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Virologin Ciesek gegen Lockerung der Corona-Regeln: „Nicht der richtige Zeitpunkt“

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Von: Christiane Warnecke

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Sandra Ciesek
Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. © Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek rechnet mit steigenden Corona-Infektionszahlen, wenn die Maskenpflicht fällt.

Frankfurt - Vor den Beratungen der Ministerpräsidenten über die Abschaffung der Corona-Maßnahmen haben wir mit der Frankfurter Virologin Sandra Ciesek über ihre Einschätzungen der pandemischen Lage gesprochen. Ciesek befürwortet, dass Hessen an einigen Schutzregeln festhält.

Sie hatten schon Mitte Februar, als die Inzidenz noch sank, empfohlen, nur behutsam zu lockern. Wie schätzen Sie die Lage jetzt ein, und welche Maßnahmen sollte Hessen beibehalten?

Derzeit sehen wir einen Anstieg der Infektionen. Dafür gibt es meines Erachtens mehrere Gründe: Erstens hat der Anteil der Variante BA.2 weiter zugenommen und ist jetzt dominant. BA.2 ist im Vergleich zu BA.1 leichter übertragbar und führt so zu noch mehr Infektionen. Außerdem wissen wir mittlerweile, dass sich auch Geimpfte und Geboosterte mit dieser Variante infizieren können. Zweitens spielt natürlich unser Verhalten eine Rolle, es finden wieder mehr Veranstaltungen statt, auch ohne Masken und auch im Privaten. Steigt die Anzahl unser Kontakte - insbesondere ungeschützt und ohne Masken -, steigt auch das Risiko, dass ich mich infiziere. Zuletzt wird die Bedrohung durch die Pandemie nun vielleicht im Angesicht anderer Weltereignisse weniger stark wahrgenommen und so auf Eindämmungsmaßnahmen verzichtet, oder dieses nicht mehr so ernst genommen. Die Hessische Landesregierung hat aktuell entschieden, dass einige Schutzmaßnahmen - wie zum Beispiel die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln - auch über den 20. März hinaus in Kraft bleiben. Das halte ich mit Blick auf die aktuelle Lage für sinnvoll, für eine vollständige Abschaffung aller Maßnahmen ist aus meiner Sicht nicht der richtige Zeitpunkt.

In Ihrem Podcast haben Sie vor hohen Inzidenzen auch bei niedriger Klinikauslastung gewarnt, weil das Ansteckungsrisiko etwa für Chemotherapie-Patienten dann zu hoch sei. Welche Rolle sollte die Solidarität mit Hochrisikopatienten bei den politischen Entscheidungen zum Umgang mit der Pandemie spielen?

Wir wissen mittlerweile aus vielen Studien, dass die Impfstoffe bei Menschen mit einem eingeschränkten Immunsystem nicht so wirksam sind. Dazu gehören neben Organtransplantierten auch Menschen mit Autoimmunerkrankungen (wie zum Beispiel Rheuma), die bestimmte Medikamente einnehmen müssen. Diese Menschen leben unter uns, und ich denke, die meisten von uns haben jemanden im Verwandten- oder Bekanntenkreis, der zu dieser Risikogruppe gehört. Wenn wir nun alle Maßnahmen aufheben und bei hohen Infektionszahlen nicht mehr gegensteuern, dann wird es für diese Menschen schwer, sich vor einer Infektion zu schützen, ohne sich komplett zu isolieren. In diesem Zusammenhang zitiere ich gern unseren ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt“

Wann könnte eine vierte Impfung nötig werden und für wen?

Dazu gibt es bisher noch wenige wissenschaftliche Daten. Die Stiko hat eine Empfehlung ausgesprochen, die man nachlesen kann. Aus meiner Sicht ist eine vierte Impfung vor allem für ältere Menschen ab 70 und Immunsupprimierte wichtig.

Viele Geimpfte, die an Omikron erkrankt sind, haben trotzdem recht heftige Symptome. Wie gut wirken die vorhandenen Impfstoffe noch gegen Omikron?

Wir sehen an den aktuellen Daten, dass die Impfstoffe leider nicht besonders gut vor einer Infektion mit Omikron schützen, aber weiterhin sehr zuverlässig vor einem schweren Verlauf. Der Blick nach Hongkong zeigt, dass Omikron kein harmloser Schnupfen ist, wenn man als älterer Mensch nicht geimpft ist. Aber bei der Definition eines "schweren Verlaufs" driften die persönliche Wahrnehmung und die offizielle WHO-Definition doch stark auseinander. Ein schwerer Verlauf ist nach der klinischen Einteilung eine schwere Lungenerkrankung, die eine Krankenhausaufnahme und Sauerstoffgabe erforderlich macht. Dies kann die Impfung in den meisten Fällen wirkungsvoll verhindern. Wenn jemand aufgrund einer Infektion Fieber bekommt oder eine Woche das Bett hüten muss, so ist das natürlich ärgerlich und störend, entspricht aber keinem schweren Verlauf einer Covid-Erkrankung.

Ist eine Impfpflicht nötig?

Eine Impfpflicht ist eine politische Entscheidung. Die Politik muss entscheiden, ob diese notwendig ist. Aus virologischer Sicht ist es wichtig, die Immunitätslücken zu schließen, damit die Pandemie bald weniger dynamisch verläuft.

Welchen Pandemieverlauf erwarten Sie in Hessen in den nächsten Monaten?

Der weitere Verlauf ist von zwei wesentlichen Faktoren abhängig: von der dann zirkulierenden Virusvariante und dem Verhalten der Menschen, also zum Beispiel der Anzahl der Kontakte. Mit BA.2 haben wir eine derzeit sehr ansteckende Variante. Wenn also die Maskenpflicht und andere Maßnahmen weitestgehend aufgehoben würden, dann müsste man mit einem weiteren Anstieg der Infektionszahlen in den nächsten Wochen rechnen.

Die Virologen Drosten und Ciesek sorgten kürzlich mit einer Ankündigung für eine Überraschung. (Christiane Warnecke)

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