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Frühere Lebensgefährtin schildert Rick J. als kontrollwütig, eifersüchtig und gewalttätig

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Der 42-jährige Angeklagte (r) wird zur Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Gießen geführt. Der Mann soll im Jahr 1999 die damals acht Jahre alte Johanna Bohnacker in sein Auto gezerrt, missbraucht und getötet haben. Foto: dpa
Der 42-jährige Angeklagte (r) wird zur Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Gießen geführt. Der Mann soll im Jahr 1999 die damals acht Jahre alte Johanna Bohnacker in sein Auto gezerrt, missbraucht und getötet haben. Foto: dpa © Fabian Sommer (dpa)

Als Soziopathen, der sie kontrollierte, ihr den Willen nahm, sie erniedrigte und unterdrückte bis hin zur Hörigkeit, so beschrieb eine frühere Lebensgefährtin gestern vor Gericht den Entführer und mutmaßlichen Mörder der achtjährigen Johanna Bohnacker aus Ranstadt-Bobenhausen. Versuche der Verteidigung, die Glaubwürdigkeit der Zeugin zu erschüttern und ihr Rachegelüste zu unterstellen, endeten mit einem Eigentor.

Vanessa T. (Name von der Redaktion geändert) war 12, als sie 1993 den sechs Jahre älteren jetzigen Angeklagten kennenlernte, der damals noch bei seiner Adoptivmutter in Karben-Petterweil wohnte. Rick J. gab ihrem zwei Jahre älteren Bruder Nachhilfe und sollte auch ihr in Englisch auf die Sprünge helfen. Einige Wochen, vielleicht auch ein paar Monate, so genau erinnert sich die heute 36-Jährige nicht mehr, sei sie zu dem Angeklagten nach Hause gegangen, habe dessen bereits von der Mutter getrennten Vater gar nicht und die Mutter, von der er sich ungeliebt fühlte, nur einmal kurz gesehen. Die Nachhilfe sei nicht sehr erfolgreich gewesen und sie habe deshalb irgendwann gesagt, keine Lust mehr auf Englisch zu haben und etwas anderes machen zu wollen. Daraufhin habe er ihr „die Zunge in den Hals gesteckt“. Nach diesem Übergriff habe sie den Kontakt abgebrochen.

Erneute Kontaktaufnahme

Vier Jahre später, 1997, geriet die inzwischen 16-Jährige in eine Krise, fühlte sich ungeliebt. Sie erinnerte sich an einen Zettel, den Rick J. ihr Jahre zuvor in den Ranzen gesteckt hatte: Sie sei seine Traumfrau, ohne sie könne er nicht leben. Über das Telefonbuch habe sie seine neue Adresse herausgefunden. Er habe sich gefreut, als sie spontan vor der Tür gestanden habe, und sehr schnell habe die Bekanntschaft sich zur Beziehung entwickelt, schilderte die gelernte Industriekauffrau dem Gericht. Bis zum Erhalt ihres Führerscheins Ende 1999 habe sie Rick J. etwa einmal wöchentlich gesehen, die nächsten vier Jahre dann „mehr oder weniger“ bei ihm gewohnt.

Nach dem ersten halben Jahr entwickelte sich die Beziehung für die junge Frau zunehmend qualvoll. Zwar gab es gemeinsame Party-Besuche bei Freunden, doch ansonsten prägten Eifersucht, Ausraster, Drogen und harter Sex das Zusammensein. Als Liebesbeweise forderte Rick J. von seiner jungen Freundin neben Vaginal- auch Oral- und Analverkehr, fesselte sie mit Armen und Beinen an die Bettpfosten, verband ihr die Augen, verklebte ihr den Mund. Darauf, dass ihr dies keinen Spaß machte, sondern ihr teilweise erhebliche Schmerzen bereitete, wurde keine Rücksicht genommen, statt dessen die „Betäubung“ mit Amphetaminen und anderen Drogen angeboten. Fast täglich, meist aus nichtigen Gründen oder auch ganz unvermittelt, rastete Rick J. aus, prügelte sie „durch die Wohnung“, unterband eifersüchtig ihre Kontakte zu Freunden und Freundinnen, isolierte sie zunehmend, brach ihren Willen: „Mein Kopf wollte nicht zu ihm, aber mein Körper ist dann doch gegangen.“ Erst als Rick J. 2003 wegen Fahrens ohne Führerschein unter Drogeneinfluss zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, gelang es Vanessa T., sich gezielt einen Freundeskreis aufzubauen, „der mich beschützen kann“, und sich von Rick J. zu lösen. Wirklich „Ruhe vor ihm“ hat sie indes erst seit ihrem Umzug nach Ibiza vor einigen Jahren.

Was ihr damals als „erste große Liebe“ erschien, bewertet sie heute kritischer. Liebe könne es ihrerseits nicht gewesen sein, eher Verzweiflung. Auch an seine damaligen Liebesschwüre glaubt die 36-Jährige nicht mehr, erinnert sich aber an Gegebenheiten, die sie damals schon als skurril empfand.

Befremdende Fragen

So beispielsweise Rick J.’s Frage an Freunde, ob der Beischlaf mit einer gerade gestorbenen Person als Vergewaltigung oder Leichenschändung gewertet werde. Zur Erinnerung: Rick J. behauptet, Johanna sei durch einen Unfall erstickt, er habe sie weder vergewaltigt noch getötet. Die Frage sei damals unbeantwortet geblieben, so Vanessa T. An Ereignisse aus dem Jahr 1999, die für den Fall Johanna relevant wären, konnte sie sich nicht erinnern. Das Herzberg-Festival im Vogelsberg, unweit des Fundorts von Johannas Leiche, habe man wohl gemeinsam besucht, auch „Goa-Parties“ genannte Techno-Outdoor-Parties im Hunsrück, nahe des Ortes, an dem später die Leiche der zwei Monate vor Johanna verschwundenen Melanie Frank gefunden wurde. Der Polizei hatte sie bei einer ersten Vernehmung 1999 berichtet, zwischen 22 und 23 Uhr am 2. September, Johannas Entführungstag, habe sie mit Rick J. telefoniert, der sie dringend gebeten habe, zu ihr zu kommen, Mädchen hätten ihn „fertiggemacht“. Sie ließ sich von ihrem Bruder nach Friedrichsdorf fahren. Nachbohrende Fragen der Verteidigung hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit beantwortete Vanessa T. souverän. Eine Bemerkung des Verteidigers rief ihr eine spätere Begegnung mit Rick J. ins Gedächtnis, als sie die Beziehung bereits beendet hatte. Bei der Erwähnung des Namens von Rick J. auf einer Party habe ein anderes Mädchen eine Panikattacke erlitten. Ob sie nachgehakt habe? „Nein, ich bin davon ausgegangen, sie hat mit ihm dasselbe durchgemacht wie ich“.

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