Leichenfund in Schwalbach schockt

Grausige Verbrechen

Der Mord an Tristan Brübach in Höchst und der Fund einer zerstückelten Leiche in Schwalbach waren Ereignisse, die die Region schockierten. Nun glaubt die Polizei, dass dahinter derselbe Täter stecken könnte.

Von HOLGER VONHOF UND DIRK MÜLLER-KÄSTNER

Noch heute erschaudern viele, die über den weitläufigen Friedhof in Frankfurt-Höchst gehen und am Grab von Tristan Brübach vorbeikommen. Der Mord ist im kollektiven Gedächtnis des Stadtteils, die Menschen zeigen sich bis heute erschüttert. Als gestern die ersten Mutmaßungen zur Entwicklung des Falls in den sozialen Medien auftauchten, war die Resonanz besonders im Frankfurter Westen groß.

„Vor diesem Mord hatte ich immer gedacht, solche schrecklichen Dinge würden nur in amerikanischen Profiler-Krimis vorkommen. Da wir damals in Höchst wohnten, musste auch ich ins Polizeipräsidium und meine Fingerabdrücke abgeben“, schreibt ein Mann in einer Diskussion auf Facebook.

Alle über 18-Jährigen, die damals in Höchst und Unterliederbach wohnten, wurden aufgefordert, in der seinerzeit größten Reihenuntersuchung ihre Fingerabdrücke abzugeben. Gebracht hat es nichts. Immer wieder war der Fall in den Schlagzeilen und der Fernseh-Berichterstattung. Zuletzt gab 15 Jahre nach der Tat ein bayerischer Profiler seine Expertise zum Besten.

Geblieben ist die Ungewissheit. War es ein Täter, der aus dem direkten Umfeld stammte, wie es die Polizei angesichts der Kenntnisse über den versteckten Bach-Tunnel, in dem die Leiche Tristans gefunden worden war, angenommen hatte? Oder war es ein Täter, der sein Opfer zufällig getroffen hatte und längst in einer anderen Ecke der Welt war, wie man es vermutet hatte, als Tristans Rucksack fast genau ein Jahr später, am 25. März 1999, mit einer Deutschlandkarte in tschechischer Sprache im Wald in der Nähe von Niedernhausen gefunden wurde? Ein Mensch, der im Jugoslawien-Krieg oder in Afghanistan verroht war, ein irrer Metzger, ein durchgeknallter Junkie? Alles Thesen, die im Laufe der Jahre an die Öffentlichkeit drangen.

Gefunden worden war der geschändete Leichnam des 13-Jährigen am 26. März 1998 in einem mannshohen Rohr, in dem der Liederbach die Gleisanlage des Höchster Bahnhofs unterquert. Es war der letzte Schultag vor den Osterferien. Der Tunnel war seit Jahrzehnten die abenteuerliche Abkürzung für Kinder, die aus den Stadtteilen am Höchster Bahnhof eintrafen und etwa zum Gymnasium auf der Nordseite des Bahnhofs mussten.

Der Täter hatte den Jungen, der die Meisterschule in Frankfurt-Sindlingen besuchte und von seinem Vater aufgezogen wurde, auf bestialische Art umgebracht: Er durchschnitt dem Jungen die Kehle, entnahm dem Leichnam die Hoden und einen Teil des Muskelfleischs am Gesäß und einem Oberschenkel, ließ die Leiche im Bach ausbluten – nur wenige Meter von einem Spazierweg entfernt. Der Einlass in den Tunnel ist längst mit einem schweren Stahlgitter versperrt.

Ein Jahr nach der Bluttat, am 8. Oktober 1999, der zweite Schock: Das Grab Tristan Brübachs auf dem Höchster Friedhof war geschändet worden; jemand hatte versucht, es aufzugraben, war rund 1,20 Meter in die Tiefe vorgedrungen, aber nicht auf den Sarg gestoßen. Tristans Großmutter fand das halb geöffnete Grab ihres ermordeten Enkels. Was damals auf dem Friedhof geschah, wurde ebenfalls nie geklärt. So wie der Mord selbst.

Tristans Vater Bernd Brübach, inzwischen verstorben, trat zwischenzeitlich in der RTL-Sendung „Explosiv“ auf, um Zeugen zu finden – ohne Erfolg. Dass der Vater des Ermordeten öffentlich im Fernsehen auftrat, war als „direkte Ansprache“ Teil einer Methode, die erstmals bei einer Fahndung angewendet wurde. Die Polizei musste damals ihr Bild über Tristan, der zuerst als Problemkind dargestellt worden war, das nach dem Tod seiner Mutter Iris den Halt verloren hatte, revidieren: Tristans Entwicklung war altersgerecht, er war kein böser Bube, der sich mit Drogensüchtigen herumtrieb. Er war ein Kind, das – wie viele andere – spannende Ecken wie den Liederbach-Tunnel liebte. Und dort starb.

Weniger Mitgefühl rief die Entdeckung hervor, die im September 2014 in einer Garage an einer kleinen Schwalbacher Nebenstraße gemacht wurde. Grausig war aber auch sie. Beim Aufräumen der Garage, die der zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbene, mutmaßliche Serienmörder angemietet hatte, fand der Lebensgefährte der Tochter des Mieters in einer mit einem Spannring verschlossenen Plastiktonne Leichenteile. Die von ihm verständigte Polizei öffnete wenig später eine weitere Tonne, in der ein Torso und ein Kopf lagen.

Zunächst war unklar, ob alle Leichenteile zu einer Person gehören, aber rasch wussten die Ermittler, dass es sich um „nur“ ein Opfer handelte: um eine Frau mittleren Alters. Wenige Tage später war sie durch Rekonstruktion der Fingerabdrücke identifiziert. Das Opfer war eine 1960 geboren Prostituierte aus Frankfurt. Sie habe sich wohl im Obdachlosenmilieu im Frankfurter Westen aufgehalten, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Ihr Aufenthaltsort sei zuletzt unbekannt gewesen. Es habe sie niemand als vermisst gemeldet. Dass die Gerichtsmediziner bei ihrer Sisyphusarbeit die Fingerabdrücke rekonstruieren konnten, habe der Polizei eine Menge Arbeit erspart, da man dann nicht mehr die Liste der vermissten Personen der vergangenen Jahre durchackern musste.

Parallel zur Arbeit der Gerichtsmediziner im Labor ermittelte die Polizei in Schwalbach in alle Richtungen. Viele Anwohner wurden befragt, und auch dem Obstbauer gegenüber der Garage statteten die Ermittler einen Besuch ab. In seinem Hof standen zahlreiche verschlossene Fässer – ebensolche, wie die, in denen die verwesenden Leichenteile entdeckt worden waren. Der Obstbauer musste alle Fässer öffnen, mehr als Maische war aber nicht darin.

Da der linke Arm der zerstückelten Leiche fehlte, suchte die Polizei nach diesem zunächst an der Hofheimer Straße in Schwalbach, im Wohnhaus des Garagenmieters. Auch ein Leichenspürhund wurde dort eingesetzt. „Die drehen jede Tapete um“, sagte eine Nachbarin, zur Arbeit der Polizei und des Landeskriminalamts (LKA). Ins Haus kamen aber nur die Ermittler. Gefunden wurde der Arm nicht. Im November gruben die Ermittler auf der Suche nach dem Arm dann ein 600 Quadratmeter großes Gartengrundstück in der Nähe des Falkensteiner Stock bei Kronberg um. Dort kam schweres Gerät zum Einsatz und auch dort schnüffelte ein Leichenspürhund – erfolglos.

In der Folgezeit war von den Ermittlungsarbeiten der Polizei und der Staatsanwaltschaft wenig zu hören. Im Frühjahr 2016 wurde das Wohnhaus des Mannes, der wohl – aufgrund der Ermittlungen im Rhein-Main-Gebiet, aber auch in Nordrhein-Westfalen und in Bremen – immer stärker verdächtigt wurde, erneut durchsucht. „Es wird insbesondere geprüft, ob es Parallelen zu anderen, nicht aufgeklärten Tötungsdelikten gibt“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. Das LKA prüfe, ob der im Schwalbacher Fall als mutmaßlicher Tatverdächtige identifizierte Mann, der bereits im Jahr 2014 verstorben ist, auch für andere Taten verantwortlich ist.“ Dieser Verdacht hat sich nun offenbar erhärtet.

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