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Passanten stehen auf dem Platz der Deutschen Einheit vor einer goldenen Erdogan-Statue.

Biennale

Goldener Erdogan irritiert Wiesbaden

Der türkische Präsident Erdogan ist eine Reizfigur. Künstler machen sich dies für eine provokante Aktion zunutze. Sie stellen in Hessens Landeshauptstadt eine vier Meter hohe Statue von Erdogan auf – und lösen damit Diskussionen aus.

Golden, vier Meter groß und mit ausgestreckter rechter Hand haben die Künstler des Festivals Biennale die Statue des umstrittenen türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Wiesbaden platziert. Bereits wenige Stunden nach der kalkulierten Provokation brodelt es auf dem belebten Platz in der Innenstadt. Als sich der Wiesbadener Theaterintendant Uwe Eric Laufenberg am Dienstag unter die Leute mischt und seine Aktion verteidigt, droht die Stimmung fast zu kippen.

Wild reden gerade junge und alte Türken auf den Künstler ein, werfen ihm eine bewusste Provokation und das Schüren von Konflikten vor. „Das ist Meinungsfreiheit. Dass Sie das alles mir und öffentlich sagen können, das ist Demokratie“, ruft Laufenberg der aufgeregten Menge entgegen und stellt sich fast eine Stunde den hitzigen Wortgefechten.

Die Aktion ist ein Teil des Kunst- und Theaterfestivals Biennale in Hessens Landeshauptstadt, das unter dem Motto „Bad News“ („Schlechte Nachrichten“) läuft. Dass Erdogan in einem Monat Deutschland besucht, ist dabei sicher kein Zufall. „Wir haben die Statue aufgestellt, um über Erdogan zu diskutieren“, erklärt Laufenberg. „Das geht überall. Die Kunst ist dazu da zu zeigen, wie es ist.“ Das sei nicht immer leicht zu verstehen. „Aber in einer Demokratie muss man alle Meinungen aushalten.“

Dass die Leute auf dem Platz der Deutschen Einheit in Wiesbaden, wo die Statue am Montagabend hingestellt wurde, emotional über die Aktion reden, ist keine Frage. In der Nacht hat es auch bereits Schmierereien mit provokanten Aufschriften gegeben. Schnell drehen sich die hitzigen Wortgefechte um die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die AfD und die Sorge vor Ausschreitungen wegen des Standbilds.

„Wenn hier Blut fließt, sind Sie Schuld daran“, schleudert ein aufgebrachter Mann den Kuratoren der Biennale, Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, entgegen. Beide Künstler sind nach der Aufregung über die Aktion am Dienstag auch in die Wiesbadener Innenstadt gekommen und zeigen sich sichtlich bewegt über die teils aggressive Stimmung vor Ort. „Gerade in Zeiten wie diesen sind jedoch für eine offene und starke Zivilgesellschaft solche kontroversen Diskussionen unerlässlich und absolut wichtig“, verteidigt Ludewig die Idee.

Ob die Kunstinstallation ein politisches Nachspiel haben wird, ist derzeit noch nicht absehbar. Dass der türkische Präsident aber äußerst kritisch auf Provokationen reagiert, zeigte sich bereits beim „Schmähgedicht“ des TV-Moderators Jan Böhmermann. Ein langer Rechtsstreit folgte, ein großer Teil das Gedichts über Erdogan wurde nach einer Klage wegen einer schweren Herabsetzung seiner Person verboten.

Hessens Europaministerin Lucia Puttrich (CDU) reagierte daher bereits – und das sichtlich angefressen: „Staatspräsident Erdogan schafft gerade Demokratie und Menschenrechte in der Türkei ab. Zigtausende sitzen ohne Prozess in türkischen Gefängnissen. Dieser Mann gehört nicht auf einen Sockel – und schon gar nicht in Gold.“ Die Gesellschaft für bedrohte Völker forderte einen Abbruch der Aktion, weil sie die Gefühle der Opfer Erdogans verletze.

Kritiker machen Erdogan für Menschenrechtsverletzungen in der Türkei mit verantwortlich und werfen ihm vor, ein autoritäres Herrschaftssystem installiert zu haben.

Bis zum Staatsbesuch Erdogans am 28. und 29. September wird die Gips-Statue eines Schweizer Künstlers sicherlich nicht in Wiesbaden stehen. Die Genehmigung für das Aufstellen der Kunstinstallation gelte zwar für drei Monate, versichert Theaterintendant Laufenberg. Es wird aber damit gerechnet, dass der goldene Erdogan zum Ende des Kunst- und Theaterfestivals an diesem Sonntag wieder verschwunden ist.

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