Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen.
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Joybrato Mukherjee, Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Interview

Studieren während Corona: Nicht mehr rein digital – „Ein Präsenzsemester mit Einschränkungen“

  • Christiane Warnecke
    VonChristiane Warnecke
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Seit der Corona-Pandemie muss die Lehre an Universitäten in digitaler Form stattfinden – viele Studierende leiden darunter. Nun regt der Gießener Uni-Präsident eine Qualitätsdebatte über digitale Lehre an.

Gießen – Studieren ist unter Corona-Bedingungen zu einer einsamen Angelegenheit geworden. Nicht nur die Studierenden leiden darunter, auch für das Lehrpersonal haben sich die Arbeitsbedingungen drastisch verändert. Wie im kommenden Wintersemester trotz der Pandemie wieder mehr Präsenz-Lehre und Studentenleben an den hessischen Universitäten möglich werden sollen, erläutert der Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen, Joybrato Mukherjee.

Wie hat sich für Sie als Hochschulpräsident das Leben geändert durch Corona?

Die Uni lebt im Takt der Pandemie. Die Organisation der Lehre, der Räume der Prüfungen – alles atmet im Takt der Pandemie. Corona hat alles verändert. Das Einzige, was weitgehend unverändert weiterläuft, ist der Forschungsbetrieb. Aber der Lehrbetrieb hat sich fundamental geändert. Die Studierenden sind kaum mehr vor Ort. Die Lehre läuft ganz überwiegend digital. Campusleben im eigentlichen Sinne gibt es nicht.

Einige Studierende erleben fast ausschließlich Vorlesungen, die 2019 aufgezeichnet wurden, und fragen sich: Was machen eigentlich die Professoren?

Das ist wie in der Lehre vor der Pandemie auch: Es gibt viele, die sehr engagiert sind und auch vorher nicht fünf Jahre lang die gleiche Vorlesung gehalten haben, sondern sie immer wieder aktualisiert und ihre Seminare sehr engagiert vorbereitet haben. Wie in jedem Beruf gibt es aber auch die wenigen, die nicht so engagiert bei der Sache sind. Es ist aber auch so, dass unsere Professoren und andere Mitarbeiter viel mehr zu tun haben, weil sie ihre Inhalte jetzt digital übermitteln müssen, weil sie virtuelle Lehr- und Lernformate entwickeln müssen.

Studieren während Corona in Hessen: Große Vorlesungen finden rein digital statt

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Wenn ein Seminar rein digital stattfindet, ist die große Frage, wie man mit den Studierenden interagiert. Wir diskutieren über einen Chat oder über andere virtuelle Formate und müssen den Studierenden ja auch ein Feedback geben. Hausarbeiten müssen digital betreut werden. Auch Sprechstunden finden rein digital statt. Das ist alles nicht so einfach. In den laborwissenschaftlichen Fächern zum Beispiel sieht das etwas anders aus. Dort gibt es mehr Präsenzveranstaltungen wie Laborpraktika.

Wie ist die Lage in den großen Studiengängen wie Jura oder Wirtschaftswissenschaften, wo normalerweise Hunderte Studenten in einem Hörsaal sitzen? Ist dort überhaupt Interaktion möglich?

Die ganz großen Vorlesungen finden ausschließlich digital statt. Das wird auch im nächsten Semester so sein. 800 Leute in einem Hörsaal sind auch im Herbst nicht vorstellbar. Teilweise sind diese großen Lehrveranstaltungen auch schon vor Corona aufgezeichnet worden, damit Studierende auch außerhalb der Vorlesungszeit zu einer flexiblen Zeit auf die Aufzeichnung zugreifen konnten. Die Interaktion läuft über andere Veranstaltungen wie Seminare. Aber auch in den Vorlesungen können Studierende durchaus Fragen stellen, aber eben digital. Die Umstellung ist auch für die Lehrenden groß, weil sie ihre Vorlesungen nun nicht mehr vor einem Hörsaal mit Menschen halten, sondern vor einer Kamera. Kein Blickkontakt, kein Feedback – das ist auch für die Lehrenden nicht einfach.

Studieren in Coronazeiten: Einige Fächer setzen auf Hybrid-Formate

Wissenschaftsministerin Dorn hat mit den hessischen Hochschulen ein Konzept erarbeitet, um im Wintersemester wieder möglichst viel Präsenzlehre zu ermöglichen. Wie kann das funktionieren?

Wir haben an dem Konzept mitgewirkt, und zusätzlich hat jede Hochschule ihr spezifisches Konzept entwickelt. Das Ziel ist, so viel Präsenzlehre zu ermöglichen, wie es verantwortbar ist. Das ist von Fach zu Fach unterschiedlich. Die Konzepte unserer Fachbereiche sind öffentlich einsehbar auf unserer Homepage, so dass die Studierenden schon jetzt sehen können, was ihr Fachbereich vorhat. Das ist wichtig, damit die Studierenden planen können, ob es sich etwa für sie lohnt, ein Zimmer zu mieten.

Sind dann in den großen Studiengängen Präsenzveranstaltungen denkbar?

In jedem Studiengang gibt es auch Präsenzanteile, vor allem für die ersten Semester und für die Abschlusssemester. Einige Fächer setzen stark auf Hybrid-Formate: Sie nutzen 30 Prozent der Sitzplätze, das ist unsere Maximalvorgabe, die anderen werden digital zugeschaltet. Da sind wöchentliche Wechsel denkbar. Wir werden auch die Gebäude wieder komplett öffnen. Die Studierenden haben dann wieder Zugang zu Gruppenarbeitsräumen und zu Sitzecken, wo sie zwischen den Lehrveranstaltungen lernen und sich begegnen können. Diese Dinge sind es, die derzeit im Campusleben fehlen. Es wird also ein Präsenzsemester, aber mit Einschränkungen. Wie groß die Einschränkungen sind, hängt davon ab, wie sich die Pandemie bis Mitte Oktober entwickelt.

Welche Veränderungen aus der Corona-Zeit sollten nach Ihrer Einschätzung auch nach der Pandemie erhalten bleiben?

Sie gehen davon aus, dass es eine „Post-Corona-Zeit“ geben wird. Ich glaube, wir müssen akzeptieren, dass Covid-19 auf Dauer zum Krankheits-Repertoire dazugehören wird. Umso wichtiger ist es, Lehren aus der Corona-Pandemie zu ziehen. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir die digitalen und Hybrid-Formate, die wir aus der Not geboren entwickelt haben, dort, wo sie sinnvoll sind, beibehalten.

Studieren während Corona: Digitale Kompetenzen müssen besser vermittelt werden

Wo wäre das?

Zum Beispiel dort, wo es sich die Studierenden selbst wünschen. Wer etwa Kinder zu betreuen oder pflegebedürftige Angehörige zu versorgen hat, hat es mit digitalen Formaten leichter, an der Lehre teilzunehmen. Diese Flexibilisierung für die Studierenden müssen wir unbedingt in die Zukunft hinüberretten. Digitale Angebote sollten aber kein Ersatz für Präsenzlehre sein, sondern komplementäre Angebote. Wir müssen uns aber in der nächsten Zeit verstärkt über die Qualitätssicherung unterhalten. Nur eine Powerpoint-Präsentation hochzuladen ist noch keine qualitätsvolle Lehre. Es gibt auch bei uns unzählige positive Beispiele für gelungene digitale Lehre. Diese werden wir jetzt – nach einer Zeit, in der es vor allem darum ging, als Universität den Kopf über Wasser zu halten – verstärkt in den Blick nehmen.

Wie wollen Sie die Qualität der digitalen Lehre verbessern?

Wir müssen den Lehrenden noch stärker zur Seite stehen in der Vermittlung digitaler Kompetenzen. Es gibt auch schon ein hochschulübergreifendes digitales Kompetenznetzwerk Lehren und Lernen (digLL), das vom Land gefördert wird. Das ist ein Team aus Mitarbeitern, das den Lehrenden mit digitaler Kompetenz zur Seite steht. Das gilt es weiterzuentwickeln.

Gibt es einen Austausch mit den anderen hessischen Hochschulen?

Ja, die meisten hessischen Hochschulen sind an digLL beteiligt. Jeder stellt seine Best-Practice-Beispiele zur Verfügung und berichtet von positiven und negativen Erfahrungen. Dieser Austausch ist wahnsinnig wichtig. Die Vizepräsidentinnen und Vizepräsidenten für Studium und Lehre sind dafür verantwortlich. Durch Testungen und Impfungen ändern sich ja auch die Bedingungen.

Viele Studierende sind bereits geimpft: 3G-Regel in Hessens Hochschulen?

Gibt es bei Ihnen spezielle Impfangebote für Studierende?

Ja, wir machen das seit einigen Wochen in Zusammenarbeit mit einer Arztpraxis in unseren Räumen. Das Angebot wird sehr gut angenommen. Die Idee kam vom AStA, und wir haben sie gerne aufgegriffen. Viele Studierende sind bereits geimpft, wir spüren eine Sättigung bei der Nachfrage.

Wird es auch an der Hochschule spezielle Regeln für Geimpfte, Genesene oder Getestete geben?

Ich gehe davon aus, dass es spätestens nach der Bundestagswahl eine neue Verordnungslage dazu geben wird – nicht nur für Hochschulen, sondern für alle Veranstaltungen in Innenräumen. Das warten wir ab.

Was raten Sie Studierenden zum Durchhalten nach der langen Zeit der digitalen Lehre?

Ich rate den Studierenden, die Chance zu nutzen, jetzt wieder mit Präsenzlehre in das Studium einzusteigen. Auch um einfach an der Uni zu sein und alles das zu nutzen, was Uni auch ausmacht: Es ist die Nutzung der Bibliothek und der Mensa, es ist der soziale Austausch mit den Mitstudierenden. Auch das Partyleben wird wiederkommen. Und ich rate allen, den Kopf nicht hängen zu lassen. Wer unter diesen widrigen Bedingungen studiert, hat auch einen Vorteil: Man hat eine besondere Resilienz für das weitere Leben erworben. Das sollte den Studierenden auch Kraft geben. (Interview: Christiane Warnecke)

Ein Professor aus Frankfurt forderte bereits 2020, wieder Präsenzlehre für Studierende anzubieten und verfasste daher einen offenen Brief. 4000 Professoren und Dozenten aus ganz Deutschland unterschrieben.

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