Freizeitdruck in Hessens Wäldern
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Fußgänger sind im Frankfurter Stadtwald unterwegs.

Freizeitdruck gefährdet Lebensraum der Wildtiere

Coronabedingt machen viele Menschen Urlaub vor der eigenen Haustür und entdecken die heimischen Wälder als Freizeitorte. Die hessischen Forstbehörden bitten um mehr Rücksichtnahme. Denn der zunehmende Freizeitdruck hat teilweise gravierende Folgen für Flora und Fauna.

Kassel/Friedrichsdorf/Bad Nauheim - Wild-romantischer Märchenwald, Holzlieferant oder Sportarena: Laut Regierungspräsidium (RP) Kassel sind die Erwartungen an die nordosthessischen Wälder so vielfältig wie ihre Nutzer und Besucher. „Die Aktivitäten im Wald reichen vom klassischen Waldspaziergang übers Joggen und Nordic Walking bis zum satellitengestützten Geocaching oder zur Schussfahrt mit dem Mountainbike“, so die Behörde. Auch das Waldbaden erfreue sich zunehmender Beliebtheit.

All das finde zu jeder Tages- und Nachtzeit statt, „manchmal nur im Schein einer Stirnlampe“. Entsprechend nehme auch im Wald der Freizeitdruck zu. Das RP appelliert deshalb an die Waldbesucher, Rücksicht auf andere und ganz besonders auf die Tiere des Waldes zu nehmen und die Regeln nach dem Bundes- und dem Hessischen Jagdgesetz einzuhalten, nach denen etwa das Radfahren und Mountainbiking nur auf Straßen und Wegen erlaubt ist.

Ähnlich sieht die Situation in den Wäldern und Naturschutzgebieten im Regierungsbezirk Gießen aus: „Wir beobachten aktuell: Die Menschen sind überall unterwegs, hauptsächlich zu Fuß - mit und ohne Hunde - oder per Fahrrad. Immer wieder auch querfeldein über Wiesen mit Picknick an allen möglichen Stellen und in Wäldern abseits der Wege“, sagt Oliver Keßler, Pressesprecher des RP Gießen.

Der Landesbetrieb HessenForst beobachtet eine Zunahme der Waldbesuche im gesamten Bundesland. „Auslöser war sicher die Corona-Pandemie, aber wir können uns vorstellen, dass die Besucherzahlen zukünftig nicht wieder wesentlich zurückgehen“, sagt Pressesprecherin Michelle Sundermann. Gerade die Naherholungsgebiete im ländlichen Raum erfreuten sich zunehmender Beliebtheit.

„Wir stellen dabei fest, dass Aktivitäten abseits der Wege wie Mountainbiking, aber auch Wanderungen zunehmen - das Verständnis für Forstarbeiten aber eher abnimmt“, sagt Sundermann. HessenForst erarbeite daher gerade lokale Erholungswaldkonzepte für die einzelnen Regionen, um die Besucherlenkung zu optimieren. Damit solle allen Belangen - unter anderem auch denen des Naturschutzes, der Holznutzung und der Jagd - mehr Raum gegeben werden.

Auch in den Privatwäldern spitzt sich die Lage zu. „Die Leute drängen in den Wald, bevorzugt um die Ballungsgebiete herum. Das sei ihnen auch gegönnt. Aber dadurch wird auch die Unruhe für das Wild größer“, sagt Christian Raupach, Geschäftsführer des Hessischen Waldbesitzerverbandes. Es sei zwar nur eine Minderheit der Waldbesucher, die sich nicht an die Regeln halte, „aber die richtet großen Schaden an“. Denn der Lebensraum des Wildes habe sich durch Dürre und Borkenkäferbefall stark verändert. „Wir haben riesige Kahlflächen, auf denen das Wild nicht mehr stehen kann.“ Die Tiere zögen sich stattdessen ins Dickicht zurück. Dort würden sie zunehmend durch Menschen abseits der Wege gestört.

In der Folge geraten die Tiere in Stress. „Insbesondere in der Dämmerungszeit in den frühen Morgen- und den Abendstunden sind sie zur Nahrungsaufnahme unterwegs und wechseln beispielsweise zwischen Wald und Feld. Werden die Tiere, wie Rehe oder auch das Rotwild auf dem Weg aus dem Wald ins Feld, durch Jogger, Radfahrer oder auch durch freilaufende Hunde beunruhigt, bleiben sie häufig im Wald oder zeigen sich nur noch bei absoluter Dunkelheit auf den freien Flächen“, erläutert Markus Stifter, Pressesprecher des Landesjagdverbands Hessen.

Das könne wiederum dazu führen, dass die Tiere ihren Hunger im Wald stillen müssen und somit junge Bäume anknabbern. Durch den Wildverbiss entstünden Schäden an jungen Forstpflanzen, die gerade für den Waldumbau nach den drei trockenen Sommern besonders wichtig seien. Nähmen diese Schäden zu, würden Forderungen an die Jägerschaft laut, immer mehr Rehe und Hirsche zu schießen.

„Ein Kreislauf, der nur gemeinsam mit der Bevölkerung und durch Verständnis und Rücksichtnahme unterbrochen werden kann“, sagt Stifter. „Die Frage der Zukunft wird sein, ob die Bevölkerung für die Rücksichtnahme sensibilisiert werden kann und ob Wildtiere ihren Lebens- und Nahrungsgewohnheiten wieder ungestörter nachgehen können oder auch, welche Waldschäden oder niedrigere Abschusszahlen auf der anderen Seite seitens der Politik in Kauf genommen werden müssen.“ dpa

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