Besucherzentrum am Niederwalddenkmal

Der Germania neues Reich

  • vonMichelle Spillner
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Das 2,5 Millionen Euro teure Besucherzentrum am Niederwalddenkmal in Rüdesheim kommt mit wenigen Quadratmetern aus, um die Geschichte des Unesco-Welterbes Mittelrheintal zu erzählen. Gestern wurde das Zentrum eröffnet.

Es ist ein Zufall, dass die vier Kasselaner ausgerechnet am Eröffnungstag des neuen Besucherzentrums das Niederwalddenkmal besuchen. Vom großen Aufmarsch der Prominenz, allen voran Wissenschafts- und Kulturminister Boris Rhein (CDU), haben sie sich ferngehalten. „Da war einer mit weißem Schal, das war vielleicht der Architekt“, mutmaßen sie. Jetzt sitzen sie auf einer Bank zu Füßen der Germania und lassen den Blick über das Mittelrheintal schweifen. „Ich wusste gar nicht, dass das ganze Tal Unesco-Welterbe ist“, sagt Wilfried Tampe zu seiner Frau Gudrun. „Willst du ein Ei? Ich schäl’ es dir auch“, fragt Anita Kothe ihren Mann Willi. Der schenkt den Silvaner im Becher nach, den sie in Rüdesheim gekauft haben.

Natur und Wein

Wieso sie nach Rüdesheim kommen, um das Niederwalddenkmal zu sehen, wo sie doch selbst den Herkules haben? „Das hier ist doch viel schöner“, urteilen sie gleichlautend. Und meinen damit den Rhein und das Tal, die Natur und den Rheingau und den Wein. Das Niederwalddenkmal, die 38 Meter hohe Gedenkstätte mit der bronzenen Germania-Statue, die die damals aus 25 Einzelstaaten gebildeten Nationen unter preußischer Führung verkörpert und zur Erinnerung an den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg 1871 errichtet wurde, ist eben auch da. Beeindruckend. Aber jetzt kehren die Kasselaner ihr den Rücken zu.

Auf halbem Weg zwischen dem Denkmal und der Seilbahnstation befindet sich das Besucherzentrum. „Das sieht aus wie unser Besucherzentrum am Herkules“, finden die vier. Auch diese eckige, kubische, fast bunkerhafte Bauweise. „Nur unseres ist aus Beton, und das hier ist aus Holz.“ Nein, der gleiche Architekt ist es nicht, auch wenn man das meinen könnte. In Kassel war es Volker Staab, in Rüdesheim das Büro Grabowski Spork. „Da hat es zum Teil aber auch ganz kontroverse Diskussionen geben, wie man so einen modernen Bau neben so etwas Historisches setzen kann“, erinnern sich die Gäste. Aber das Innenleben habe die Kasselaner dann überzeugt. „Das ist toll, was man da zum Herkules zu sehen bekommt – eine große Multivisionsschau“, schwärmen sie beeindruckt und auch ein bisschen stolz.

Das ist nun der Punkt, in dem sich das Besucherzentrum des Niederwalddenkmals von dem des Herkules unterscheidet. Der Ausstellungsbereich ist äußerst überschaubar. An zwei Wänden von insgesamt etwa 15 Meter Länge ist alles gesagt. Es gibt Informationstafeln, die aber zum Teil durch die minimalistische Leere des Designers glänzen wollen. Die sollen wohl nicht in Konkurrenz stehen zu dem Touch-Screen-Bildschirm, der die rund 30 Burgen und Sehenswürdigkeiten von der Festung Breitenstein bis zur Brömserburg entlang des Rheins aufzeichnet und der bei Berührungen Bilder und Informationen zu jeder einzelnen Burg gibt – eine schöne virtuelle Reise am Rhein entlang.

Es gibt geschichtliche Hintergründe. Zusatzinformationen kann man an Schubladen aus den dunkel vertäfelten Wänden ziehen. Tatsächlich ist damit das Wichtigste gesagt. Mehr Informationen und historische Fotografien gibt es auf dem knappen Dutzend Stellwände im Freien, die die Sanierung der Anlage allerdings noch ankündigen.

Kosten: 2,5 Millionen

Im Besucherzentrum zieren Panoramaaufnahmen aus dem Mittelrheintal die Innenseiten von großen Deckenleuchten, die sich den gesamten etwa 400 Quadratmeter großen Raum entlang ziehen. 80 Prozent des Raums sind nämlich für den Gastronomiebereich – gestern war aber geschlossen. Sonst soll aber von April bis Oktober täglich von 12 bis 20 Uhr geöffnet sein. Daneben gibt es im Außenbereich den Verkaufspavillon (10 bis 18 Uhr). Im Besucherzentrum gibt es natürlich auch öffentliche Toiletten, sehr schick in dunkler Ebenholzanmutung und hochmodern mit einem Waschbeckenbereich, den sich Damen und Herren teilen.

2,5 Millionen Euro hat das Besucherzentrum gekostet. Davon hat das Land 1,7 Millionen Euro finanziert, der Rest kommt aus dem Investitionsprogramm der Unesco-Welterbestätten. Insgesamt haben Bund und Land für die Sanierung des Niederwalddenkmals und sein Umfeld rund 12 Millionen Euro ausgegeben. Dafür wurde auch der Osteinsche Park hergerichtet. Die Statue wurde zum ersten Mal seit ihrer Errichtung generalüberholt; es hatte Schäden am Sockel und an den Figuren gegeben.

Der „wichtigste Ort deutscher Romantik“ findet auch Erwähnung in der App „Impuls Romantik“, die über Sehenswertes aus der Romantik in Hessen informiert, zweisprachig in Deutsch und Englisch. 1,8 Millionen Besucher kommen jedes Jahr zum Niederwalddenkmal – aus der ganzen Welt und eben auch aus Kassel.

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