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Der Komödiant Michael Quast, hier als „Der eingebildete Kranke“, spielt Charakterstücke des Franzosen Molière auf Hessisch beim Festival „Barock am Main“ in Frankfurt-Höchst und hat damit das Volkstheater erneuert.

Herrlich Hessisch

Mer kennt sisch nur uffresche

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Unser vielseitiges Bundesland ist Thema der Serie „Herrlich Hessisch“. Bei zahlreichen Museen, Schauspiel- und Opernhäusern und der Buchmesse ist klar: Hessen ist ein Kulturland. Über das Land verteilt gibt es auch zahlreiche kleine Spielstätten, in denen immer öfter Hessisch gebabbelt wird.

Könnte es sein, dass in manchen Frankfurter Wohnstuben noch der Geist der „Familie Hesselbach“ herrscht? Der Babba kommt abends im grauen Anzug aus der Firma, lässt sich von der Mamma das Neueste aus der Nachbarschaft erzählen, weist Sohn Willy zurecht, tätschelt Tochter Anneliese die Bäckchen, gerät über dieses und jenes mit der Mamma in Streit, sie reescht sisch ferschterlich uff, greift sich ans Herz und ruft „Kall, mei Drobbe“ . . . Fortsetzung folgt. So wie in der Funk-und-Fernsehserie ging’s in den 50er, 60er Jahren bei vielen Hessen zu Hause zu. Und weil der Dialekt schon damals sowas Gemütliches hatte, und die Serie obendrein Witzigkeit versprühte, gehörte sie bald zu dem, was unter Hessenkultur zu verstehen war. Im „Blauen Bock“ schwenkten zudem Heinz Schenk und Reno Nonsens die Bembel, während Lia Wöhr mit der Schürze wedelte. Hessen feierte künstlerische Urständ.

Rock aus dem Rodgau

Dann kam der Schnitt. Die Zäsur. Die Disruption, wie es heute heißt. Des aal Gelersch wollte niemand mehr sehen und hören, man lernte nun mehr Englisch als Hessisch, sah im Fernsehen „Dallas“ und „Denver“ und hörte, solange man unter 30 war, Rockmusik aus dem Kassettenrekorder. Bis in den 70ern südöstlich von Offenbach, in einem Ort namens Rodgau, die schusselige Band „Monotones“ zu den Gitarren griff („Ei Gude wie“) und rund um Frontmann Albrecht „Ali“ Neander unerhörte Texte sang. „Erbarme, die Hesse komme“, hieß es da, und Heinz Schenk, bislang als Nörgler betrachtet, dessen Mundwerk die Größe einer Kommodenschublade zu haben schien, wurde plötzlich zum flott einhertänzelnden David Bowie des Rhein-Main-Gebiets ernannt. Jetzt war kein Halten mehr. Von „Neuhessisch war die Rede, eine Frankfurter Kulturkneipe wurde „Batschkapp“ benannt, und das Hesseln griff auf die Spontiszene über. Hier hatte der in Wohnfeld (Vogelsberg) geborene Kabarettist Matthias Beltz zusammen mit Hendrike von Sydow und Dieter Thomas „Karl Napps Chaos Theater“ gegründet, später umbenannt in „Vorläufiges Frankfurter Fronttheater“. Und bei den musizierenden „Monotones“ stieg irgendwann Henni Nachtsheim aus, um mit Gerd Knebel das „Badesalztheater“ zu formieren. Vielleicht gäbe es ohne Matthias Beltz („Reichspolterabend“), der als Revoluzzer am Fließband bei Opel in Rüsselsheim die Nähe des Proletarischen gesucht hatte, auch Michael Quast in der heutigen Gestalt gar nicht. Der gebürtige Heidelberger war Darsteller am Schauspiel Frankfurt, bevor er sich mit Friedrich-Stoltze-Rezitationsabenden in den Sperrbezirk hessischer Mundart begab und schließlich zusammen mit dem Wiesbadener Wolfgang Deichsel das Festival „Barock am Main“ in Frankfurt-Höchst erfand. Die beiden Theatermänner hatten entdeckt, wie wunderbar sich Molières Charakterkomödien „Der eingebildete Kranke“, „Der Geizige“ und „Der Menschenfeind“ aus dem konsonantenreichen Französisch ins nasale Hessisch übersetzen ließen. Seither liegt Paris gleich hinter Griesheim.

Während Quast mit seinem Trupp am 19. September seine neue Frankfurter „Volksbühne“ im Großen Hirschgraben neben dem Goethehaus eröffnet, hat sich das früher dort ansässige Ensemble der verstorbenen Liesel Christ in „Volkstheater Hessen“ umbenannt, um durch verschiedene Spielstätten zu vagabundieren („Dodgeschosse“). Gezielt südhessisches Volkstheater macht die Comedy Hall in Darmstadt. In der einstigen Turnhalle ist das Kikeriki-Puppentheater untergebracht, das für Kinder und Erwachsene rumkaspert, indem es „dem Volk aufs Maul schaut“. Außerdem bietet es zum Handkäs im eigenen Lokal Unterhaltungskost auf der Bühne. Die Dorfgeschichte „Deppenkaiser“ etwa, Goethes „Faust“ als Jahrmarktsspiel, „Siegfrieds Nibelungenentzündung“ als Sagenparodie sowie „Himmel, Arsch und Zwirn“ als Sündenspiel aus dem nackten Leben.

Comedy in Darmstadt

Mittlerweile hesselt es überall, was des Zeusch hält. Gilt doch die Heimatsprache als bestes Heilmittel gegen Globalisierungsbeschwerden, gerade im mitteldeutschen Bundesland mit dem Weltflughafen. Sprache und Denkungsart bilden dabei eine unteilbare Einheit. Das Kabarettduo „Mundstuhl“, bekannt für seine multikulturelle Kleinkriminellen-Beobachtung an Frankfurts Konstablerwache, schildert in seinen Sketchen das Lebensgefühl der Großstadt am Main („Dragan und Alder“). Derzeit touren Lars Niedereichholz und Ande Werner mit ihrem Programm „Flamongos“ zwischen Idstein und Dietzenbach und fragen: „Wie vermehren sich Schlümpfe?“, „Warum gibt es Wodka mit Schinkengeschmack?“. Es muss ja nicht immer Ebbelwoi sein.

Satireschule in Frankfurt

Um hochprozentiges Denken geht es auch der Satire, die in Frankfurts Kellertheater „Die Schmiere“ und bei den Autoren der „Neuen Frankfurter Schule“ zum Fest geworden ist. Ihr spottendes Zentralorgan ist die Zeitschrift „Titanic“, deren Zeichner und Schreiber regelmäßig Lesungen und Ausstellungen im Frankfurter Komik-Museum am Römerberg abhalten. Zur Außenstelle wurde jetzt auch der Hessenpark Neu-Anspach, wo die Witzzeichner Greser & Lenz ihre Kritzeleien mit Sprechblasen voller Hessisch ausstellen. „Hessen först!“ heißt die Schau, und man erkennt, dass sich hier Transatlantisches auftut. Es gibt Momente, da reicht Hessen bis nach Amerika.

Von Sabine Kinner

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