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Sabine Vogt, Leiterin der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität beim Bundeskriminalamt (BKA) und Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk geben auf einer Pressekonferenz zur Festnahme eines 20-jährigen mutmaßlichen Datendiebs aus Hessen ein Statement ab.

Schüler ist Hacker

Cyber-Attacken auf Politiker kamen aus Kinderzimmer im Vogelsbergkreis

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Auf Twitter nannte er sich „G0d“ und „0rbit“, veröffentlichte private Daten von Politikern, Journalisten und Prominenten. Nun kamen ihm Spezialermittler des Bundeskriminalamts auf die Schliche. Ihre Spurensuche endete in einem Kinderzimmer im mittelhessischen Homberg.

Homberg ist ein beschauliches Fachwerkstädtchen im Vogelsbergkreis. Als gestern bekannt wurde, dass die mittelhessische Gemeinde im Zentrum jenes Hacker-Skandals steht, der seit Tagen Bundespolitik und Medien beschäftigt, traute Claudia Blum ihren Ohren nicht. „Ich war total überrascht“, sagte die Bürgermeisterin. Dann bekam sie schon die ersten Nachrichten ins Rathaus geschickt: „Na, so schlecht kann das Internet bei euch ja gar nicht sein, wie ihr immer behauptet.“ Eine Wohnung in Homberg wurde am Sonntagabend von Ermittlern des Bundeskriminalamts (BKA) durchsucht. Im Visier hatten sie einen 20-jährigen Schüler, der noch bei seinen Eltern wohnt. Von seinem Kinderzimmer aus soll er persönliche Daten von mehr als 1000 Politikern, Journalisten und Prominenten über das Internet ausgespäht und später veröffentlicht haben. Der junge Hacker wurde festgenommen.

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Bei seiner Vernehmung habe er die Taten eingeräumt, sagte Staatsanwalt Georg Ungefuk von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Frankfurt. Der 20-Jährige habe Aufklärungshilfe geleistet, etwa indem er den Ermittlern Sicherheitskopien seiner Daten zur Verfügung stellte. Die sei als „Reue-Reaktion“ zu werten. Er kam noch am Montag wieder auf freien Fuß.

Über das Motiv des jungen Mannes können oder wollen Generalstaatsanwaltschaft und BKA bisher nicht viel verraten. Der Schüler selbst sagte laut Ungefuk, er habe sich „über bestimmte Aussagen der Betroffenen geärgert“. Ob es dabei um Kritik an der AfD ging, ließen die Ermittler offen. Dieser Verdacht kam auf, weil AfD-Politiker, soweit bisher bekannt, nicht von dem Datenklau betroffen sind. „Objektive Hinweise“ auf eine rechte oder rechtsextreme politische Ausrichtung des Hobbyhackers seien bei der Durchsuchung nicht gefunden worden, sagte Ungefuk dazu.

Hohe Computeraffinität

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Beim BKA leitet Kriminaldirektor Heiko Löhr die extra eingerichtete Ermittlungsgruppe. Seit der Nacht auf Freitag sei die Behörde mit dem Fall befasst. „Nach Zeugenvernehmungen in Berlin und Heilbronn konnte der Tatverdächtige am Sonntagmittag identifiziert werden“, sagte Löhr. Noch am selben Tag kam es zur Wohnungsdurchsuchung und zur vorläufigen Festnahme.

Wie der junge Hacker genau vorgegangen ist, gaben die Ermittler nicht bekannt. „Um Nachahmungstaten zu verhindern“, hieß es. Oberstaatsanwalt Ungefuk sprach von einer „ausgeklügelten Vorgehensweise“. Der Beschuldigte sei kein ausgebildeter Fachmann, habe aber eine hohe Computeraffinität und offenbar viel Zeit gehabt, um sich die technischen Kenntnisse anzueignen.

In verschiedenen Medien wurde berichtet, der 20-Jährige habe sich zunächst Zugriff auf private E-Mail-Konten seiner Zielpersonen verschafft. Von dort aus sei er dann auf Nutzerkonten bei weiteren Internetdiensten gelangt. So erbeutete er teilweise auch sensible Daten wie Familienfotos, Chatkommunikation und Kreditkarteninformationen. Andere Daten sammelte er auch aus öffentlich zugänglichen Quellen. Vom 1. bis 24. Dezember veröffentlichte er die gesammelten Informationen nach und nach als „Adventskalender“ über den Kurznachrichtendienst Twitter.

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Bis zu drei Jahre Haft

Auf die Frage einer Journalistin, warum das BKA erst im Januar von diesem Datenleck erfahren hat, antwortete Sabine Vogt. Sie leitet die Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität, in der Löhrs Ermittlungsgruppe angesiedelt ist. „Wir als Polizei überwachen nicht anlasslos die Kommunikation im Internet“, sagte Vogt. „Das Sammeln von Daten ist leider nichts Ungewöhnliches. Es ist die dunkle Seite des Internets.“ Computernutzer sollten sich der Gefahren bewusst sein und durch sichere Passwörter und regelmäßige Software-Updates vorbeugen. „Es ist wie beim Autofahren: Sicherheitsgurte anlegen hilft“, so Vogt. Dem 20-jährigen Homberger droht nun eine Anklage wegen des Ausspähens von Daten und der Datenhehlerei. Für beide Straftatbestände sind bis zu drei Jahre Haft möglich. „Für Erwachsene“, schränkte Staatsanwalt Ungefuk ein. Denn trotz Volljährigkeit könnte der Beschuldigte als Heranwachsender nach dem Jugendstrafrecht behandelt werden.

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