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Miriam Heezen (rechts) bastelt auf der Veranda vor dem Kinderheim mit Komal (links) und Rajshree. Foto: Privat

Freiwilligendienst

Eine Teilnehmerin des Projekts Junge Zeitung berichtet über ihre Erfahrungen in Indien

„Das gute Leben“ war Leitthema unseres Projekts Junge Zeitung. Studentin Miriam Heezen, die daran teilnimmt, arbeitet ein Jahr in Indien und schreibt, was das „gute Leben“ dort bedeutet.

Von Junge-Zeitung-Autorin Miriam Heezen

Pune - „Miri Didi, you nashta, na!“ Es ist 7.30 Uhr. Das Frühstück, das auf Marathi „Nashta“ heißt, gibt es erst in zwei Stunden. Das weiß das Mädchen, das seinen schwarzen Wuschelkopf durch mein Fenster steckt, genau. Doch sicher ist sicher. Nicht, dass ihre Didi („große Schwester“) das Frühstück verschläft. Dann würden sie und ihre Schwestern von einer hungrigen Miri Didi zur Schule gebracht werden – das geht aus Prinzip nicht.

Seit dem ersten Tag meines Freiwilligendienstes in Indien umsorgen mich die Mädchen aus dem Kinderheim, mit denen ich insgesamt ein Jahr lang zusammenlebe, liebevoll. Noch nie zuvor war ich an einem Ort, an dem Fürsorge und Dankbarkeit so selbstverständlich gelebt werden wie hier. Meine Entscheidung, ein Jahr lang über das „Weltwärts“-Programm nach Indien zu gehen, erntete größtenteils sehr negative Reaktionen. Ich wüsste nicht, was ich mir da zumuten würde, meinten die meisten. Andere meinten sogar: „Das ist viel zu gefährlich. Du weißt schon, dass die Männer dich da vergewaltigen werden!?“ oder „Alles in dem Land stinkt, ist laut, und die Armut wirst du nicht verkraften können.“ Interessant, dass keiner dieser Menschen je auch nur einen Fuß nach Indien gesetzt hat.

Rolle indischer Frauen bereitet Kopfschmerzen

Ich lebe hier seit sieben Monaten und kann mit Überzeugung sagen, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war. Das heißt nicht, dass meine Zeit hier einfach gewesen wäre. Im Gegenteil. Würde ich gebeten werden, meine vergangenen Monate in einem Bild zusammenzufassen, so würde ich eine Achterbahn malen. Ich würde Sonne, Regen, Nebel und Regenbögen zu Papier bringen. Das Gesamtbild ist das, was ich Leben nenne. Das gute Leben.

Ich habe erfahren, was es bedeutet, in eine mir bislang fremde Kultur einzutauchen. Wie es ist, hin- und hergerissen zu sein zwischen Bewunderung und Abneigung. Auf den ersten Blick scheint es toll, dass mich meine kleinen Schützlinge mit ihren indischen Kochkünsten verwöhnen. Doch bereitet mir die Tatsache, dass indische Mädchen schon früh auf ihre späteren Pflichten als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden, kontinuierlich Kopfschmerzen. Eine Frau wird über ihre Fähigkeiten im Haushalt definiert, die Rollenverteilung ist klar. Das gilt zumindest in den ländlichen Regionen Indiens, und in einer solchen befindet sich das Kinderheim im Staat Maharashtra.

Auch wenn die Männer hier höhergestellt sind als Frauen, fühle ich mich von ihnen doch überwiegend respektvoll behandelt. Sie begegnen mir meistens sehr zuvorkommend und hilfsbereit. Mit einigen kann ich herumscherzen. Andere wagen es hingegen kaum, mir während unseres Gesprächs in die Augen zu schauen, und sprechen nur mit gesenkter Stimme zu mir. Als würden sie keinesfalls dem indischen Stereotyp entsprechen wollen. Das sind die Momente, in denen ich mich schäme. Natürlich bleibe ich auch hier nicht von Anmachsprüchen oder unangebrachten Gesten verschont. In Deutschland habe ich das auch schon an Baustellen erlebt – hier meist auf Straßen und Märkten.

Indien ist so viel mehr als seine vom Westen kreierten Klischees. Indien ist bunt. Es ist vielfältig und von so vielen Schichten Stoff umgeben, dass es mehr als ein Leben braucht, um diesen Subkontinent bis auf seinen Grund zu erkunden. Ich habe hier schon mehr über mich und über das Leben gelernt, als mir Schule oder Studium jemals beibringen könnten. Dieses Privilegs bin ich mir bewusst. Meine Erfahrungen hier haben mich nicht nur zu einem dankbareren Menschen werden lassen, sondern auch zu einem kritischeren. Denn es gibt viele Momente, in denen ich mir die Haare ausreißen könnte – vor allem wenn ich mit den Ungerechtigkeiten dieser Welt konfrontiert werde.

Meine dankbare Lebenseinstellung rührt nicht daher, dass ich mein Leben im wohlhabenden Deutschland zu schätzen gelernt hätte. Nein, sie rührt daher, dass ich hier so viel Liebe und Empathie begegne. So vielen kreativen und mutigen Köpfen. So viel Natur und dem Willen, diese zu erhalten. So viel von der Einstellung: „Wir können alles schaffen, wenn jeder von uns nur ein bisschen mit anpackt.“

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