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Für diesen außergewöhnlichen Blickwinkel auf die Skyline musste die Fotografin auf den Dom steigen. Das Krangerüst im Vordergrund passt symbolisch gut: Es wird gebaut in Frankfurt und es geht weiter hoch hinaus. Die Skyline wächst.

Herrlich Hessisch

Hier strebt Hessen hoch hinaus

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Ein Wahrzeichen Hessens kennt die ganze Welt: die Frankfurter Skyline, unverwechselbar und einzigartig auf dem gesamten Kontinent. Wie kam „Mainhattan“ zu dieser Silhouette? Stadtplaner Martin Wentz, einer der Väter der Skyline, erklärt es.

Frankfurt ohne Hochhäuser? Kaum vorstellbar. Ohne sie wäre das wirtschaftliche Zentrum des Landes nicht zu Mainhattan geworden. Die einzigartige Stadtsilhouette erzeugt bei vielen Hessen ein Heimatgefühl - echten wie eingeplackten.

Dabei ist dieser Anblick noch überaus jung. Frankfurts erste Hochhäuser waren bloß etwas über 30 Meter hoch. So etwas gilt heute gar nicht als Hochhaus. Stararchitekten errichteten sie in den 1930er-Jahren: Max Taut das Gewerkschaftshaus an der Wilhelm-Leuschner-Straße, Hans Poelzig das IG-Farben-Haus, heute der Sitz der Goethe-Universität.

Es sollten noch Jahrzehnte des Streits folgen, bis die Frankfurter den besten Weg gefunden hatten: eine Skyline zu bauen, ohne das soziale Gefüge der alten Stadtteile zu opfern. "In den 1950er Jahren gab es einen ersten Hochhaus-Entwicklungsplan", erklärt Martin Wentz. Der Stadtplaner ist der Vater der Skyline, wie wir sie heute kennen. Als Planungs- und später Baudezernent legte der Sozialdemokrat zwischen 1989 und 2001 die planerischen Grundlagen für die Skyline-Entwicklung.

Als 1962 das Zürich-Hochhaus an der Alten Oper - dort steht heute der Opernturm - fertig wurde, gibt der "Finger-Plan" die Ziele vor: Hochhäuser sollten entlang künftiger U-Bahn-Linien wie Finger aus der City heraus entstehen. "Das war theoretisch richtig, faktisch aber eine Katastrophe", sagt Wentz. Viele Villen in Gründerzeitquartieren hätten abgerissen werden müssen. Studenten lieben die Villen für ihre Wohngemeinschaften.

Das facht die massiven Studentenproteste der Sechziger mit an, wo auch ein gewisser Joschka Fischer Steine wirft. Die Hochhäuser entlang der Mainzer Landstraße sind Folge dieser Phase: vom Selmi-Hochhaus der DZ-Bank am Platz der Republik (142 Meter) von 1974 über das "Westend Gate" an der Messe mit dem Marriott-Hotel von 1976 (159 Meter) bis zu den 155 Meter hohen Zwillingstürmen der Deutschen Bank von 1984.

In Pulks statt aufgereiht

Die Proteste der Studenten und vieler Frankfurter wirken: In den 1970er Jahren steuert die Stadt um, will nun einen Hochhaus-Pulk im Bankenviertel an der Neuen Mainzer Straße ermöglichen. Dort wachsen 1973 der erste Commerzbank-Turm (109 Meter), 1976 das Hochhaus der Bank für Gemeinwirtschaft am Theaterplatz (148 Meter, heute "Eurotower") und der "Garden Tower" (127 Meter) der Hessischen Landesbank, 1977 der Silberturm der Dresdner Bank (166 Meter). Diese Türme sind meist längst modernisiert. Bis Mitte 2020 wird der alte Commerzbankturm für 270 Millionen Euro "revitalisiert". Danach heißt er "Global Tower".

In den 1980er Jahren werden die Ideen erneut über den Haufen geworfen: mit dem "City-Lights-Plan" von Architekten-Ikone Albert Speer. Er will wieder Hochhäuser entlang von Achsen aufreihen, an der Mainzer und Hanauer Landstraße sowie der Friedrich-Ebert-Anlage. Das bringt die Bürger erneut auf die Palme. Aus dieser Phase resultiert beispielsweise 1990 der Messeturm (266 Meter).

Über diese Frankfurter "Methodik des Wechsels" schmunzelt Martin Wentz heute. Als er aber Ende 1989 zu Frankfurts Chef-Stadtplaner wird, muss er die Gemüter kühlen. Mit dem "Bankenplan" geht es zurück zur Clusterbebauung: Der "Japan-Center" von 1996 (115 Meter) und der 266 Meter hohe Commerzbank-Turm von Sir Norman Foster (1997) sind Ergebnisse. Der Commerzbank-Turm ist bis heute das höchste Gebäude in Deutschland und er war bis 2012 das höchste in der EU.

Mit dem Hochhausrahmenplan Ende der 90er-Jahre öffnet die Stadt das Areal an der Messe für einen zweiten Hochhaus-Cluster. 2011 ergänzt der "Tower 185" (benannt nach seiner Höhe) das Ensemble dort. Fast fertig ist der "Garden Tower", mit 172 Metern Deutschlands höchstes Wohngebäude. Direkt daneben laufen die Bauarbeiten für den 190 Meter hohen "Tower One" (fertig wohl Ende 2021) und am Güterplatz entstehen aktuell zwei weitere Hochhäuser: "Eden" und "The Spin" mit 98 und 128 Metern Höhe.

365-Meter-Turm an der Messe

Zwischen Osloer und Hohenstaufenstraße ist auch noch Platz für den "Millennium-Tower". Dieser wäre mit 365 Metern mit großem Abstand Deutschlands höchster Turm. Wann er realisiert wird? Offen. "Es gab immer wieder Anstöße", sagt Martin Wentz. Doch Investoren scheuen bisher zurück. Sie wollen 40 bis 50 Prozent der Flächen vorab vermietet wissen - kaum zu schaffen bei einem Mega-Turm. Das Bauen in Pulks sei nicht nur städtebaulich richtig, um gewachsene Stadtteile zu schonen. Sondern wegen der Wirkung auf die Stadtsilhouette: "Als Perlenkette wären es nur einzelne Spargel gewesen, über die Stadt verkleckert". Nun aber ballten sich die Wolkenkratzer wie in New York. "So haben wir ein ruhiges Stadtbild", sagt Wentz, "und trotzdem die Skyline, die Frankfurt so spannend macht."

Und die Ausreißer? Die Europäische Zentralbank als herausgehobene Institution habe ihren Solitär-Standort verdient. Aber dass nun nebenan auf der Molenspitze des Osthafens ein Hotel-Hochhaus gebaut werden soll, dafür hat Wentz "wenig Verständnis". Solange es noch Bauflächen in den Hochhaus-Pulks gebe, sei das unnötig. Eine davon ist gerade in Arbeit: Auf dem früheren Deutsche-Bank-Gelände in der City entstehen bis 2023 mit "Four Frankfurt" gleich vier Hochhäuser, abgestuft von 100 bis 288 Meter hoch.

Wurde vor 40 Jahren noch protestiert gegen Wolkenkratzer, gebe es heute den "Hochhausfrieden", sagt Martin Wentz. Menschen sähen sie "nicht mehr als Aggression an". Zum Positiv-Image trugen auch die Wolkenkratzer-Festivals bei. Und ganz besonders die Aussichtsplattform auf dem mit 200 Meter vierthöchstem Turm, dem "Maintower" (Baujahr 1999). Der beeindruckende, in Europa einmalige Blick von hier oben ist fester Bestandteil vieler Stadt-Besuche. Und die Frankfurter lieben ihn erst recht. Dennis Pfeiffer-Goldmann

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