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Der 42-jährige Angeklagte (r) wird zur Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Gießen geführt. Der Mann soll im Jahr 1999 die damals acht Jahre alte Johanna Bohnacker in sein Auto gezerrt, missbraucht und getötet haben. Foto: dpa

Prozess

Gutachter: Mutmaßliche Mörder der kleinen Johanna voll verantwortlich

War der mutmaßliche Mörder der kleinen Johanna am Tattag voll handlungsfähig? Oder war er im Drogenrausch? Ein Experte hat darauf eine eindeutige Antwort.

Drogen, Spaß, Sex und irgendwann die fatale Begegnung mit der kleinen Johanna: Im Mordprozess um den 19 Jahre zurückliegenden Tod des Mädchens hat ein Gutachter das Leben und die Persönlichkeit des Angeklagten unter die Lupe genommen. Der Experte kommt nach mehreren Gesprächen mit dem 42-Jährigen zu dem Schluss, dass dieser am Tattag schuldfähig war – trotz Drogencocktail und auffälligem Sexualverhalten. „Er ist als strafrechtlich voll verantwortlich anzusehen“, erklärte der psychiatrische Sachverständige gestern beim Landgericht Gießen.

Seit einem halben Jahr läuft der Prozess gegen den Angeklagten aus Friedrichsdorf, der im September 1999 die damals acht Jahre alte Johanna aus Ranstadt in der Wetterau in sein Auto gezerrt, sexuell missbraucht und ermordet haben soll. Zu Beginn des Prozesses räumte er die Entführung des Kindes ein – einen Mord bestritt er allerdings Johannas Tod sei eine Art Unfall gewesen, erklärte der Angeklagte. Der Mann, der zum Zeitpunkt der Tat Anfang 20 war, will sich auch nicht an dem Mädchen vergangen haben. Das Kind sei ihm letztlich viel zu jung gewesen.

Der Gutachter beschreibt den 42-Jährigen als einen Mann mit einer „ausgeprägten sexuellen Abnormität“. Darauf habe es schon früh im Leben des Angeklagten Hinweise gegeben. Etwa eine sexualisierte Sprache schon als Zehnjähriger oder der Übergriff auf eine Achtjährige. Da war der Friedrichsdorfer gerade 17 Jahre alt gewesen. Hinzu kämen beispielsweise auffällige Fesselpraktiken.

Der Sachverständige bescheinigt dem Angeklagten eine sexuelle Orientierung, die sich auf Mädchen vor sowie in der Pubertät beziehe - aber nicht nur. Er könne seine Sexualität auch mit Erwachsenen ausleben. Der Angeklagte sei im Unterschied damit also in der Lage, seine Vorlieben zu steuern und zu kontrollieren.

Zur Tatzeit hatte der Angeklagte nach eigenen Angaben viele und diverse Rauschmittel konsumiert. Der Gutachter sieht eber lediglich einen Drogenmissbrauch, keine Abhängigkeit. Der Angeklagte habe Drogen genommen, um Spaß zu haben und einen „hedonistischen Lebensstil“ auszuleben. Auch am Tattag will der 42-Jährige Drogen genommen haben. Doch der Experte geht nicht davon aus, dass das Rauschgift die Steuerungsfähigkeit erheblich beeinflusste. Dafür gebe es keine Hinweise.

Zu Beginn des Prozesses hatte der Angeklagte ausgesagt, mit seinem Auto durch die Gegend gefahren zu sein. Spätestens unterwegs sei ihm die Idee eines Übergriffs gekommen. Dann habe er Johanna gesehen und sei wegen der Drogen plötzlich stark erregt gewesen. Er habe das Mädchen „haben“ wollen.

Für die Erstellung des Gutachtens sprach der Sachverständige nach eigenen Angaben elf Mal mit dem Angeklagten. Er habe den 42-Jährigen meist erzählen lassen und selbst nur wenig gesagt. So ergab sich für den Gutachter das Bild von einem Mann mit narzisstischen und hedonistischen „Aspekten“, der Party machen und es sich habe gut gehen lassen wollen. Der Angeklagte zeige zudem ein „gewisses Dominanzstreben“ und „Empathiemangel“. Das alles sei nichts Krankhaftes, falle jedoch auf.

Die Prozessbeteiligten hören den Ausführungen des Experten aufmerksam zu, fragen auch nach – und horchen an manchen Stellen auf. Denn der Angeklagte soll bei seinen Gesprächen mit dem Sachverständigen gemutmaßt haben, dass nur die Art und Weise, wie er Johanna geknebelt hatte, zu ihrem Tod geführt haben könnte. Das hatte der heute 42-Jährige in seiner Aussage vor Gericht nicht so konkret gesagt. Der Prozess wird nun fortgesetzt.

(dpa)

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