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Schulserie

Gymnasiastin Fiona: ?Manchmal könnte ich nur noch kotzen??

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Fiona geht aufs Gymnasium. Um mitzukommen, muss sie mehr büffeln als andere. Sie würde gerne eine Ausbildung machen, aber ihre Eltern haben höhere Pläne. So wie Fiona leiden immer mehr Schüler unter Stress. Druck von zu Hause ist nur ein Grund dafür?

Wenn ihr alles zu viel wird, schmeißt sie Sachen. Sagt ihre Mutter. Fiona findet das übertrieben ausgedrückt. „Ich fege paar Hefte vom Schreibtisch“, sagt sie, „vor allem dann, wenn da ein Berg Hefte liegt.“  Ihr Nachhilfelehrer hat ihr neulich einen Tipp gegeben. An den Tagen, wenn sie noch für eine Klassenarbeit lernen, ein Referat vorbereiten und für drei Fächer Hausaufgaben machen muss, soll sie jeweils nur das Material für den gerade zu bearbeitenden Stoff neben den Computer legen. „Das nimmt Druck“, hat der Nachhilfelehrer gesagt.

Druck. Den spürt Fiona ständig, davon spricht sie ständig, vor wichtigen Arbeiten schläft sie schlecht. Ihrer Mutter ist das Gespräch darüber sichtlich unangenehm. „Es ist ja nicht so, dass mein Mann und ich maßlos enttäuscht wären, wenn Fiona mal sitzenbleiben würde.“ Fiona hebt die Augenbrauen. „Wirklich?“, fragt sie.

Fiona geht aufs Gymnasium. Sie war nie richtig gut in der Schule, ihr fliegt nichts zu, weswegen die Grundschullehrerin nach der 4. Klasse empfahl, sie erst einmal auf eine Realschule oder eine Gesamtschule zu schicken. Fiona hätte das gut gefunden. Sie wäre heute, 15 Jahre alt, 9. Klasse, heilfroh, wenn sie nächstes Jahr abgehen könnte. Eine gute Ausbildung würde ihr reichen, Erzieherin, Altenpflegerin, so was in der Art, „warum also Abitur?“  „Weil du damit studieren kannst und mehr Optionen hast und dann finanziell auf eigenen Füßen stehst“, sagt Fionas Mutter.

Sie ist Juristin und arbeitet halbtags. „Ich arbeite mehr als du“, sagt Fiona. Schule, Büffeln, Nachhilfe: An manchen Tagen sitzt Fiona bis abends am Schreibtisch. Sie spielt gerne Hockey und ist in einer Tanz-Company. Hockey hat sie vor einem Jahr aufgegeben. „Leider“, sagt sie. Ihre Mutter sagt: „Man muss Prioritäten setzen und auch mal Widerstände überwinden. Das macht selbstständig.“ 

Manchmal, wenn Fiona „nur noch kotzen könnte“, sagt sie: „Ich bin halt doof.“ Ihre Mutter hält das für eine Ausrede für alles. „Du bist bequem und unkonzentriert“, sagt sie. Ständig piepe das Smartphone, jede Whatsapp-Nachricht sei wichtiger als die Schulaufgaben. Da grinst Fiona und sagt: „3,2 Notendurchschnitt im Halbjahreszeugnis. Es gibt Schlimmeres.“ Ihre Mutter lacht: „Es gibt immer Schlimmeres.“ Und wenn der Schnitt trotz aller Bemühungen schlechter wird? „Keine Ahnung, was dann los wäre oder wie’s mir dann gehen würde“, sagt Fiona. Ihre Mutter sagt: „Wenn es Fiona wirklich schlecht gehen würde, Bauchschmerzen und so, müssten wir vielleicht neu überlegen…“  Fiona sagt: „Na toll, dass ich jetzt schon ständig Stress habe und nervös bin, macht wohl gar nichts…“

  1. Anspruchsdenken der Eltern gilt als häufiger Stressfaktor – auf allen Leistungsebenen. Die Botschaft ans Kind: Wenn du unsere Erwartungen nicht erfüllst, sind wir enttäuscht. Das baut Druck auf, das Hirn blockiert, Versagensängste nehmen zu, die Leistungen nehmen ab, die Ängste werden noch stärker. „Stressspirale“, nennen das Schulpsychologen. Besonders dramatisch ist das, wenn ein Kind tatsächlich intellektuell überfordert ist. Deshalb ist wichtig, das Potenzial eines Kindes richtig einzuschätzen. Das Kind zu fordern, ist dann auch gut. Setzt aber eines voraus: Man muss es fördern. Heißt: Man muss es kontinuierlich unterstützen und sich mit ihm beschäftigen.     
  1. Intellektuelle Überforderung kann – gerade weil Eltern es nicht wahrhaben wollen - ein wesentlicher Grund für Stress sein. Eltern, die ihr Kind aufs Gymnasium schicken, obwohl die Grundschullehrer davon abraten, mögen das Beste wollen für ihr Kind. Einen Gefallen tun sie ihm nicht. Besonders für Spätentwickler oder Spätstarter wäre die Realschule oder Gesamtschule besser. Erfolgserlebnisse motivieren, Schule macht dann Spaß, der Weg aufs Gymnasium ist  jederzeit möglich. Dauerfrust  in der 5. Klasse des Gymnasiums hingegen raubt jedem Kind den Nerv – vor allem, wenn die anderen alle bessere Noten haben. Somatische Störungen bis hin zu Depressionen erleben Schulpsychologen oft. Allerdings gehen auch sie wie Bildungsforscher davon aus, dass nur selten der Lernstoff für ein Kind tatsächlich zu schwierig und umfangreich ist, die Eltern also tatsächlich mit ihrer Einschätzung  völlig daneben liegen. Die Noten geben ihnen Recht: Denn auch nach Einführung der Wahlfreiheit hat sich der Notendurchschnitt auf weiterführenden Schulen nur unwesentlich verschlechtert.
  1. Abgesehen davon, dass Bildungsforscher hierfür das insgesamt gesunkene Niveau als Grund anführen, kommen viele Kinder nur dank intensivster Nachhilfe einigermaßen mit. Der Zeitaufwand ist immens, die Regenerationszeit wird immer kürzer, Erschöpfung ist die Folge. 
  1. Geringe Lernkompetenz: Viele chronisch überforderte Schüler verzettelten sich allzu oft, weil sie nie gelernt hätten, selbstständig und strukturiert zu lernen, sagen Experten. Die Frage nach den Gründen dafür sorgt für einen klassischen Eltern-Schule-Konflikt. Die Eltern müssten schon ihre Grundschulkinder stark unterstützten, sagen Schulen: Blätter ordentlich abheften, Ordner sortieren, Hausaufgabenpläne strukturiert führen und abarbeiten, Zeitpläne aufstellen. So was müsste die Schule viel stärker vermitteln, sagen hingegen Eltern – und bekommen Rückenwind von vielen Pädagogen. Schließlich sind die meisten Eltern bis in den Abend berufstätig. 
  1. Soziale Medien: Die Schule ist aus, die Eltern nicht zu Hause, im Smartphone blinken pausenlos Kurznachrichten auf, und auf dem Tablett rauscht ein Youtube-Video nach dem nächsten durch. Schulaufgaben, die konzentriert in anderthalb Stunden zu erledigen wären, ziehen sich endlos hin – und bleiben doch unerledigt. „Die Jugendlichen kommen nicht in einen Lernflow“, sagen Schulpsychologen und raten Eltern, den Medienkonsum konsequent und kontinuierlich zu begrenzen. Die sich daraus ergebenden Dauerkonflikte müssten Eltern aushalten. Es gibt nur ein Problem: Nicht auf dem Laufenden zu sein, also von der Whatsapp-Gruppe stundenlang abgeschnitten zu werden, sorgt bei Jugendlichen erst recht für Stress. Besonders in der Pubertät.
  1. Pubertät: Und plötzlich ist alles andere wichtiger als Schule. Und wer das anders sieht, ist blöd. 7. Bis 9. Klassen gelten nicht von ungefähr als die schwierigsten. Gerade in dieser Phase bewährt es sich besonders, wenn die Jungen und Mädchen frühzeitig gelernt haben, zu lernen. Dieses elementare Rüstzeug hilft über manche Durststrecke hinweg. Experten empfehlen Schulen, in der Pubertät gezielt das Gruppenlernen zu fördern – und in Feedbackrunden zu besprechen, was gut läuft, was weniger.
  1. Zu wenig Hilfe: Die Schulen hören es nicht gerne, die Schulämter hören es nicht gerne, die Kultusministerien schon gar nicht: Es gibt zu wenig Schulpsychologen, Sozialarbeiter, Mediatoren und zu wenig für problematische Fälle ausgebildete beziehungsweise fortgebildete Lehrer. „Gravierende Stresssymptome werden oft zu spät erkannt – gerade auch bei Leistungsträgern“, monieren Kinder- und Jugendpsychiater. Und das ist nur ein Versäumnis. Eine eindrucksvolle Zahl für Frankfurt:  Eine Schulpsychologin kümmert sich hier um 18 Schulen. 

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