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Windräder verschandeln die Landschaft sagen die einen, anderen sind sie längst egal. In Hessen ist die Abneigung gegen diese Technologie deutlich größer als beispielsweise in Rheinland-Pfalz.

Windkraft in Hessen

Hessen hinkt hinterher

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Das Bürgerbegehren zur Windkraft in der Gemeinde Eltville im Taunus scheiterte am vergangenen Wochenende – es gingen einfach nicht ausreichend viele Bürger zur Wahlurne. Sind die Hessen also gar nicht so sehr gegen die Windenergie, wie es Gegner oder die FDP gerne behaupten? Tatsache ist: Die Windkraft spaltet.

Es war ganz knapp am Wochenende in Eltville. Nicht nur, weil den Windkraftgegnern beim Bürgerentscheid in Sachen Windräder im Rheingau 469 Ja-Stimmen fehlten, um die Rotoren zu kippen. Auch bei den abgegebenen Stimmen waren zwar 54,1 Prozent gegen den Bau von Windkraftanlagen, 45,9 Prozent der Bürger waren aber dafür. Das zeigt geradezu exemplarisch, wie umstritten die Windkraft in Hessen momentan ist.

„Die überwiegende Mehrheit der Bürger ist für die Energiewende“, betont Hessens grüner Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Auch in Eltville hätten es „die Gegner der Windkraft nicht geschafft, die erforderliche Zahl von Stimmen zu mobilisieren“. Die FDP hingegen spricht von einer „herben Niederlage“ und einem „deutlichen Denkzettel“ für die schwarz-grüne Regierung in Wiesbaden.

Die FDP positioniert sich seit der Landtagswahl 2014, bei der sie aus der Regierung flog, immer stärker als Partei der Windkraftgegner. Doch ist die Akzeptanz von Energiewende und Windenergie tatsächlich so gering? SPD-Energieexperte Timon Gremmels kommentierte den Ausgang in der 13 000-Einwohner-Gemeinde so: „Die Mehrheit der Menschen hat anscheinend keine Einwände gegen Windkraft in Eltville und ist deshalb leider zu Hause geblieben.“

Tatsächlich treibt die schwarz-grüne Landesregierung seit ihrem Amtsantritt im Januar 2014 den Ausbau der Windkraft voran. 87 neue Anlagen seien 2014 in Hessen in Betrieb gegangen, jubelte Al-Wazir im Januar, das sei Rekord. Damit standen Ende 2014 in Hessen insgesamt 831 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von 1195 Megawatt. Derzeit sind laut Wirtschaftsministerium 113 weitere Anlagen genehmigt und weitere 408 im Genehmigungsverfahren.

Damit macht Hessen bei der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien einen großen Schritt nach vorne. Das Land will bis 2050 seine Energie komplett aus regenerierbaren Ressourcen decken, bis 2017 soll der Anteil am Stromverbrauch verdoppelt werden – dann sind es immer noch nur 25 Prozent.

Andere Bundesländer sind längst weiter, und das nicht nur im hohen Norden: Im Nachbarland Rheinland-Pfalz standen Ende 2014 fast 1360 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von über 2300 Megawatt – das sind gut 60 Prozent mehr als in Hessen. In der Eifel und im Hunsrück gibt es riesige Windenergieparks, Rheinhessen ist voller Windkraftanlagen – rheinhessische Weinhügel ohne Windräder gibt es zumindest optisch fast nicht mehr.

Trotzdem stellte in diesem Frühjahr eine Studie im Auftrag der rot-grünen Landesregierung in Rheinland-Pfalz eine riesige Akzeptanz der Energiewende fest – gerade der Windkraft. 88 Prozent der 1000 zufällig ausgewählten Rheinland-Pfälzer gaben an, die Energiewende sei gut oder sehr gut, nur 7 Prozent fanden sie weniger gut und 4 Prozent überhaupt nicht gut.

95 Prozent der Rheinland-Pfälzer sprachen sich für einen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien aus, auch beim Ausbau der Windenergie sahen 85 Prozent der Befragten Vorteile – Nachteile sahen nur 14 Prozent. Und das, obwohl 41 Prozent der Befragten ein Haus in der Nähe einer Windenergieanlage haben.

In Hessen hingegen scheint der starke Ausbau der Windenergie auch die Gegner zu stärken: In Oestrich-Winkel sprachen sich 2014 rund 60 Prozent der Bürger gegen Windräder auf dem Taunuskamm aus, ein klares Votum. Selbst der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) wetterte gegen die Rotoren im Taunus – das verschandele die Kulisse der Kulturlandschaft Rheingau auch von Mainz aus. Ähnlich argumentierten jetzt die Gegner in Eltville: „Pro Kulturlandschaft Rheingau“ heißt die Initiative gegen die Ausweisung einer Windvorrangfläche oberhalb von Eltville. In nur 2,7 Kilometer Entfernung vom weltberühmten Kloster Eberbach könnten hier sechs bis sieben Windräder gebaut werden – die Initiative sammelte 2000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren.

Windräder, die rechts und links der Basilika von Kloster Eberbach aufragen? „Das ist absurd“, findet Dirk Würz, Betriebsleiter des renommierten Rheingauer Weinguts Balthasar Ress: „Das ist, als würde man ein Windrad neben den Eiffelturm stellen.“ Im Rheingau schloss sich der Verband der Spitzenweingüter VDP einer Resolution gegen die Windräder an, auch Würz war dabei. Dabei betont er ausdrücklich, dass er ein großer Befürworter der Windkraft sei: „Ich bin extrem dafür, aber ich halte es für unverantwortlich, die Dinger überall hinzustellen.“

Würz hat bis vor kurzem im rheinhessischen Hinterland gewohnt, umzingelt von Windrädern. „In Rheinhessen ist das scheißegal“, sagt Würz, „da sind die Windräder inzwischen Teil der Identität.“ Aber man könne doch nicht in eine der schönsten und ältesten Kulturlandschaften, einem Weltkulturerbe wie das Mittelrheintal, einfach Windräder stellen. „Da ist jedes Rotorblatt zuviel“, findet der Winzer.

Bei Minister Al-Wazir heißt es, negative Voten würden natürlich ernst genommen, sie seien zudem „Anlass, unsere Überzeugungsarbeit fortzusetzen.“ Das könnte ein wichtiger Weg sein, heißt es doch in Rheinland-Pfalz, Information sei das A und O. Die Studie habe auch „eindeutig gezeigt, je besser die Menschen informiert sind, je größer ist die Zustimmung“, sagte die Mainzer Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne).

Die Akzeptanz wächst auch dort, wo Kommunen und Bürger von der Windenergie profitieren. In Ulrichstein im Vogelsbergkreis macht die 3000-Einwohner-Gemeinde inzwischen gewaltige Gewinne mit ihren Windrädern. 1996 wurde dort einer der ersten kommunalen Windparks errichtet, mittlerweile stehen dort 53 Windräder an fünf Standorten – drei davon sind Bürgerparks. 900 000 Euro Überschuss erwirtschaftet die Gemeinde jedes Jahr mit der Windenergie, allein der kommunale Windpark verdient mehr als 350 000 Euro.

Kein Wunder, dass auch die klamme Stadt Eltville von dem Geldsegen profitieren will. Trotzdem blieb in dem Rheingau-Ort die Ablehnung in der Bevölkerung hoch, auch wenn die landeseigene Agentur Energieland Hessen gleich zwei

Bürgerforen

veranstaltete. Doch Windräder rechts und links am Kloster Eberbach? Das bewegte sogar die Landesdenkmalpflege zu einem strikten Nein.

Das Plädoyer, jeder müsse seinen Anteil zur Energiewende leisten, sei ja gut, doch zur Umsetzung brauche es mehr kreative Ideen, sagt Winzer Würz. „Lasst uns über einen Windpark im Wald reden oder über Stromgeneratoren auf Rheinbojen.“ Auch sehe er im Rheingau sehr wenig Solardächer – ein ungenutztes Potenzial. „Ich plädiere für sorgfältige Differenzierung“, sagt Würz: „Es gibt kein einfaches Schwarz und Weiß.“

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