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Ein junger Mann springt auf dem Hoherodskopf vom neun Meter hohen ?Free Fall Tower?.

Urteil

Sprungturm-Prozess: Kletterpark-Betreiber werden freigesprochen

Es bleibt ein bitterer Nachgeschmack, erklärt das Gericht zum Abschluss des Prozesses. Den verhängnisvollen Sprung einer Zwölfjährigen will es strafrechtlich nicht ahnden. Für die freigesprochenen Betreiber der Anlage gibt es mahnende Worte.

Gießen - Es sollte ein Abenteuer mit Nervenkitzel werden. Stattdessen mündete die Mutprobe in einer Katastrophe. Nach dem tödlichen Sturz eines zwölf Jahre alten Mädchens von einem acht Meter hohen Sprungturm auf dem Hoherodskopf in Hessen musste sich das Landgericht Gießen mit dem verhängnisvollen Unfall von Ende August 2015 befassen. Am Donnerstag das Urteil in dem Prozess: Freispruch für die beiden angeklagten Betreiber des Sprungturms.

Nicht nur die Anwälte der 42 und 44 Jahre alten Männer forderten Freispruch. Auch die Staatsanwaltschaft sprach sich nach der Beweisaufnahme gegen eine Verurteilung aus. Zu Beginn des Prozesses war die Anklage noch anderer Auffassung. Sie warf den Betreibern fahrlässige Tötung vor. Sicherheitsvorkehrungen sollen missachtet worden sein. Die Nebenklage, die den Vater des Mädchens vertrat, blieb bei dem Vorwurf: fahrlässige Tötung. Nach dem Prozess gab der Nebenklagevertreter keinen Kommentar ab. Nichts zur Frage, ob das Urteil angefochten werde.

Doch wie kam es zu dem Unglück? Der 31. August 2015 war ein schöner Sommertag. Die Zwölfjährige war mit einer Freundin auf dem Hoherodskopf unterwegs. Sie waren in einem Kletterpark, dann folgte der Sprung vom Freefall-Tower. Doch der ging schief.

Ungeeignete Stelle?

Das Mädchen lief an, versuchte sich im letzten Moment beim Absprung – wohl unschlüssig – an einem Geländer festzuhalten, drehte sich in der Luft und verfehlte das Luftkissen. Sie landete auf der Umrandung, wurde vom Kissen katapultiert und fiel zu Boden. Ob sie mit dem Kopf gegen einen Basaltbrocken stieß, blieb im Verfahren ungeklärt. Wochen später erlag das Mädchen den Verletzungen. Die Unklarheiten, ob das Mädchen gegen den Felsbrocken stieß oder nicht, liegt an Ermittlungspannen. Wegen Personalnot habe die Polizei nur unzureichend Beweise gesichert, sagte der Vorsitzende Richter.

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Die Staatsanwaltschaft warf den Betreibern zunächst fahrlässige Tötung vor. Sicherheitsvorkehrungen sollen missachtet worden sein. Der Turm sei wegen des steinigen Untergrunds an einer ungeeigneten Stelle errichtet worden. Zudem sollte das Luftkissen laut Anklage falsch positioniert worden sein. In seinem Schlussvortrag kam Staatsanwalt Rouven Spieler dann bei der Bewertung des Sachverhalts aber zum Ergebnis: Die Vorgaben zum Überstand der Absprungplattform zum Luftkissen am Boden seien eingehalten worden. Gefordert wurden laut Gutachten des TÜV Süd 0,8 Meter. Gemessen worden seien 1,09 Meter – somit ausreichend.

Ein Gutachter des TÜV Thüringen kam allerdings zu einer anderen Bewertung. Bei solch einer Anlage hätte die Plattform zwei Meter über das Kissen hinausragen müssen. Die Rampe sei zu kurz gewesen. Und gebotene Sicherheitsfreiräume rund um das Kissen seien auch nicht beachtet worden. Eine Baugenehmigung sei übrigens nicht erforderlich gewesen, erklärte der Amtsleiter der Bauaufsichtsbehörde des Vogelsbergkreises.

Normen fehlten

Der Vorsitzende Richter bemängelte bei der Urteilsverkündung das Fehlen von Vorschriften für Freefall-Tower. Es gebe keine Normen für Türme und Luftkissen. Im vorliegenden Fall hätten sich die Angeklagten zwar an das TÜV-Gutachten gehalten. Doch die Anweisungen seien leichtfertig formuliert gewesen. Auch hätten die Angeklagten unbedacht und nachlässig gehandelt. Doch dafür seien sie nicht zu verurteilen gewesen.

Die Anwälte der Angeklagten erklärten, es sei ein schrecklicher Unfall gewesen, der nicht vorhersehbar gewesen sei. Bei Funsport-Anlagen bleibe immer ein Risiko. Auch in Schwimmbädern könnten Menschen vom Sprungturm auf dem Beckenrand landen und sich tödlich verletzten.

vonJörn Perske

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