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Das Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar: Hier sollen vier Menschen durch die Hand einer falschen Anästhesistin gestorben sein.

Gesundheit

Hochstapler Hessen: Drei falsche Ärzte in einem Jahr erwischt

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Deutschland macht es Betrügern zu einfach, kritisieren Patientschützer. Sie fordern ein bundeseinheitliches Register.

Sie soll mit gefälschten Zeugnissen an einer Klinik in Fritzlar tätig gewesen sein und durch fehlerhafte Anästhesien vier Todesfälle zu verantworten haben: Der jetzt bekanntgewordene Fall der 48 Jahre alten Betrügerin lässt viele fassungslos zurück. Patientenschützer sehen gar einen Fehler im System. 

Die Frau war auch nicht die Einzige, die an Menschen herumdokterte, ohne die notwendigen Kenntnisse oder gar Zeugnisse zu besitzen: „Im Jahr 2018 gab es drei Fälle, darunter die falsche Ärztin in Fritzlar“, sagte die Sprecherin der Landesärztekammer Hessen, Katja Möhrle, der Frankfurter Rundschau am Montag. Im Jahr davor und im aktuellen Jahr seien keine Fälle aufgetreten.

Betrug in Hessen: Zeugnisse werden immer öfter digital gefälscht

Wer in Hessen als Arzt oder Ärztin tätig werden will, muss der Kammer beitreten. Bei der Anmeldung als neues Mitglied sind die Approbations- und Facharzturkunden vorzulegen. „Dabei fallen in der Regel gefälschte Urkunden auf“, sagte Möhrle. Offenbar nicht immer: Der falschen Ärztin in Fritzlar ging die Kammer auf den Leim.

Sie erkannte den Betrug nicht: „Mit Hilfe digitaler Anwendungen können Zeugnisse immer häufiger so gut gefälscht werden, dass sie von Originalen nicht oder so gut wie nicht unterscheidbar sind“, erläuterte Möhrle. Dies gelte vor allem für im Ausland ausgestellte Urkunden. 

Aber selbst innerhalb Deutschlands gebe es wegen des Föderalismus keine Einheitlichkeit. Die Approbationsurkunden unterschieden sich von Bundesland zu Bundesland, so die Sprecherin. Verantwortlich für das Ausstellen der Urkunden sei das Landesprüfungsamt, eine Behörde des Landes. Der Landesärztekammer obliege hingegen die Ausstellung von Facharzturkunden. Und die verwende einen 2D-Barcode, um sie fälschungssicher zu machen.

Falsche Ärztin in Hessen: Betrügerin fliegt auf - Ärztekammer stellt Strafanzeige 

Aufgeflogen war die Verdächtige laut Möhrle, als sie nach Schleswig-Holstein umzog. „Im Oktober 2018 fiel auf, dass die angeblich in Rheinland-Pfalz ausgestellte Approbationsurkunde nicht echt sein konnte.“ Eine Prüfung durch die Approbationsbehörde in Rheinland-Pfalz habe dies bestätigt. Am 19. November habe die Landesärztekammer Hessen Strafanzeige gestellt – „wegen unberechtigter Ausübung der Heilkunde, Urkundenfälschung und Missbrauchs von Berufsbezeichnungen“.

Offenkundig hatte die Betrügerin kurz davor Wind davon bekommen und zeitgleich versucht, das Schlimmste zu verhindern. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtete, hatte sie laut Staatsanwaltschaft selbst die Ermittlungen gegen sich ins Rollen gebracht. Sie habe Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrugs gestellt, sagte Behördensprecher Götz Wied in Kassel. Parallel sei die Anzeige der Landesärztekammer Hessen eingegangen. Die Frau sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

Kritik am System: Zentrales Register für Approbation gefordert

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz sieht einen Fehler im System und fordert die Bundespolitik auf, dies zu ändern: „Deutschland macht es medizinischen Hochstaplern zu leicht“, sagte Vorstandsmitglied Eugen Brysch. „So wird mit dem Leben der Patienten gespielt.“ Angesichts von 17 Landesärztekammern sei es für Betrüger einfach, fehlende Zulassungen zu verschleiern. 

Brysch kritisiert nicht nur, sondern macht auch Vorschläge: Die Prüfungsämter müssten schon vor Ausstellung der Approbation die Echtheit des Staatsexamens bestätigen. Zudem brauche es ein Zentralregister für Approbationen bei der Bundesärztekammer. Brysch nimmt zudem die Krankenhausträger in die Pflicht: Sie müssten verpflichtet werden, die Zulassung eines Arztes bei dem Register abzufragen. „Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist gefordert, auf die deutsche Ärzteschaft zuzugehen, um die Kleinstaaterei in dieser Frage zu beenden.“ Eine FR-Anfrage dazu bei der Hessischen Krankenhausgesellschaft blieb am Montag unbeantwortet.

Mann fliegt als Betrüger auf - Mit gefälschten Unterlagen in Klinik beworben

Erst im vergangenen Januar war im nordhessischen Melsungen ein 38-Jähriger Betrüger aufgeflogen, dank einer aufmerksamer Krankenpflegerin und Schwestern. Der Mann hatte sich als Arzt ausgegeben und kurzzeitig in einer Klinik gearbeitet. Bereits nach wenigen Diensten war er durch seine Inkompetenz aufgeflogen. Das Asklepios-Klinikum erstattete Anzeige gegen den mutmaßlichen Hochstapler.

Besonders krass: Der Mann war wegen ähnlicher Vergehen vor der Tat bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Das Urteil war noch nicht rechtskräftig, er war gegen Auflagen auf freiem Fuß. In der Klinik hatte er sich mit gefälschten Unterlagen beworben. Das kleine Krankenhaus stellte ihn als Aushilfe für Bereitschaftsdienste im Sommer an. Nach drei bis vier Diensten fiel auf, dass er die standardisierten Verfahren bei Bluttransfusionen nicht einhielt.

Hessen: Der Fall der falschen Ärztin

Die 48 Jahre alte Frau hatte in der Zeit von 2015 bis 2018 in der Klinik Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) als Assistenzärztin gearbeitet. Sie soll ohne entsprechende Ausbildung Patienten betäubt haben, wie hna.de berichtet.* Vier der Patienten starben, in acht weiteren Fällen sollen Gesundheitsschäden eingetreten sein. 

Ob es weitere Opfer gibt, prüfen die Behörden. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln unter anderem wegen des Verdachts des Totschlags, gefährlicher Körperverletzung, Urkundenfälschung, Betrugs und des Missbrauchs von Titeln. 

Die Verdächtige war auch in anderen medizinischen Einrichtungen tätig: In Nordhessen arbeitete sie den Angaben zufolge zeitweise für die Gesundheitsdienstleisterin Vitos - allerdings lediglich als freie Dozentin in einer Schule für Gesundheitsberufe, wie eine Vitos-Sprecherin versicherte. Die Frau habe dort als Biologin die Schüler im Fach Anatomie unterrichtet. 

Falsche Ärztin in Hessen: Anstellung mit falschen Angaben erschlichen

Laut Staatsanwaltschaft arbeitete die Verdächtige zudem nach ihrer Tätigkeit in Nordhessen auch in Schleswig-Holstein. Sie sei für rund zwei Monate in einer Reha-Klinik im Landkreis Plön tätig gewesen. "Ihre Tätigkeit beschränkte sich nach hiesigen Erkenntnissen auf den Reha-Bereich, das heißt, Verschreiben von entsprechenden Anwendungen und Ähnliches", sagte Behördensprecher Götz Wied. Ihre Geschichte in Nordhessen hat die HNA recherchiert

Hinweise für eine Beteiligung an Operationen in Schleswig-Holstein bestünden nicht. Doch auch dort soll sie sich die Anstellung mit falschen Angaben erschlichen haben. 

Die Ermittler hatten am vergangenen Freitag ein Telefon für Hinweise und mögliche weitere Geschädigte eingerichtet. Dort gingen bis Montag 18 Hinweise ein. Es handele sich aber hauptsächlich nicht um weitere potenzielle Geschädigte, sondern um mögliche weitere Zeugen, sagte ein Polizeisprecher in Homberg am Montag. 

Von Jutta Rippegather/dpa

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