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„Typisch hessisch“ ist für Professor Dr. Eugen Ernst, erster Leiter des Hessenparks, Autor und Uni-Professor, die Vielfalt, die das Bundesland unter sich vereint. Das Eine gibt’s nicht, aber das große Gemeinsame aus vielen Menschen und Traditionen – das ist Hessen.

Herrlich Hessisch

Hessen ist Natur, Leute, Vielfalt

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Herrlich hessisch, das ist die schöne Landschaft, das große Kultur- und Freizeitangebot und die zentrale Lage. Andere schwärmen von den hessischen Altstädten. Herrlich sind auch der hessische Humor, das Gebabbel und ein quirliges Multi-Kulti-Leben. Am 6. Mai ist die neue Serie „Herrlich Hessisch“ gestartet - eine Liebeserklärung in 18 Teilen an Land, Städte und Leute. Zum Auftakt erzählt Professor Dr. Eugen Ernst was typisch hessisch ist.

Er ist der Vorzeige-Hesse. Nicht nur, weil er und seine Vorfahren seit ewigen Zeiten in der Kleeblattstadt Neu-Anspach wohnen. Sondern weil er als Vater des Hessenparks über Hessen, das Hessisch und den Hessen tiefe Kenntnisse hat. Zum Auftakt unserer Serie „Herrlich Hessisch“ sprach Andreas Burger mit Politiker, Autor und Uni-Referent Professor Dr. Eugen Ernst – dem Vater des Hessenparks.

 

Sie gelten im größeren Umkreis als der „Vorzeige-Hesse“. . . . .

.Einspruch: Also zuerst zu dem Vorzeige-Hessen; da muss man schon suchen. Ich bin es jedenfalls nicht. Fallen wir mit der Tür anders in Haus, was ist typisch hessisch? So pauschal gefragt: Ich weiß es nicht. Also so DEN Hessen gibt es gar nicht, aber es gibt DIE Hessen, und das sind mit den seit dem Zweiten Weltkrieg hinzu gekommenen Menschen etwa sieben Millionen Einwohner. Und jetzt wird es ganz ungenau, denn wir müssen uns diesem „Problem“ mehr fragend als antwortend stellen.

Und da müssen wir zuerst einmal die Frage beantworten, was wir unter Hessen verstehen. Es ist nicht das alte Hessen mit Marburg und Kassel. Auch nicht nur Hessen-Darmstadt. Und was machen wir dann mit der alten Freien Reichs- und Krönungsstadt Frankfurt, die bis 1866 stets eine Sonderrolle spielte im Reich? Und was machen wir mit den nassauischen Leuten in Braubach, Hachenburg,Wiesbaden, Idstein,Usingen?

Einigen wir uns auf nach 1945.

Das macht die Sache einfacher. Dennoch müssen wir vorweg bedenken, dass Charles De Gaules 1945 auch noch eine Besatzungszone brauchte. Damals wurde das darmstädtische Rheinhessen ebenso wie die nassauischen Gebiete auf dem vorderen Westerwald und im westlichen Taunus von dem Territorium der Provinz Hessen-Nassau gewaltsam abgetrennt und es entstand die wirtschafts- und kultur-räumliche Absurdität Mainz/Wiesbaden. Trotz ihrer Verzahnung sind es zwei Landeshauptstädte und der Rhein, der ansonsten verbindet, sollte nun trennen. In diesem heutigen Hessen nun DEN Hessen als eine Art Mustertypen zu finden, ist kaum möglich.

Also Ende der Serie, denn es gibt nichts was typisch hessisch ist, wenn es DEN Hessen nicht gibt?

Liebe Leser, herrlich, das ist für Professor Dr. Ernst vor allem die Vielfalt Hessens. Ob Natur, Dichter und Denker, zentrale Lage oder Kulinarik: Jetzt möchten wir wissen, was finden Sie herrlich hessisch? Verraten Sie es uns unter unserem Facebook-Post auf http://www.fnp.de/hessisch. Unter allen Teilnehmern verlosen wir einen Präsentkorb des kaufhausHessen.

(lacht) Doch, es ist die Vielfalt unserer harmonisch gefügten Landesnatur und es ist die Vielfalt unserer Landeskultur. Und dazu gehören die deutlich verschiedenen Dialekte der einzelnen Teilräume. Diese unterscheiden sich teils sogar von Ort zu Ort. Man sagt etwa zu dem wichtigsten Bergeraum eines Bauernhofes zur Unterbringung von Viehfutter und Stroh „die Scheune“. In der Mundart aber „Scheuer“ oder „Schauer“. Im äußersten Nordhessen ist die Sprache sogar vom Plattdeutschen beeinflusst. Außerdem sind die lokal originellen Persönlichkeiten gering geworden.

Auch die Dialekte wurden stark eingeebnet, wozu die modernen Kommuni- kationstechniken und Unterhaltungssendungen kräftig beitragen. Den Versuch eines Beweises dieser Vielfalt hessischer Volkssprache habe ich in einem Büchlein „Lache is gesund“ als Beweis zusammen gestellt.

Hessen ist das Land der produktiven Buntheit

Diese Vielfalt hat einen Ursprung?

Freilich, sie ist zu einem erheblichen Teil entstanden, weil Hessen ein uraltes Durchgangsgebiet von Nord nach Süd und West nach Ost und umgekehrt war. Dabei blieben sprachliche Veränderungen nicht aus. Vor allem aber ist Hessen ein naturräumlich stark klein-gekammertes Land mit vielen in sich abgeschlossenen Teilräumen. Da wechseln mal herbe, mal lieblich anmutende Waldberge mit recht engen, oft schroff-felsigen Bachtälern mit großen Senkungsfeldern ab. Hinzu kommt, dass diese Vielfalt der Landschaftsformen durch Vorgänge der Kleinstaaterei, der konfessionellen Abschottung, der Verkehrsabgeschiedenheit Landschaftsgrenzen aufgedrückt bekam, die ihrerseits wiederum durch Fehden oder Erbschaften einen neuen Zuschnitt erfuhren. Diese Vielfalt ist ein Merkmal, auch durch die Integration etwa der Hugenotten, der Waldenser und im 20. Jahrhundert durch die vor dem Bombenkrieg evakuierten Menschen aus den Städten, und nach 1945 durch die Heimatvertriebenen.

Was also wäre eine plakative Bezeichnung für die Hessen?

Ich sage, Hessen profitiert von seiner Vielfalt. Es ist ein Land der produktiven Buntheit. Aber alle derartige Plakatierungen sind nur bedingt brauchbar. Anderswo gibt es auch kluge, schlaue, fröhliche und engstirnige Leute mit und ohne Humor.

Und doch hat man von den Ländern oft eine Mentalitätsvorstellung.

Ja, die vom Tourismus, von der Werbung, vielleicht auch von literarischen Darstellungen übernommen, bewusst als Merkmal herausgestellt wurden. Es sollen Wesenszüge sein, die wie alle Verallgemeinerungen nicht unbedingt stimmen. Freilich haben die Bayern ihren Nationalsport des Schuhplattelns, aber wie viele beherrschen diese Tanzform? Aber die hatten eben auch andere Grenzräume wie Schleswig-Holstein und Preußen und Tirol. Was Hessen betrifft gelten eher missdeutete Anspielungen wie die Rede von den „blinden Hessen“ oder den „Nassauern“, die sich bei anderen bedienten. Eine Mär.

Hessen hat aber doch da einiges vorzuweisen, Goethe etwa.

Na ja, er hat sein „Frankfurterisch“ zwar nie ganz abgelegt aber seine Heimat war ihm in ihrem Kaufmannsgeist zu eng. Wogegen er im kleineren Weimar seinen weiten Horizont eben nicht eingeengt sah und selbst in einer späteren Begegnung mit seinem Freund Willemer und dessen Frau Marianne im Bereich der Gerbermühle hat er großartige Dichtung hinterlassen. Liebschaftsgefährdet hat er sich damals, 1814 und 1815 schnell aus dem Staub gemacht. Aber da waren in Hessen noch ganz andere. Die heilige Elisabeth, der die Kirche in Marburg gewidmet ist. Da gab es die Gebrüder Grimm, Georg Büchner, einen Friedrich Ludwig Weidig, Otto Emil Hahn, Günter Strack, Adolf Reichwein, auch einige Vorbilder im Sport wie Marika Kilius oder Rudi Völler.

Und doch gibt es, meist schnell benannt, den Äppelwoi und die gerippte Gläser, und Handkäs’ mit Musik und Heinz Schenk.

Ja dann könnte man noch sehr viel mehr nennen. Es ist besser wir kürzen hier ab. Ich verweise aber noch mal auf berühmte Bauwerke wie die eben genannte Marburger Elisabethenkirche, den Limburger Dom, das Weilburger Schloss, die Paulskirche, Fulda zwischen Dom und Barock- schloss, den Frankfurter Flughafen, die Kasseler Wilhelmshöhe, die alten Feldbergfeste im Rahmen des Vormärz, das Römerkastell Saalburg und den Limes und das Freilichtmuseum Hessenpark und vieles mehr. Das klingt durchaus nach bewältigtem Stolz

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