Düstere Prognose wegen Corona

„Vielleicht noch eine Woche“: Große Sorge um Krankenhaus-Kapazitäten in Hessen

  • Isabel Wetzel
    vonIsabel Wetzel
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  • Joel Schmidt
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Die Hessische Krankenhausgesellschaft ist in Sorge: Kann die rasante Entwicklung der Corona-Neuinfektionen nicht gestoppt werden, reichen die Kapazitäten in den Kliniken noch etwa eine Woche. 

  • Bei ungebremstem Infektionsgeschehen könnte Hessen eine Verdopplung bis Verdreifachung der Corona-Fälle drohen.
  • Die Hessische Krankenhausgesellschaft teilt mit: In den Kliniken wird es eng.
  • Die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in hessischen Krankenhäusern soll erhöht werden.

Update vom Dienstag, 03.11.2020, 07.50 Uhr: „Wir können uns sachkundige Kräfte nicht backen“. Mit diesem Zitat bringt Prof. Steffen Grammiger, der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft das Problem auf den Punkt: Der Mangel an Pflegekräften ist auch -aber nicht nur - in Hessen der Engpass bei der Versorgung schwer kranker Covid-19-Patienten.

Corona in Hessen: Zu wenig Pflegekräfte

Nicht alle der rund 2000 Intensivbetten, die im Bundesland vorgehalten würde, seien auch betriebsbereit, sagte Gramminger. Allerdings hätten die Kliniken bereits viele Pflegerinnen und Pfleger nachgeschult - so könne innerhalb des Hauses umorganisiert werden. Das gehe dann allerdings zu Lasten der Versorgung in anderen Bereichen. „Wir werden dann planbare Eingriffe wieder verschieben müssen, damit wir uns auf Schwerkranke konzentrieren können.“ Dazu komme - wie in jedem Herbst - ein steigender Krankenstand beim medizinischen Personal.

Wir können uns sachkundige Kräfte nicht backen.

Prof. Steffen Gramminger

Um zu verhindern, dass symptomlos infizierte Mitarbeiter das Virus unbemerkt weitergeben, werde das Personal außerdem regelmäßig auf eine mögliche Corona-Infektion getestet. Bei einem positiven Testergebnis werde der Mitarbeiter sofort aus dem Dienst genommen - obwohl das Gramminger zufolge bei völliger Symptomfreiheit theoretisch nicht immer sein müsste. „Entsprechende Schutzausrüstung schützt schließlich nicht nur vor Infektionen, sondern auch vor der Weitergabe des Virus. Dennoch vermeiden wir selbstverständlich jegliches Risiko solange wie es irgendwie geht und lassen infizierte Mitarbeiter zuhause“, sagte Gramminger.

Update vom Montag, 02.11.2020, 10.55 Uhr: Die Entwicklung der Infektionszahlen in Hessen ist weiter rasant – und die Situationen in den Kliniken kritisch. Gelinge es nicht, die Kurve der Corona-Neuinfektionen abzuflachen, können auch in hessischen Krankenhäusern Engpässe drohen. „Die für Covid-Patienten bereitgehaltenen Plätze laufend zusehends voll“, sagte der Geschäftsführende Direktor der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Prof. Steffen Gramminger.

Corona in Krankenhäusern in Hessen: Kapazitäten reichen „vielleicht noch eine Woche“

„Ohne Gegenmaßnahmen und ohne Nachsteuern“ reichten die Kapazitäten für Corona-Patienten in Hessen „vielleicht noch eine Woche oder zehn Tage“, sagte Gramminger. Mit Nachsteuern meint Gramminger, dass mehr Kapazitäten für Covid-19-Patienten geschaffen werden – zulasten von planbaren Eingriffen. In bestimmten Regionen, etwa in Mittelhessen und im Rhein-Main-Gebiet, habe die Auslastung vor dem Wochenende (30.10.2020) schon rund 80 Prozent betragen.

Neben den Kapazitätsgrenzen ist auch die Personalnot eine große Sorge der Krankenhausgesellschaften. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft macht darauf aufmerksam, dass der Pflegenotstand nicht erst seit Beginn der Corona-Krise besteht. In Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen arbeiteten viele Pflegekräfte bereits jahrelang jenseits der Grenze ihrer Belastbarkeit. Wenn das exponentielle Wachstum der Infektionszahlen in der Corona-Pandemie anhalte, werde das Personal in eine enorme Überlastung geraten.

Laut Intensivregister liegen am Montag (02.11.2020) in Hessen 196 Patienten mit Covid-19 auf Intensivstationen, 107 von ihnen werden beatmet. 1.674 von 2.137 betreibbaren Intensivbetten sind aktuell belegt. Hinzu kommen knapp 1000 Betten Notfallreserve. Mit dem Teil-Lockdown ab diesem Montag verbindet Gramminger die Hoffnung, „dass wir es schaffen, dass die Zahlen stagnieren“. Auch wenn die Einschränkungen viele Branchen hart träfen: „Es ist ein Versuch und es muss sein.“ Letztlich komme es aber darauf an, dass die Menschen im Privaten ihr Verhalten änderten.

Verdopplung der Corona-Fälle in Hessen? Mehr Intensivbetten geplant

Update vom Donnerstag, 29.10.2020, 17.20 Uhr: Ein Team von Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes errechnet mit ihrem „Covid-Simulator“ Prognosen zur Entwicklung der Corona-Zahlen. Wie die „hessenschau“ berichtet, kommen sie dabei für Hessen zu einem erschreckendem Ergebnis: Wenn die aktuelle Entwicklung so weitergeht, könnte es im Bundesland innerhalb der nächsten zwei Wochen zu einer Verdopplung oder gar Verdreifachung der täglichen Corona-Infektionszahlen kommen. Da somit auch die schweren Corona-Fälle zunehmen würden, bedeute dies ebenso eine steigende Belegung der Intensivbetten im Bundesland.

Bei ungebremster Entwicklung des Corona-Infektionsgeschehens wäre laut Prognose der Saarländer Wissenschaftler die derzeitige Kapazitätsgrenze an verfügbaren Intensivbetten in Hessen voraussichtlich bereits Mitte November erreicht. Trotz des nun verkündeten Teil-Shutdowns erklärt Pharmazie-Professor Thorsten Lehr von der Universität des Saarlandes gegenüber der „hessenschau“, dass die Welle der schweren Corona-Fälle die Krankenhäuser erst mit einer Verzögerung von drei bis vier Wochen erreiche. „Selbst bei einer Vollbremsung hätten wir einen Verzug von ungefähr drei bis vier Wochen, was die maximale Belegung in den Krankenhäusern angeht“, so der Professor.

Corona in Hessen: Kapazitäten der Krankenhäuser ausbauen

Laut dem DVI-Intensivregister verfügen die Krankenhäuser in Hessen derzeit noch über 417 freie Intensivbetten, weitere 1.010 können als Notfallreserve innerhalb einer Woche zur Verfügung gestellt werden. Nach Auskunft des hessischen Sozialministeriums soll aufgrund der steigenden Corona-Zahlen in Hessen zudem ein Ausbau der Intensivbetten-Kapazitäten in Vorbereitung sein.

Alle 19 Intensivbetten in der Kreisklinik Groß-Gerau sind derzeit belegt.

Auslastung der Kliniken in Hessen – Alle Intensivbetten in Groß-Gerau belegt

Update vom Freitag, 23.10.2020, 17.28 Uhr: In der Kreisklinik in Groß-Gerau befinden sich derzeit zwar nur zwei Corona-Patienten auf der Intensivstation, dennoch ist die Station komplett ausgelastet. Daher musste die Klinik in Groß-Gerau am Donnerstag (22.10.2020) von der Notfallversorgung vorerst abgemeldet werden.

Groß-Gerau verfügt derzeit über 19 Intensivbetten. Diese sind zum aktuellen Zeitpunkt vor allem mit anderen Intensiv-Fällen belegt, da die Corona-Freihaltepauschale von Intensivbetten ausgelaufen ist. Für eine Aufstockung der Betten fehlt es der Klinik an Geld – das teilte Prof. Dr. Erika Raab, Geschäftsführerin der Kreisklinik Groß-Gerau, der „hessenschau“ mit.

Auslastung der Kliniken in Hessen: Zahl der freien Beatmungsbetten sinkt

Update vom Donnerstag, 22.10.2020, 12.46 Uhr: In hessischen Krankenhäusern müssen mittlerweile deutlich mehr Corona-Infizierte behandelt werden als noch in der vorigen Woche. Wie das Hessische Sozialministerium mitteilt, befinden sich Stand 22. Oktober 567 Corona-Patienten in den hessischen Kliniken. Von diesen werden aktuell insgesamt 110 intensivmedizinisch betreut und beatmet.

Während die Zahl der Corona-Patienten in hessischen Kliniken steigt, stehen in den Krankenhäusern also gleichzeitig weniger freie Beatmungsbetten zur Verfügung. Laut Hessischem Sozialministerium beläuft sich die Zahl der aktuell freien Beatmungsbetten auf 599.

Auslastung der Intensivbetten – Werden die Plätze in Hessen knapp?

Erstmeldung vom Sontag, 18.10.2020: Wiesbaden – Dem bundesweiten Trend der steigenden Corona-Neuinfektionen folgend, nehmen die Fallzahlen auch in Hessen kontinuierlich zu. So sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts seit Beginn der Pandemie (RKI) hessenweit 25.440 Bestätigte Infektionen mit dem Corona-Virus erfasst. Während das Corona-Kabinett in Wiesbaden die Debatte um die Aufhebung des hessischen Beherbergungsverbots ganz oben auf seine Agenda gesetzt hat, stellen sich in den sozialen Medien immer mehr Nutzerinnen und Nutzer die Frage, wie es eigentlich um die Auslastung der Intensivbetten im Bundesland bestellt ist.

Trotz steigender Corona-Zahlen: Ausreichend Intensivbetten in Hessen

Wie aus Zahlen der Deutschen interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hervorgeht, beträgt die Zahl der aktuell (Stand Donnerstag, 29.10.) betreibbaren Intensivbetten in Hessen insgesamt 2.171. Darüber hinaus existiert zudem eine Notfallreserve von weiteren 1.010 Intensivbetten, die innerhalb von sieben Tagen aufstellbar ist. Aktuell sollen nach Informationen des DIVI 1.754 Intensivbetten in Hessen belegt sein. Von den derzeit 165 Covid-19-Fällen, die sich in hessischen Krankenhäusern in Behandlung befinden, werden demnach 94 Patientinnen und Patienten invasiv beatmet. Das entspricht einem Anteil von rund 57 Prozent.

Intensivbetten in Hessen: Pflegenotstand in der Corona-Krise

Die Sorge also, dass Hessen über zu wenig Intensivbetten verfüge und im weiteren Verlauf der Corona-Pandemie ein Engpass drohen könnte, scheint zunächst unbegründet. Interessant wird es jedoch bei der Frage danach, wie es um die Versorgung der Patientinnen und Patienten in den Intensivbetten am Ende des Tages bestellt ist.

Denn ein Pflegenotstand herrscht auch in Hessen nicht erst seit dem Beginn der Corona-Krise. In Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen arbeiten viele Pflegekräfte bereits jahrelang jenseits der Grenze ihrer Belastbarkeit und unter den Bedingungen der Corona-Pandemie werden diese Belastungen nicht geringer - da kann auf den Balkonen noch so viel geklatscht werden. (Von Joel Schmidt mit dpa)

Rubriklistenbild: © picture alliance/Peter Kneffel/dpa

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