Chefarzt Andreas Böger (nicht im Bild) untersucht im Schmerzzentrum am Roten-Kreuz-Krankenhaus in Kassel Cluster-Kopfschmerzpatient Frank Ewald mit einer neurologischen Stimmgabel.
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Chefarzt Andreas Böger (nicht im Bild) untersucht im Schmerzzentrum am Roten-Kreuz-Krankenhaus in Kassel Cluster-Kopfschmerzpatient Frank Ewald mit einer neurologischen Stimmgabel.

Klinik in Kassel bekämpft Kopfschmerzen

Gegen den ewigen Schmerz

Mit einer Art Fernbedienung kann Frank Ewald seine extremen Kopfschmerzen quasi ausschalten. Die rund 10- bis 20-minütige Behandlung schmerzt, doch das ist nichts im Vergleich zu den Qualen, die die Fernbedienung verhindert. Er leidet an Cluster-Kopfschmerzen.

Von Timo Lindemann (dpa)

Fast täglich hält sich Frank Ewald seine Fernbedienung ans Gesicht, um einen Schmerz zu spüren. Das ist nicht angenehm, aber es bewahrt ihn vor weit heftigeren Schmerzen, die bereits manchen in den Selbstmord getrieben haben – Cluster-Kopfschmerzen.

„Ein richtiger Spuk. Migräne ist dagegen Pillepalle. Es ist so schlimm, dass viele Patienten die Hoffnung verlieren“, sagt Chefarzt Andreas Böger von der Klinik für Schmerzmedizin am Roten-Kreuz-Krankenhaus in Kassel. Deshalb werden sie auch Selbstmord-Kopfschmerzen genannt. „Man gewöhnt sich nicht daran, weil der Schmerz zu stark ist“, betont Böger, der auch Vorstandsmitglied im Berufsverband der Ärzte in der Schmerz- und Palliativmedizin (BVSD) ist.

Nächtliche Attacken

Mit einer Art Fernbedienung kann dieser heftige Schmerz ausgeschaltet und weitgehend zurückgedrängt werden – zumindest beim 49 Jahre alten Ewald. „Das Gerät verursacht Schmerz, aber lange nicht so heftig wie Cluster. Das Gerät ist immer dabei“, erzählt der Lohfeldener.

Wie äußert sich Cluster? Meist erwischen die Attacken die Patienten nachts im Schlaf. Es sind starke einseitig, stechende Kopfschmerzen. Zudem läuft die Nase, und die Patienten haben – im Gegensatz zu Migränegeplagten – eine Unruhe mit Wippen oder Krabbeln. Bislang gab es nur wenige Behandlungsmöglichkeiten für Cluster-Kopfschmerz. „Genau weiß man noch nicht, wie es passiert“, sagt Arzt Böger. In Kassel werden im Schmerzzentrum rund 250 Clusterpatienten behandelt; damit ist es die wohl größte Einrichtung in Deutschland.

Wie funktioniert die Behandlung? Zunächst wird über die Mundhöhle ein Chip an ein Nervenbündel am Oberkiefer implantiert. Über Induktion wird mit der Fernbedienung der Chip aktiviert. „Das Nervenbündel ist für die Schmerzweiterleitung verantwortlich. Dort kann man die Attacke unterbrechen und auch unterdrücken“, sagt Böger. Mit Einbau kostet die Sonde rund 35 000 Euro. Die Kosten werden von der Kasse übernommen, die Sonde kommt aber laut Böger nicht für jeden infrage.

Cluster ist nach derzeitigem Wissensstand nicht heilbar. Laut BVSD haben 0,1 Prozent der Menschen in Deutschland Cluster-Kopfschmerzen – und damit etwa so viele wie multiple Sklerose. „Es liegt mir am Herzen, Informationen über Cluster an die Bevölkerung zu bringen“, betont Böger. Demnach sind rund 6000 Menschen in Hessen von der Krankheit betroffen – „viele davon falsch diagnostiziert, weil es rund sieben Jahre dauert, bis die Krankheit korrekt diagnostiziert wird“, sagt Böger.

Mehr Lebensqualität

Frank Ewald hat die OP vor zwei Jahren gemacht. „Ich leide seit dem 18. Lebensjahr an Cluster. Die Diagnose kam erst zehn Jahre später“, erzählt er. „Cluster hat mein Leben gesteuert.“ Nun nutzt er das Gerät nach der Arbeit drei- bis viermal wöchentlich für je 10 bis 20 Minuten. „Nach der Implantation war ich 17 Monate beschwerdefrei. Das ist ein absoluter Gewinn an Lebensqualität. Wir haben mit der Familie Reisen gemacht, auch in die USA. Das war sonst nicht möglich.“

Insgesamt leiden rund 2,8 Millionen Bundesbürger unter schweren chronischen Schmerzen – laut Schmerzmedizinern werden die meisten davon nicht optimal versorgt. Nur etwa jeder achte Patient kann nach Angaben des BVSD von einem der 1102 ambulant tätigen Schmerzärzte, die auf die Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen spezialisiert sind, versorgt werden. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) weist die Vorwürfe zurück. Nicht nur spezielle Schmerzärzte seien geeignet, auch schwere Fälle zu behandeln.

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