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Flüchtlinge passieren die Pforte der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung am Meisenbornweg.

Nach 70 Jahren

Gießener Erstaufnahme-Einrichtung schließt ihre Pforten

Nach über 70 Jahren schließt Hessens Erstaufnahmeeinrichtung an ihrem historischen Standort in Gießen. Die Stadt bleibt zwar Anlaufstelle für Asylbewerber. Doch neue Krisen machen neue Konzepte nötig.

Der „Sehnsuchtsort“ Zehntausender Menschen liegt hinterm Bahnhof gleich links. Anfangs sind es Baracken, später nüchterne Wohnblöcke, die sie dort auf der Suche nach einem freien und sicheren Leben ansteuern. Nach mehr als 70 Jahren geschriebener deutscher Migrationsgeschichte schließt zum 30. September Hessens Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge an ihrem historischen Standort am Meisenbornweg in Gießen.

Etwa eine Million Menschen haben diese seit den Anfängen 1946 als „Hoffnungspunkt“ durchlaufen, wie der Gießener Regierungspräsident Christoph Ullrich (CDU) berichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Heimatvertriebene her, später DDR-Bürger und Anfang der 1990er-Jahre Bürgerkriegsflüchtlinge aus Jugoslawien.

Zuletzt war die Unterkunft in der Nähe des Gießener Bahnhofs ein Schauplatz der sich im Jahr 2015 zuspitzenden Flüchtlingskrise. „Das war die Zeit, in der der Meisenbornweg schlicht und ergreifend an allen Ecken voll war. Die Mitarbeiter haben rund um die Uhr gearbeitet, um die Menschen alle unterzubringen“, erzählt Ullrich, dessen Behörde für die Einrichtung zuständig ist.

Damals sei auch viel improvisiert worden: „Wir haben zum Beispiel einen Unterstand aus Bauzäunen, Paletten, Planen und Heizgebläsen gebaut, damit die Menschen, die nachts ankamen, im Warmen und Trockenen warten konnten. Das sah hässlich aus, hat aber innerhalb kürzester Zeit funktioniert.“ Er sei immer noch stolz darauf, was in Hessen geleistet wurde: „Keiner musste im Freien übernachten, wir haben für jeden irgendwie ein Bett im Trockenen und Warmen gefunden. Nicht alles lief perfekt. Aber unsere Leistung sollten wir uns davon nicht kleinreden lassen.“

Im Lauf ihrer Geschichte erhielt die Gießener Einrichtung neue Namen und Aufgaben, denn der Kreis der Schutzsuchenden veränderte sich mit den Krisen der Welt. So wurde aus der Barackenunterkunft im Jahr 1947 das Regierungsdurchgangslager des Landes Hessen und 1949 das Zonendurchgangslager der US-Zone. Später war die Einrichtung als Notaufnahmelager bekannt, dann als Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen. Damit war Gießen bundesweit und jahrelang zuständig für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR.

Als Tausende DDR-Bürger im Wendejahr ’89 hier ankamen, erlangte die Stadt weltweite Bekanntheit. „Rammelvoll“ sei es gewesen, erinnerte sich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls eine ehemalige Bewohnerin. Konflikte habe es in dem Lager trotz der Enge nicht gegeben: „Es war alles ein großes Miteinander.“

Gießen war für DDR-Bürger schon „so etwas wie ein Sehnsuchtsort“, sagt die Historikerin Jeannette van Laak. „Und es war ein geflügeltes Wort, es gab DDR-Witze über Gießen, die sich dann immer gegen die Staatsführung richteten.“ Van Laak hat zur Geschichte der Einrichtung geforscht und Zeitzeugen zu ihren Erinnerungen im Notaufnahmelager befragt. „Verblüffend war, dass in den Interviews die Erzählung über die Entscheidung wegzugehen einen viel größeren Rahmen eingenommen hat als die Zeit in Gießen oder im Lager. In der Erinnerung spielt das Lager selbst allerdings keine so große Rolle. Wichtiger für die, die weggingen, war, dass sie gehen konnten und dass sie Bindungen auflösen und sich verabschieden mussten.“

Die Menschen blieben am Meisenbornweg meist nur wenige Tage, manchmal mehrere Wochen. Sie alle haben hier Spuren hinterlassen: Im Keller der Einrichtung werden meterweise Akten der Ankommenden verwahrt -– ein

Archiv der Hoffnungen

Zehntausender Menschen aus aller Welt.

Wenn jetzt die Unterkunft schließt, die sich seit 1993 hessenweit um Asylsuchende kümmerte, ist schon „ein bisschen Wehmut“ dabei, sagt Standortleiter Michael Höhl. Die Landesmitarbeiter der Einrichtung bleiben aber im Dienst. Denn Gießens Geschichte als erste Anlaufstelle für Flüchtlinge geht weiter – allerdings rund fünf Kilometer entfernt an der Rödgener Straße.

Dort, am anderen Ende der Stadt, gibt es seit 2012 eine weitere und größere Erstaufnahme-Unterkunft. Dazu gehört auch das sogenannte Ankunftszentrum, das Hessen als Reaktion auf die Flüchtlingskrise eingerichtet hat. Gebündelt an einem Ort werden dort seit 2016 alle Schritte für die Erstaufnahme abgewickelt, inklusive Gesundheitscheck und Kontaktmöglichkeiten zur Arbeitsagentur.

„Letztlich haben wir den Standort im Meisenbornweg nur verlagert in eine andere Art der Steuerung und Dimension in das Ankunftszentrum“, erläutert Stefan Sydow, der Leiter der Abteilungen Asyl und Integration beim hessischen Sozialministerium. „Das ist der maßgebliche Grund, warum wir sagen: Der Meisenbornweg ist nicht mehr notwendig.“

Den alten Standort will künftig das Regierungspräsidium nutzen. Es soll Ansprechpartner vor Ort geben, die weiterhin anklopfende Flüchtlinge ans Ankunftszentrum weiterleiten. Der Meisenbornweg sei international ein Begriff unter Asylsuchenden, sagt Sydow. Er sei sich aber ziemlich sicher, dass sich das ändern werde: „Dann wird die Rödgener Straße bekannt sein – und der Meisenbornweg geht wirklich in die Geschichte ein.“

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