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ARCHIV - 25.08.2016, Hessen, Frankfurt/M.: Ein Flüchtling aus Eritrea sitzt an seiner Werkbank und misst ein Werkstück nach. Das Land Hessen hat seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 fast 123 000 Schutzsuchende aufgenommen und für die Jahre 2015 bis 2018 etwa 4,96 Milliarden Euro Investitionen im Asyl- und Flüchtlingsbereich veranschlagt. (zu dpa "Hessen arbeitet am "Wir schaffen das"" vom 13.09.2018) Foto: Andreas Arnold/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Integration von Flüchtlingen

Hessen arbeitet am "Wir schaffen das"

Zwischen gespendeten Kinderpullis und Hemden nimmt Kanzlerin Merkels Maxime "Wir schaffen das" Gestalt an. Hier, im Dillenburger "KleiderTreff", unterstützen Ehrenamtliche seit bald drei Jahren Flüchtlinge beim Einleben in Hessen. Sie geben gegen einen Unkostenbeitrag Kleidung aus, ermöglichen Begegnungen und bieten offene Beratungen an. "Ich glaube, ich bin realistisch", sagt Projektkoordinatorin Isabel-Theres Spanke. "Ich glaube, wir schaffen das - aber mit viel, viel Arbeit und viel, viel Geld."

Zwischen gespendeten Kinderpullis und Hemden nimmt Kanzlerin Merkels Maxime "Wir schaffen das" Gestalt an. Hier, im Dillenburger "KleiderTreff", unterstützen Ehrenamtliche seit bald drei Jahren Flüchtlinge beim Einleben in Hessen. Sie geben gegen einen Unkostenbeitrag Kleidung aus, ermöglichen Begegnungen und bieten offene Beratungen an. "Ich glaube, ich bin realistisch", sagt Projektkoordinatorin Isabel-Theres Spanke. "Ich glaube, wir schaffen das - aber mit viel, viel Arbeit und viel, viel Geld."

Das Land Hessen hat seit dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 rund 113 000 Schutzsuchende aufgenommen und für die Jahre 2015 bis 2018 etwa 4,96 Milliarden Euro Investitionen im Asyl- und Flüchtlingsbereich veranschlagt. Die meisten Menschen - knapp 80 000 - kamen 2015. Im damaligen September spitzte sich die Situation weiter zu: Das Land richtete Zelte und Hallen als Notunterkünfte ein, um den Tausenden Neuankömmlingen ein Dach über dem Kopf geben zu können.

Bereits 2016 nahm Hessen nach Angaben des Sozialministeriums nur noch 24 600 Asylbewerber auf, 2017 rund 12 000 und in den ersten sieben Monaten dieses Jahren knapp 6500. Hessen ist also schon eine ganze Weile nicht mehr im Krisenmodus. Allerdings bleibt die Integration der Flüchtlinge eine Herausforderung, die auch die künftige hessische Regierung zentral beschäftigen wird.

"Wir sind jetzt an dem Punkt, wo wir Dauerlaufqualitäten haben müssen", meint Spanke, die beim Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder für den Bereich Flüchtlingshilfe und Ehrenamt zuständig ist und in dieser Funktion den "KleiderTreff" koordiniert. "Wir sind jetzt wirklich im Integrationsprozess, der sehr aufwendig ist und der viel Kraft erfordert. Eigentlich bräuchten wir jetzt die Masse von Ehrenamtlichen, die wir am Anfang hatten." Deren Zahl sei zwischenzeitlich aber deutlich gesunken.

Ein Kern von etwa 20 freiwilligen Helfern engagiert sich beim "KleiderTreff", hinter dem mehrere Einrichtungen stehen: die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Katholische Pfarrei Herz Jesu Dillenburg, Caritas und Diakonie, die Freie evangelische Gemeinde Dillenburg und das Deutsche Rote Kreuz. Mittlerweile geht es im "Treff" etwas häufiger ums Beraten als um Kleidung, da viele Flüchtlinge an einem neuen Punkt in ihrem Leben in Hessen angekommen sind. Die Menschen seien mit dem Nötigsten versorgt, jetzt drehe es sich um Wohnung, Arbeit und Sprache, sagt Koordinatorin Spanke.

Gerade bei der Sprache hapert es oftmals noch. Weil das Angebot der Deutschkurse mancherorts nicht ausreicht, das Bildungsniveau der Menschen unterschiedlich ist oder weil Kontakte zu Einheimischen fehlen. Landesweit bieten zahlreiche Initiativen und Einrichtungen Kurse an. Das Land hat allein für das Förderprogramm "MitSprache - Deutsch4U" 6,9 Millionen Euro seit 2016 investiert.

Die Anstrengungen sind allein schon deshalb notwendig, damit Flüchtlinge rasch eine Arbeit finden können. Auf dem Stellenmarkt hat sich laut der hessischen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit einiges getan, auch dank der anhaltenden Nachfrage nach Arbeitskräften und Auszubildenden: "Es wurden viele Weichen gestellt, und mehr Menschen haben eine Beschäftigung gefunden, als wir dachten", sagt der Leiter der Regionaldirektion, Frank Martin. Rund ein Drittel der Geflüchteten habe einen Job, ein weiteres Drittel befinde sich in Qualifizierungsmaßnahmen, ein Drittel sei arbeitslos.

"Die Integration von Flüchtlingen in Unternehmen kann erfolgreich sein", sagt Friedemann Hensgen, der Vorstandsvorsitzende der Rittal Foundation. "Es bedeutet natürlich einen Zusatzaufwand für die Geflüchteten, für die Belegschaft und für das Management, damit es funktioniert. Aber dieses Engagement ist alternativlos." Der Schaltschrank-Hersteller Rittal gehört zur Friedhelm Loh Group in Mittelhessen, die 2015 ein Projekt ins Leben gerufen hat, um Asylsuchende ausbildungsreif zu machen. Zwei Flüchtlinge begannen damals ihre Lehre und wurden inzwischen übernommen. Vor kurzem startete die vierte Ausbildungsrunde mit vier Asylsuchenden.

Zum Konzept gehört, dass die Flüchtlinge von Kollegen als Paten betreut werden und einen betriebsinternen Förderunterricht für Deutsch und Fachwissen erhalten. Mittlerweile gibt es zwei weitere Jobprogramme, die sich an Asylsuchende richten. Das alles funktioniere nur, wenn die gesamte Mannschaft des Unternehmens dahinterstehe, sagt Hensgen. Es lohne sich: "Ohne die Paten und berufsbezogene Unterstützung hätten die Auszubildenden ihre Lehre trotz guter praktischer Leistungen nicht geschafft. Jetzt haben sie in der Berufsschule sogar Einsen und Zweien."

Das Engagement muss weitergehen und das auf breiter Basis - davon sind Menschen wie Hensgen und Spanke, die Erfahrung in der Flüchtlingsarbeit haben, überzeugt. "Ganz wichtig ist, dass die Unterstützung außerhalb des Unternehmens nicht aufhört", betont Hensgen. "Sie brauchen ein Netzwerk, das in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hineinreicht. Arbeit ist eine ganz wichtige Säule für die Integration, aber eben nicht die einzige." Für Caritas-Mitarbeiterin Spanke ist klar, dass für eine erfolgreiche Integration gerade Kinder, Jugendliche und Familien noch viel stärker in den Blick genommen werden müssten.

Etwas macht Hessens Helfern derzeit zu schaffen: Nachrichten über Hass, Extremismus und Spaltung der Gesellschaft. Hensgen etwa hat angesichts der starken Polarisierung in der Öffentlichkeit nach Ereignissen wie in Chemnitz die Sorge, "dass die Erfolge, die da sind, davon verdeckt werden".

Man müsse die verschiedenen Gruppen miteinander in Kontakt bringen und viel mehr miteinander reden, auch über Sorgen und Ängste, findet Caritas-Mitarbeiterin Spanke. Und die Politik müsse mehr erklären, dass manche Dinge wie die Integration ihre Zeit brauchen. Die Koordinatorin des Dillenburger "KleiderTreffs" ist aber "nicht an dem Punkt, dass ich sagen würde, das schaffen wir nicht". Und das liege auch an der Begegnung "mit den vielen Menschen, die ich hier kennenlerne".

(dpa)

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