werden Fahrkartenautomaten in naher Zukunft verschwinden?

RINGAT: Wir haben gerade erst alle Bahnhöfe im RMV mit neuen Automaten ausgestattet. Auch da im RMV während der Fahrt keine Fahrkarten verkauft werden, brauchen wir zumindest die nächsten fünf bis zehn Jahre Automaten an den Stationen. Natürlich kann der Tag kommen, an dem wir auf Automaten verzichten.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie bisher aus dem Pilotversuch mit dem Tarif RMVsmart, bei dem nur die tatsächlich gefahrenen Kilometer bezahlt werden, gewonnen haben?

RINGAT: Der Pilottarif läuft ja noch bis 2021. Was wir schon jetzt bilanzieren können, ist ein sehr großes Interesse an einem solchen Entfernungstarif über das Smartphone. Wir haben die Anzahl der Testpersonen von 20 000 auf 30 000 erhöht und führen eine Warteliste, da die Nachfrage unserer Fahrgäste seit der Einführung von RMVsmart50 nochmals gestiegen ist. Bei dieser Tarifvariante von RMVsmart erhält der Kunde gegen eine monatliche Zahlung von fünf Euro einen Rabatt von 50 Prozent auf den Ticketpreis. Mehr Fahrgäste dürfen aus genehmigungsrechtlichen Gründen leider nicht mittesten. Außerdem können wir bereits heute sagen, dass ein Digitaltarif mit Preisberechnung nach dem Prinzip Taxi, also „zahlen, was man wirklich fährt“, technisch keine Zukunftsmusik ist, sondern stabil und für die Fahrgäste verständlich funktioniert. Ja, die Fahrgäste sagen sogar, der RMV-Smart50 sei der beste Tarif überhaupt!

Wie viel geringer wäre der Umsatz des RMV, wenn alle Kunden den RMVsmart-Tarif nutzen könnten?

RINGAT: Innerhalb des Pilottarifs RMVsmart testen wir verschiedene Tarifoptionen wie beispielsweise RMVsmart50, Eine Auswertung, welches dieser Elemente zu Mehr- oder Mindereinnahmen führt, ist eine der ganz wichtigen Analysen, die wir am Ende des Pilottarifs bewerten werden. Bis dahin werden wir noch weitere Tarifelemente und deren Wirkung auf die Nachfrage der Kunden testen. Denn: Für den weiteren Ausbau des Bus- und Bahnangebots benötigen wir auf jeden Fall die entsprechenden Einnahmen.

Was ist wahrscheinlicher: Die Umstellung auf einen entfernungsabhängigen Tarif wie RMVsmart, oder die Einführung einer Flatrate, zum Beispiel in Form eines 365-Euro-Tickets?

RINGAT: RMVsmart und Flatrate-Angebot sind keine sich gegenseitig ausschließenden Ansätze, sondern zwei ergänzende Wege, wie man den RMV-Tarif attraktiver macht. RMVsmart richtet sich an Gelegenheitskunden. Durch die Einführung von RMVsmart50 werden auch Kunden mit häufigerer ÖPNV-Nutzung angesprochen. Flatrate-Angebote, wie zum Beispiel das erfolgreiche Schülerticket Hessen oder auch die hohen Anklang findende Jobticket-Variante mit verbundweiter Gültigkeit, sind attraktive Flat-Angebote für Stammnutzer des ÖPNV. Als nächstes denken wir an ein Angebot für Seniorinnen und Senioren. Nicht zuletzt, da die Schienenstrecken schon heute im Rhein-Main-Gebiet meist überlastet sind, setzt ein 365-Euro-Ticket für alle ein ganzes Maßnahmenpaket voraus. Dazu zählen: umfangreicher Ausbau der Schienenverbindungen sowie Schaffung von weiteren Alternativen wie zum Beispiel Seilbahnen oder Tür-zu-Tür-Angeboten.

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