1. Startseite
  2. Hessen

Wie hart schlug Sanel M. zu?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Olaf Kern

Kommentare

Eine junge Frau erinnert mit Fotos an das Opfer Tugce A. vor dem Offenbacher Klinikum im November 2014.
Eine junge Frau erinnert mit Fotos an das Opfer Tugce A. vor dem Offenbacher Klinikum im November 2014. © Boris Roessler (dpa)

Wie hart schlug Sanel M. zu? Ein Arzt wurde im Prozess zum Tod der jungen Studentin Tugce A. gehört. Fest steht: Nicht die Ohrfeige führte zum Tod. Sondern die Folgen des harten Aufschlags auf den Boden. Ein Urteil in dem Fall könnte bald folgen.

Nach Angaben des Rechtsmediziners ist Tugce A. in Folge einer Hirnblutung gestorben, verursacht durch den harten Aufschlag ihres Kopfes auf den Boden. Am Mittwoch, dem achten von zehn Verhandlungstagen, lieferte der Gutachter damit wichtige Erkenntnisse zu den tödlichen Verletzungen der 22-jährigen Studentin. Der angeklagte Sanel M. hatte der jungen Frau im November 2014 vor einem Schnellrestaurant in Offenbach eine Ohrfeige gegeben, so dass sie stürzte. Vielfach war in den vergangenen Monaten spekuliert worden, wie hart die Ohrfeige gewesen sein könnte und ob sie etwa unmittelbar die tödlichen Verletzungen hatte auslösen können.

Zuvor war der Befangenheitsantrag der Verteidiger des Angeklagten Sanel M. abgewiesen worden. Die Unparteilichkeit des Vorsitzenden Richters Jens Aßling stehe nicht infrage, hieß es.

Ein kurzer Blackout

Zur Härte des Schlages wollte sich Marcel Verhoff, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni-Klinik Frankfurt, nicht festlegen. Grundsätzlich sei es jedoch möglich, dass auch bereits eine leichte Ohrfeige einen „Blackout“, eine kurze Bewusstlosigkeit des Opfers verursacht haben könnte. Mehrere Zeugen hatten im Prozess ausgesagt, dass Tugce „wie ein Brett“ umgefallen sei. Jedoch ließ sich die Gewalt gegen die rechte Kopfseite, gegen die Sanel M. geschlagen haben soll, nicht nachweisen. „Die stärkste Gewalt hat gegen die linke Kopfseite gewirkt“, stellte Verhoff fest – die Seite, auf die Tugce wahrscheinlich stürzte.

Der Gutachter schloss jedoch aus, dass ein besonders dünner Schädelknochen an der Stelle, wo sie getroffen wurde, zum Sturz durch einen schon leichten Schlag geführte habe. Entsprechende Mutmaßungen hatte es in der Vergangenheit ebenfalls immer wieder gegeben. Im Falle von Tugce sei der Schädelknochen zwar sehr dünn, aber nicht im unüblichen Maße. Bei dem Aufprall hatte sich die 22-Jährige auch eine Schädelfraktur zugezogen. Diese könne anhand des Bruchbildes jedoch nicht durch den Aufprall entstanden sein. Vielmehr könne es sein, dass es einen Gegenstand zwischen Schädel und Asphalt gegeben hat.

Noch Zeit verloren?

Die rechte Seite wies eine „Impressionsfraktur“ auf, eine fensterartige Eindrückung des Schädels, wie sie für eine Verletzung durch einen Gegenstand mit kleiner Auftrefffläche typisch ist. Ein Ohrring käme dafür infrage. Dieser hatte bei der Einlieferung ins Krankenhaus gefehlt und konnte auch nicht mehr am Tatort aufgefunden werden. Letztlich seien jedoch nicht der Schädelbruch für den Tod verantwortlich, führte der Mediziner aus, sondern die komplexen Schädigungen am Hirn. Auch eine rasche Operation hätte die 22-Jährige nicht retten können.

Ein Hämatom auf der rechten Seite, dass der damalige leitende Anästhesist am Offenbacher Klinikum ertastet haben will, wollte der Gutachter nicht bestätigen. Der ehemalige Anästhesist des Klinikums selbst erhob am Mittwoch noch einmal vor Gericht Vorwürfe gegen den Notarzt, der in jener Nacht Tugce auf dem Parkplatz des Offenbacher Schnellrestaurants versorgt hatte. Die junge Frau sei auf dem Weg ins Klinikum nicht künstlich beatmet worden. Im Krankenhaus habe sie sich übergeben, wobei Erbrochenes in ihre Lunge gelangt sei.

Der Anästhesist, der auch Leitender Notarzt der Stadt Offenbach ist, schloss nicht aus, dass das den Verlauf beeinflusst haben könnte. „Wir haben im OP viel Zeit verloren, um die Lunge sauber zu bekommen“, sagte er. „Eine frühere Intubation oder schnellere Operation hätten nicht geholfen, Tugces Leben zu retten“, betonte dagegen der Frankfurter Gutachter Marcel Verhoff.

Die Kammer des Landgerichts Darmstadt verlas in der Verhandlung auch zurückliegend Urteile aus den vergangenen Jahren gegen den Angeklagten Sanel M. Unter anderem hatte er als 16-Jähriger einem Viertklässler ein erhitztes Feuerzeug in den Nacken gedrückt. Ein anderes Mal brach er mit Freunden einen Kiosk auf. Ein weiteres Mal nahmen die Jugendlichen anderen Handys ab.

Mehrfach verwarnt

Sanel M. erhielt dafür mehrfach Verwarnungen, Jugendarrest und soziale Arbeitsstunden. Ein Mitarbeiter des Jugendamtes Offenbach berichtete von den Schwierigkeiten des Beschuldigten mit seinen Eltern. Sanel M. sei vom Vater geschlagen worden. Die Eltern hätten sich beim Jugendamt Rat geholt, weil der Sohn Probleme gemacht habe. Lehrern gegenüber sei er respektlos gewesen. Der junge Serbe beendete die Hauptschule mit Abschluss. Der Mitarbeiter des Jugendamts riet zu einer Therapie. Sanel könne Folgen von Gewalt nicht richtig einzuschätzen: „Ich denke, dass er die Opfer-Perspektive nicht besonders gut einnehmen kann.“ Überraschenderweise wollte er jedoch keine Einschätzung abgeben, ob Sanel M. in seiner Entwicklung eher als Erwachsener oder als Jugendlicher zu sehen sei. Danach richtet sich nämlich auch, ob Sanel M. nach Jugendstrafrecht oder bereits Erwachsenestrafrecht verurteilt wird. Bei Jugendstrafrecht ist eine Bewährungsstrafe möglich. Sollte das Gericht kein Jugendstrafrecht anwenden und weiter vom Anklagevorwurf Körperverletzung mit Todesfolge ausgehen, ist die Mindeststrafe drei Jahre.

Für den nächsten Verhandlungstag am 12. Juni sind die Plädoyers angesetzt. Das Urteil könnte dann am 16. Juni folgen.

Auch interessant

Kommentare